Warum ein detaillierter Plot nicht Langeweile bedeutet

 
Mein heutiger Beitrag ist letztes Jahr im September im Schreibmeer erschienen. Da mir das Thema sehr am Herzen liegt (und ich finde, aus dieser Sicht gibt es kaum Schilderungen), kommt er heute hier online.

 
Wann immer ich mich unter Autoren umschaue, sind sie sich ähnlich und zugleich verschieden. Sie alle lieben das Schreiben, sie stecken Herzblut und Arbeit in ihre Projekte und doch tun sie das auf unterschiedliche Weise.
Der eine plant seine Geschichte grob, der Nächste überhaupt nicht und wieder ein anderer weiß alles, noch bevor er das erste Wort zu Papier bringt.

 
Zur letzten Gruppe zähle ich. Und nach meinen bisherigen Erfahrungen ist diese Gruppe sehr überschaubar. Weil das für mich zu Anfang überhaupt nicht nachvollziehbar gewesen ist, habe ich natürlich immer wieder nachgefragt, warum andere detailliertes Plotten nicht mögen. Und die am meisten vertretene Antwort hat gelautet, dass es langweilig sei. Die Autoren bräuchten die Überraschung und ein eng gestrickter Plot lasse dafür keine Möglichkeiten und enge sie ein.

 
Gegen genau dieses Vorurteil setze ich mich seitdem zur Wehr.
Allerdings glaube ich, dass es vor allem davon abhängt, wie man die Arbeitsschritte betrachtet. Ich nehme an, dass für die “plotlosen“ Autoren der Schreibprozess den Kreativitätsprozess darstellt.
Für mich ist das anders.

 
Wenn ich schreibe, ändere ich meinen Plot nicht mehr. Ich will das gar nicht. Und ich will auf gar keinen Fall auffällig überrascht werden. Das würde bedeuten, dass meine gesamte restliche Geschichte „den Bach runtergehen“ könnte, dass ich am Ende der Rohfassung gewissermaßen von vorn beginnen muss, weil sich zu viele Logikfehler eingeschlichen haben und meine Geschichte gar nicht mehr funktioniert.

 
Genau deswegen plotte ich.
Und zwar extra detailliert.
Um das zu umgehen.

 
Ich trenne den Kreativitätsprozess vom Schreiben, vom reinen Tippen.
Meine Kreativität hat ausgiebigen Freilauf in der Planungsphase. Da mache ich genau das, was andere Autoren während des Schreibens tun: Ich fahre ohne Karte los, schmettere den Wagen gegen die Wand, lege den Rückwärtsgang ein und probiere eine neue Seitenstraße. Ab und zu fahre ich auch einfach querfeldein.
Das alles findet in meinem Kopf statt, manchmal als Notizen auf Papier (meist digital) und wird möglicherweise wieder rausgeworfen, wenn eine spätere Idee diesen Teil nicht mehr funktionieren lässt. Das geht so lange hin und her, bis die Geschichte innerhalb meiner Prämisse und meines Gerüsts (7-Punkte-Stuktur) schlüssig ist und mir gefällt.

 
Mein Planungsprozess zieht sich deswegen über einen langen Zeitraum und das Plotdokument umfasst mehrere tausend Wörter (mein letzter fertiger Plot ist beispielsweise 27.500 Wörter lang).
Damit habe ich eine Grundlage in der Hand, mit der ich mich beruhigt an den PC setzen kann und nur noch zu tippen brauche. Nichts stört. Keine Ungereimtheiten darüber, was ich als Nächstes schreiben könnte. Keine Unruhe, ob das am Ende auch aufgehen wird, ob die Handlungsfäden wirklich zusammenpassen oder die Figuren mir nicht zwischendurch noch einen Strich durch die Rechnung machen. Ich weiß, ich komme an mein Ziel. Ich muss nur dem Plan folgen.

 
Und für mich ist das genauso spannend, wie das Erzählen von Geschichten am Lagerfeuer. Diese kennt der Erzähler auch bereits. Fände er sie langweilig, würde er sie vermutlich nicht erzählen. So wie ich meine Geschichte kenne, bevor ich sie schreibe. Und mich dennoch gerne hinsetze und tippe. Die Wahl des Wortes – also des Elements, mit dem ich Spannung verstärke oder nicht – liegt bei mir. Und da ich weiß, dass ich das, im Gegensatz zum Erzählen vor Publikum, nicht sofort perfekt zu machen brauche (denn das funktioniert nie im ersten Anlauf, aber mein Fokus liegt trotzdem stärker auf den Worten als auf der Handlung), fällt das Schreiben umso leichter. Ich kann mich hinsetzen, mein Plotdokument öffnen und schreiben. Solange ich Zeit habe oder möchte. Speichern. Dokument schließen. Morgen dasselbe. Ohne über Inhalte nachdenken zu müssen. Aber mit voller Konzentration auf den Text. Und teilweise erlebe ich die Geschichte dabei sogar, als kennte ich sie noch gar nicht. Da sind außerdem die kleinen Details, die sich durchaus neu ergeben, nicht inbegriffen. Sie haben nur keine Auswirkung auf den Plot im Allgemeinen, sie werfen ihn nicht um, hinterlassen aber trotzdem ein Gefühl der Überraschung und vermeiden Langeweile.

 
Und deswegen liebe ich es zu plotten. Viel und ausführlich, bis die Geschichte rund ist und geschrieben werden kann.

 
Zu welchem Typ zählt ihr?
Plant ihr überhaupt?
Welche Plotstruktur/en mögt ihr am liebsten?

 
Bis denne ☆

2 Gedanken zu „Warum ein detaillierter Plot nicht Langeweile bedeutet

  • 2019.06.29 um 6:54
    Permalink

    Cooler Beitrag und ich finde es immer wieder spannend, solch anderen Vorgehensweisen zu sehen 🙂
    Das ist echt der Wahnsinn, so genau zu plotten wäre für mich immer noch nichts, aber ich finde es super, dass du damit so gut zurecht kommst. Ich verstehe deinen Aspekte, also Gründe voll und ganz, finde sie auch sehr wichtig. Bei mir ist es nicht nur Langeweile, ich habe bei einem so genauen Plot dann schnell das Gefühl, ich hätte die Geschichte bereits geschrieben. Und dann die Worte trotzdem zu Papier zu bringen ist extrem, ermüdend.

    Liebe Grüße
    Nadine

    Antwort
    • 2019.07.04 um 19:46
      Permalink

      Danke für deinen Kommentar, liebe Nadine. ^^

      Vielleicht liegt es daran, dass ich meine Geschichten immer wieder erzählen könnte. Halt wie der Erzähler am Lagerfeuer, der macht sowas ja auch immer wieder. Oder der auf einem Jahrmarkt. Wie der Schauspieler im Theater, der regelmäßig mit seinen Kollegen dasselbe Stück aufführt. Oder die Band, die regelmäßig dieselben Songs spielt, während sie auf Tour ist. Irgendsowas in der Art.
      Aber ich habe schon als Kind den reinen physischen Vorgang des Tippens geliebt, vielleicht stört es mich auch deswegen nicht. Denn genau das kann ich eben ganz in Ruhe tun.

      Antwort

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

function wpb_remove_commentsip( $comment_author_ip ) { return ''; } add_filter( 'pre_comment_user_ip', 'wpb_remove_commentsip' );