Wenn das Innere leidet

 
TW: Depression, Tod, narzisstisches Verhalten

 
Der heutige Beitrag fällt mir unglaublich schwer. Und trotzdem schwirrt er mir seit vielen Wochen immer wieder im Kopf umher, möchte heute, genau heute, heraus, also lasse ich ihn. Ich weiß weder, ob ich meine Gedanken verständlich äußern kann, ob der Text ein reines Chaos wird oder ob jeder, der sich hier durchwühlt, sich wünschen wird, es nicht getan zu haben.
Was ich sicher sagen kann, das hier sind meine Erfahrungen, meine Empfindungen, keine Verallgemeinerungen.

 
Was ist am heutigen Tag so besonders?
Heute vor neun Jahren hat ein ganz besonderer Mensch mein Leben verlassen.
Dabei geht es um meinen Ex-Freund. Und nein, er hat an diesem Tag nicht unsere Beziehung beendet, das hatte ich bereits einige Jahre zuvor getan. Das Verlassen ist viel endgültiger gewesen, unwiderbringlich.
Und damit hat sich mein Leben völlig verändert. Nicht sofort, denn die Anfangszeit bestand aus einer sehr kurzen Auszeit vom Job, es folgte eine eher arbeitsreiche Phase, Ablenkung war genau das Richtige, bis zu dem Punkt, an dem ich meinem Körper zugestehen musste, mich auszuruhen. Selbst da habe ich nicht gemerkt, dass dieses Ereignis viel tiefere Spuren in mir hinterlassen hatte – aber wie hätte ich das auch können? Trauer ist normal, braucht je nach Mensch unterschiedlich viel Zeit, aber das Leben geht ja weiter.
Was ich zu dem Zeitpunkt nicht wusste – gar nicht wissen konnte -, dieses Ereignis hat eine Krankheit losgetreten, die mir selbst noch einige Jahre lang danach absolut unbekannt war. Dysthymie.

 
Laut meiner Erfahrung gibt es nicht sehr umfangreiche Informationen dazu, gerade im deutschsprachigen Bereich. Ich persönlich mag die Darstellung auf dieser Seite recht gern, weil sie ausführlicher und zugleich verständlicher ist als ich sie sonst gefunden habe.
Nicht selten ist es so, dass eine Dysthymie schon sehr früh beginnt, aber erst viel später durch ein schwerwiegendes Ereignis ausgelöst wird, das nicht einmal mit der Ursache der Dysthymie zu tun hat/haben muss. Das schwerwiegende Ereignis habe ich oben geschildert. Die Erkrankung existierte bereits sehr lange. Aus heutiger Sicht (und es gibt noch sehr viele offene Fragen, auf die ich Antworten finden muss, in mir vergrabene Informationen, die therapeutische Ansätze zu blockieren scheinen) stimme ich der Erwähnung im verlinkten Text über Prägung im frühen Kindesalter zu. Dass die ersten Symptome zu der Zeit längst existierten, kann ich ebenfalls bestätigen. Ich hatte zu der Zeit allein schon eine Verhaltenstherapie hinter mir, die augenscheinlich andere Ursachen hatte, aber im Nachhinein stimmt das nicht. Es war nur nicht eindeutiger zu erkennen. Erst 2014 gab es den ersten Gedanken an die Dysthymie durch eine Ärztin, die mich bereits seit meiner Jugend begleitet hat, im Laufe der nächsten drei Jahre wurde sie mehrfach bestätigt. Und als würde eine solche Erkrankung nicht ausreichen, ist die vermutlich auffälligste Diagnose, die mich jeden Tag, rund um die Uhr begleitet, eine Angststörung.

 
An manchen Tagen habe ich das Gefühl, dass dieser eine Tag das gesamte Kartenhaus, das mein Leben darstellt, zum Einsturz gebracht hat. Dann weiß ich wieder, dass es natürlich nicht so ist. Und wäre es nicht das gewesen, hätte es irgendwann ein anderes Ereignis gegeben. Tatsächlich kaputtgegangen ist alles viel früher. Wann? Ich weiß es nicht. Ich habe auch nicht wirklich viele Erinnerungen an das Davor. Irgendwie ja, aber wann immer ich eine von ihnen greifen und ansehen möchte, ist da nicht viel. Ab und zu sind da unbestimmte Erinnerungen, die aber eher einem Gefühl gleichkommen. Was davon ist Tatsache und was verzerrte Erinnerung (womit ich nicht meine, dass meine subjektive Wahrnehmung verzerrt wäre, weil andere sie anders empfänden, sondern einfach aufgrund des Alters und des zeitlichen Abstandes)? Ich sage ja, es liegt vieles tief vergraben und mir fehlt der Zugriff darauf.

 
 

Anzeichen, Symptome etc.

Klar erkennbar ist ein großer Energieverlust, gepaart mit Antriebslosigkeit. Also Teile von Depressionen, wenn ich auch nicht zu denen zähle, die morgens nicht aufstehen können. Aber ich kann mich auch oft genug in anderen Situationen nicht aufraffen, es ist zu anstrengend. Genauso wie ich heute nicht weiß, was ich morgen tun kann. Was in langen Krankheitszeiten resultiert ist, die mittlerweile zu einer Erwerbsminderungsrente geführt haben (den ganzen Weg dazwischen mag ich gerade nicht ausführen, er war insgesamt recht kurz, denke ich, er hat nur ungefähr ein Jahr gedauert, was mich am meisten daran gestört hat, ist die bürokratische Pauschalisierung, aber gerade mit psychischen Erkrankungen ist das wohl etwas, was nicht sehr überraschend ist). Also, falls sich je jemand gefragt hat, warum ich zu den unterschiedlichsten Tageszeiten online anzutreffen bin, deswegen. Und sollte sich jemand fragen, wie ich mich mit der Rente fühle, gut. Seit ich nicht mehr zu sagen brauche, dass ich aus gesundheitlichen Gründen nicht arbeite (= faul), sondern Rentner bin (= oh, der Mensch ist krank, wie schlimm ist das denn in noch so einem jungen Alter), fühlt es sich erträglicher an. Nicht, dass an meiner Krankheit irgendwas anders wäre, aber die Reaktion ist oft einfach anders. Sollte anders sein, meine Erfahrung ist im Großen aber nicht so (es gibt natürlich Ausnahmen).

 
Stimmungsschwankungen und Reizbarkeit kann ich ziemlich sicher nennen. Mehr Traurigkeit als Fröhlichkeit vermutlich auch. Ich schreibe das so vage, weil der Weg dorthin ein Prozess war und ich das dadurch viel weniger klar wahrnehme. War ich früher wirklich fröhlicher? Ich weiß es nicht mal. Es ist ja nicht so, dass ich den ganzen Tag heulend in der Ecke sitze. Und ich kann mich nicht erinnern, je ein übermäßig positiver Mensch gewesen zu sein. Eher Realist mit Hang zum Negativen. Aber es gibt sie die Kleinigkeiten, die mich zum Lachen bringen, oft sogar täglich. Kurze Augenblicke. Bin ich also wirklich so traurig?
Ja, mit Abstand muss ich das wohl schon sagen. Ich kann mich sehr intensiv freuen und wer das schon mal erlebt hat, die Sternchen und Herzchen in meinen Augen gesehen hat, der kann sich in etwa vorstellen, was ich meine. Aber die Auslöser dafür sind weniger geworden, würde ich sagen. Es gibt weniger Dinge, die diese Begeisterung in mir auslösen, das dürfte wohl die passendste Antwort sein.

 
Es gibt oben hinter dem Link eine Auflistung an Symptomen. Gerade von den ersten habe ich ja schon welche genannt und bis auf den Selbstwert kann ich eigentlich alle für mich als zutreffend einstufen. Wobei ich schon immer viel gegrübelt habe und viel für mich war. Aber da ist eben auch wieder die Frage, zählt das zu den Sachen, die es schon gab und nur nicht erkannt wurden? Was davon ist der introvertierte Anteil von mir?
Was den Selbstwert betrifft, ich habe mich nie endlos hoch eingestuft. Aber ich halte mich bis heute auch nicht für wertlos. Ich weiß, dass es vielen mit Depression und anderen psychischen Erkrankungen anders geht und ich bin froh, wenigstens diesen Teil nicht mit mir rumzuschleppen. Der Rest wiegt genug.

 
Auch die körperlichen Symptome treffen zuteilen zu. Nicht alle, was normal ist, denke ich. Was ich besonders interessant fand, ist der Punkt „Kreislauf/vegetatives Nervensystem“ und die dabei erwähnte Temperaturüberempfindlichkeit. Ich habe schon immer schneller gefroren als andere Menschen, habe schon immer zu eher niedrigem Blutdruck und daraus resultierenden kalten Händen und Füßen geneigt. Aber in den letzten ungefähr fünf Jahren ist das immer schlimmer geworden. Ich trage schon dicke Klamotten, da möchte der Großteil sich bestenfalls in einen Hoodie mummeln. Ich brauche ewig zum An- und Ausziehen, wenn ich rausgehe oder nach Haus komme und ich hasse es. Ich hasse diese Unmengen an Klamotten, die mich einengen, in denen ich mich weniger frei bewegen kann, die mir in den Öffentlichen zu warm sind, ich aber draußen trotzdem brauche. Aber immerhin habe ich hier zum ersten Mal eine Erklärung gefunden, warum es mir überhaupt so geht.

 
 

Ärzte, Therapeuten usw.

Für mich ein ganz schwieriges Thema.
Nicht nur, dass es in Deutschland, obwohl noch eines der bestversorgtesten Länder, was das Gesundheitssystem betrifft, Horror ist, sich überhaupt einen Therapieplatz zu suchen, mit endlosen Wartezeiten, Wartelisten usw. Hinzu kommen die eher negativen Erfahrungen, die hinter mir liegen.

 
Therapeuten
Die erste Therapie war okay, zeitlich überschaubar, das Leben danach gut.

Die zweite, bei derselben Therapeutin, ließ ich irgendwann auslaufen, weil ich das Gefühl hatte, sie weiß nichts weiter mit mir anzufangen. Ich glaube allerdings im Nachhinein auch, dass sie nach der ersten auf bestimmte Aspekte fokussiert war, ich gleichzeitig irgendwo dichtgemacht habe und es ein Wechselspiel war, dass der Eindruck bei mir zustande kam.

Die dritte und letzte endete ziemlich … heftig.
Ich bin jetzt fast ein Jahr auf mich allein gestellt, denn so lange ist es her, seit meine letzte Therapie ausgelaufen ist. Sie wurde nicht verlängert. Und endete nicht gerade nett, was auch dazu geführt hat, dass es mir bislang schwerfällt, überhaupt nach einem neuen Platz zu suchen. Einem tiefenpsychologischen Platz, die ohnehin weniger verbreitet sind als verhaltenstherapeutische. Es geht ja immer noch um die Ausgrabungen.
Eine Therapeutin, die den eigentlichen Ursprung meiner Erkrankung (zumindest sieht es sehr wahrscheinlich danach aus) selbst gar nicht entdeckt, wenn auch im letzten Jahr freigelegt hat. Obwohl sie einige Jahre Zeit dazu hatte. Entdeckt habe ich ihn dank der Hilfe eines Menschen, der sich mit der Thematik auskennt und weil ein paar Äußerungen hier und da sich für mich wie ein Puzzle zusammengesetzt haben (ich vermeide die direkte Nennung des Ursprungs ganz bewusst). Leider war besagte Therapeutin ab diesem Zeitpunkt auch für eine Zusammenarbeit ungeeignet. Nicht nur, dass sie mich bedrängte und unter Druck setzte, in einer Weise zu handeln, die sie selbst in der Situation gern gesehen hätte. Nein, unser letzter Kontakt, nach Ablauf des durch die Krankenkasse bewilligten Kontingents, nach der Ablehnung jeglicher Widersprüche durch die Krankenkasse und nachdem ich tagelang auf Reaktion meiner Therapeutin warten musste (und dabei rede ich nicht vom Wochenende), was nicht das erste Mal war, aber in diesem Augenblick besonders problematisch war, weil ich komplett ohne Halt in der Luft hing (bzw. mich so fühlte), fand telefonisch statt. Eigentlich war verabredet gewesen, dass ich trotz allem zu einem Abschiedsgespräch in die Praxis kommen würde. Der Weg dorthin bedeutete für mich jedes Mal eine Stunde Fahrt mit den Öffentlichen. Und nachdem sie sich tagelang nicht gemeldet hatte, ohnehin keine Chance auf zusätzliche, überbrückende Unterstützung bestand und ich zutiefst enttäuscht war (es kam eine Menge zusammen, das hier sind einzelne Auszüge), habe ich ihr schriftlich mitgeteilt, dass ich nicht kommen würde und ihr dies auch begründet. Die Reaktion war eine E-Mail und etwas später der besagte Anruf. In dem sie diverse narzisstische Muster abspulte, mich bat, mir die Entscheidung zu überlegen (mehr als einmal), mir sagte, dass sie mit Abschieden nicht gut umgehen könne und ich deswegen doch noch mal vorbeikommen solle, mir erzählte, wie viel Aufwand all die Anträge für sie doch seien und wie belastet sie gerade wäre – und endete in Tränen auf ihrer Seite.
Ich habe die Muster, emotionalen Druck auf mich auszuüben, in dem Augenblick sofort erkannt. Das bedeutet nicht, dass sie an mir abgeprallt sind. Im Gegenteil, sie sind der Grund, warum ich noch keinen Platz in Angriff genommen habe. Wer weiß, bei wem ich als nächstes lande. Ich baue ohnehin sehr schwer Vertrauen auf und nach diesem Telefonat wie auch den letzten Wochen in der Therapie fehlte mir ganz einfach die Fähigkeit, mich Therapeuten anzuvertrauen. So langsam legt sich das. Immerhin etwas. Dass ich Ende letzten Jahres zusätzlich in die tiefste depressive Phase meines bisherigen Lebens gerutscht bin, hat das Ganze dann auch nicht gerade positiv beeinflusst, zumal das auch locker ein halbes Jahr angehalten hat, bevor ich mich da Stück für Stück höher kämpfen konnte. Dass ich raus bin, würde ich nicht behaupten, denn im Grunde hängt man als dysthymer Mensch ständig in der Depression, nur nicht so tief, nicht ganz so antriebslos und nicht ganz so geschwächt wie in klassischen depressiven Phasen. Hinzu kam auch, dass ich sehr anfällig für die graue Jahreszeit bin. Das kam letztes Jahr ungünstig zusammen, hat mir dieses Jahr sicher beim Aufstieg geholfen und über alles Weitere denke ich nicht nach.

 
Ärzte
Fachärzte zu finden, ist ebenfalls ein „Spaß“ für sich. Nicht nur, dass es immer heißt „wir nehmen keine neuen Patienten an“, nein, es gibt ja nicht nur den Facharzt für Psychiatrie, er ist gekoppelt mit der Neurologie. Generell sicher nicht falsch, aber meiner Erfahrung nach spezialisieren die meisten sich auf Neurologie statt auf Psychiatrie.
Als ich 2011 in einer Praxis auftauchte, in der ich Jahre zuvor aufgrund einer neurologischen Untersuchung im Patientenstamm gelandet war und sie mich deswegen gar nicht abweisen konnten, war die erste Konsultation sehr distanziert. Ich hatte das Gefühl, abgefertigt zu werden. Leider war ich auf die Krankschrift angewiesen, da ich nicht in der Lage war, arbeiten zu gehen und angeblich dürfen Hausärzte das nicht langfristig machen. Ab dem zweiten Termin wurde es besser und während meiner zweiten Therapie war ich begleitend dort.
Als 2014 der Dysthymie-Verdacht auf den Tisch kam (ich hatte ungefähr ein Jahr Ruhe im Kopf gehabt, in dem Jahr eine Weiterbildung gemacht und im neuen Job auch kurzzeitig gearbeitet) und ich wieder in der Facharztpraxis aufgetaucht bin, ging das Spiel mit dem Abfertigen von vorn los. Woher meine Probleme denn dieses Mal kommen? Ich wusste es nicht. Wüsste ich es, bräuchte ich vermutlich keine ärztliche Hilfe. Die Reaktion? Na, wenn sie einfach aus heiterem Himmel aufgetaucht wären, dann würden sie ja vielleicht auch einfach wieder so verschwinden.
Resultat: Ich wollte weder einen Arzt noch einen Therapeuten suchen. Das habe ich ungefähr ein halbes Jahr gemacht, bis ich nicht mehr konnte und in meiner dritten Therapie gelandet bin.

 
Ebenso gibt es Ärzte, die plötzlich der Meinung sind, ich müsse ja nur wollen und ich würde mir ja nichts zutrauen. Und es könne ja nicht sein, dass ich jetzt schon berentet bin. Ob ich denn jetzt mein restliches Leben dem Staat auf der Tasche liegen wolle? Dass das ja reichlich unfair anderen Menschen gegebenüber sei, die arbeiten müssten. Und ich frage mich dann jedes Mal, was in diesen Köpfen eigentlich so falsch läuft. Ich weiß, dass es nicht einfach ist, eine Arztpraxis am Leben zu halten. Ich habe das jahrelang hautnah miterlebt, denn die Mutter von besagtem Ex-Freund hatte eine eigene hausärztliche internistische Praxis (Allgemeinmediziner und Internisten sind wohl diejenigen, die am schlimmsten dastehen hinsichtlich Budget und daraus resultierend auch Verdienst, vor allem, wenn sie für ihre Patienten da sein wollen, und wenn ich eines über meine Schwiegermutter – ich nenne sie bis heute so – sagen kann, dann, dass für sie die Patienten an oberster Stelle standen). Sie hatte die Praxis bis sie selbst aus gesundheitlichen Gründen aufhören musste, alles aufgeben musste. Also ja, ich weiß auch, dass es kein Zuckerschlecken ist, niedergelassener Arzt zu sein, sein Personal zu bezahlen, sondern dass da sehr viel Arbeitszeit außerhalb der Sprechzeiten dranhängt. Gleichzeitig bin ich nach solchen Aussagen, wie ich sie zu hören bekommen habe, völlig überzeugt, dass diese Leute absolut keine Ahnung davon haben, wie es ist 24/7 Akkord zu arbeiten, denn nichts anderes tue ich. Nur um zu überleben. Ohne abschalten zu können. Immer darauf bedacht, die Angsttrigger in Schach zu halten, dabei gegen die depressive Niedergeschlagenheit anzukämpfen und eben irgendwie zu überleben. Ganz selten mal zu leben.
Solche Aussagen machen mich kaum noch traurig. Aber sie machen mich endlos wütend. Als hätte ich mir das alles ausgesucht. Niemand sucht sich das freiwillig aus. Niemand.

 
Aber das alles macht es so schwer, überhaupt noch wem zu vertrauen (hinsichtlich Ärzten und Therapeuten).

 
 

Leben, Zukunft …

Ich habe aufgehört über die Zukunft nachzudenken. Langfristig mache ich das schon sehr lange nicht mehr. Zukunftsplanung? Karriere. Screw all this! Mit so einer Krankheit (und auch wenn das nirgends wirklich so ausgesprochen wurde, gehe ich von einem chronischen Verlauf aus, weil es sehr lange unentdeckt geblieben ist), die einem ständig an den Hacken klebt, weißt du nie, wie viel Kraft du morgen haben wirst. Wie willst du da übers nächste Jahr nachdenken? Über in fünf Jahren? Oder in zehn?
Ich würde nicht behaupten, dass ich wirklich im Hier und Jetzt lebe, mich immer nur darauf konzentriere, was ich gerade fühle oder erlebe. Allein dafür muss ich zu viel nachdenken. Eher lasse ich die Dinge geschehen und schiebe eine Menge der negativen von mir. Was nicht heißt, dass ich ihnen allen ausweiche, dafür bin ich ein zu realitätsnaher Mensch und müsste mich selbst belügen können. Aber womit ich mich nicht auseinandersetzen muss, nehme ich oft nur kurz wahr und dann ist es wieder weg, bis es mir erneut über den Weg hoppelt.
Auf der bewussten Ebene versuche ich mich eher auf die positiveren Dinge zu konzentrieren, wobei ich eben nie ein positiver Mensch war und deswegen auch nicht sonderlich darin brilliere.
Im Grunde gleicht das alles überwiegend einem „Muss ich das da unbedingt machen? Nein? Gut, weg.“ und ebenfalls einem „Das, das und das muss ich nicht? Super, Zeit für das andere.“.
Das ist kein Konzept, das dauerhaft funktionieren wird, denke ich, aber ich hoffe, es hilft mir ein bisschen, meine Akkus ein wenig mehr zu füllen.

 
Manchmal erscheint es mir so unglaublich, dass ein einziger Tag der Anstoß für all das gewesen sein soll. Wie so ein kleiner Dominostein in einer riesigen Halle unzähliger weiterer aufgestellter Steine, die einer nach dem anderen kippen.
Wie gesagt, der Tag war im Grunde auch eher sowas wie ein Zufall, aber er ist da. Und er begleitet mich Jahr für Jahr.
Tag für Tag.
Es ist also alles ein verworrener Kreislauf, der gleichzeitig irgendwie ein Hamsterrad ist, mit mir als Hamster. Der Runde um Runde das Rad antreibt und nicht aufhören kann. Nicht zur Ruhe kommt.
Manchmal wünsche ich mir Urlaub. Urlaub von mir selbst. Und doch würde ich meinen Kopf, meine Psyche nie eintauschen. Denn das bin noch immer ich, das gehört zu mir.
Wenn nur …

 
Bis denne ☆

4 Gedanken zu „Wenn das Innere leidet

  • 2019.08.16 um 17:30
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    Ich habe deinen gesamten Beitrag aufmerksam gelesen und will dir auch hier nochmal sagen: du bist nicht allein. Ich habe auch Dysthymie (seit diesem Jahr endlich diagnostiziert, aber es hält schon viele Jahre an). Und ich finde es immer schwierig, weil die Leute nur Depression oder keine Depression kennen. Das es auch was dazwischen gibt, wird häufig nicht erwartet und erst recht nicht von mir, die dafür bekannt ist, morgens früh nichts lieber zu tun, als früh aufzustehen.
    Ich habe mich in vielem wiedergefunden und es tut mir leid, das du solche Erfahrungen machen musstest. Ich habe das Glück, sowohl bei meiner tiefenpsychologischen, als auch jetzt bei meiner Verhaltenstherapie ein glückliches Händchen gehabt haben zu müssen und nur ein paar Monate zu warten.
    Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht, ob ich dir was für die Zukunft wünschen kann und soll, denn ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Dysthymie kein Zustand ist, der über die Jahre besser wird. Er ist immer da, wie ein Schatten deiner selbst.

    Antwort
    • 2019.08.16 um 17:34
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      Und achja die körperlichen Symptome triggern natürlich auch meine vielen Phobien, die Temperaturüberempfindlichkeit habe ich auch, nur genau anders herum,also gegen Hitze, wobei das bei mir auch am Hashimoto liegt.

      Antwort
      • 2019.08.16 um 23:25
        Permalink

        Wenn sowas auch noch zusammenkommt, ist es natürlich auch nicht hilfreich.

        Ist es für dich aber auch etwas einfacher, die Probleme im Sommer zu akzeptieren, seit du die Zusammenhänge kennst (besser machts das ja trotzdem nicht, aber es ist halt nicht nur Einbildung, sondern ein Symptom einer Krankheit)?

        Antwort
    • 2019.08.16 um 23:24
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      Vielen Dank, vor allem, weil ich ja weiß, dass du mit dem Lesen gar nicht hinterher kommst. ^^

      Wie lange hast du auf die Diagnose warten müssen? Ich hatte mich bis dahin ja nicht mal als depressiv betrachtet. Ja, manchmal ein bisschen trauriger, aber depressiv? Niemals. Weil ich auch nur das klassische Bild kannte. Und ob es nun was bringt oder nicht, nachdem das Kind einen Namen hatte, fühlte ich mich besser. Es ist einfach etwas, das sich greifen lässt.

      Stimmt, diese Formulierung trifft es ziemlich gut. Ich mag die Aussage „ich hoffe, es geht schnell wieder besser“ deswegen auch gar nicht, nehme sie aber meist hin, weil sie ja doch gut gemeint ist. Wer nicht betroffen ist (nicht nur von Dysthymie, auch bei anderen Krankheiten), kann sich kaum vorstellen, wie es ist. Und schnell ist dabei eigentlich nie etwas.

      Antwort

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