Missbrauch durch elterlichen Narzissmus

 
TW: Narzissmus, Kindesmissbrauch

 
Ich habe lange mit mir gehadert, ob ich zu diesem Thema jemals öffentlich schreiben werde.
Eigentlich will ich es, wollte es vermutlich genauso lange, wie ich gehadert habe.
Doch zugleich war da immer dieses Zögern. Denn heute geht es nicht nur um mich.
Es betrifft das gesamte Konstrukt, das gesellschaftlich als Familie bezeichnet wird. Nur im engeren Sinn, also Eltern, Geschwister.
Und das Thema elterlicher Narzissmus.

 
Vorweg möchte ich zwei Dinge anmerken.
Ich habe keine Ahnung, ob irgendjemand aus meiner Familie überhaupt von der Existenz dieses Blogs weiß und wenn ja, hier auch liest. Wenn ja, dann werden sich hier wohl Antworten finden, die auf direkterem Wege zu geben ich nicht in der Lage bin. Ich weiß, dass es gewünscht wird. Und dass ich es abgelehnt habe. Mich würde daher nicht wundern, wenn das, was ich hier jetzt tue, mit „schmutzige Wäsche in der Öffentlichkeit waschen“ assoziiert wird. Was nicht meine Intention ist. Aber ich bin auch nicht mehr bereit zu schweigen. Nur um Menschen zu schützen, während ich jahrelang gelitten habe. Kaputtgegangen bin.
Die andere Sache ist, ich weiß nicht, ob es sich bei allem um eine tatsächliche narzisstische Persönlichkeitsstörung handelt oder es „nur“ starke narzisstische Akzentuierungen der Persönlichkeit sind. Ich werde von Narzissmus reden, weil das eine Wort weniger sperrig als ständige Umschreibungen sind. Die Auswirkungen für mich sind ohnehin dieselben. Und darum geht es im Endeffekt.

 
Ich bin unter einer narzisstischen Mutter aufgewachsen.

 
Ich bin mittlerweile Ende 30 und weiß wissentlich von der Narzissmus-Problematik seit ungefähr eineinhalb Jahren Bescheid. Davor wusste ich nur lange Zeit, dass so einiges nicht wirklich ist wie es sein sollte.
Vielleicht habe ich das schon früh gespürt, ich weiß es nicht.
Es gibt definitiv Erinnerungen an die Zeitspanne meiner Jugend. Zumindest betrachte ich „sich wie das fünfte Rad am Wagen fühlen“ nicht als das, wie es in einer Familie sein sollte.
Ganz eindeutig wusste ich es, als ich rausgeworfen wurde, als ich Kritik geäußert habe. Damals war ich 24. Und in all den Jahren danach sah meine Beschreibung so aus: Oberflächlich stehen wir füreinander ein. Aber irgendwo tiefer ist etwas, das nicht stimmt.
Ich habe über die letzten zwölf Jahre verteilt in meinem digitalen Tagebuch Einträge von Situationen, die ich mit dem jetzigen Wissen anders beurteile als damals. Oder vielleicht auch nicht. Damals war irgendwas unfair, stimmte nicht. Jetzt sehe ich da eindeutig narzisstische Aspekte.
Aus meiner gesamten Kindheit und Jugend gibt es nicht einen festgehaltenen Hinweis. Ich habe mit 10 mein erstes Tagebuch bekommen, doch nirgends etwas festgehalten. Gar nichts über Familie. Weder Positives noch Negatives. Über die Zeit, als damals mein Interesse an Jungs begann. Über Musik, vor allem Konzerte. Aber das wars.

 
Aber ich versuche mal einigermaßen der Reihe nach vorzugehen.
Ich bin das älteste von drei Kindern. Geboren in der ehemaligen DDR, bereits in Berlin. Aufgewachsen erst „in der Stadt“, was die Altbaugebiete meint und als ich gerade 5 war, ging es raus in die neu gebauten Randgebiete. Wir waren mittlerweile zu fünft und brauchten dringend eine größere Wohnung. Meine Eltern waren beide berufstätig, ganz typisch „im Osten“. Soweit ich weiß, bin ich bereits mit sechs Monaten in die Kinderkrippe gekommen, mit 3 gabs den Wechsel in den Kindergarten, mit knapp 7 folgte die Einschulung. Die Rollenverteilung bei meinen Eltern war klassisch, mein Vater handwerklich versiert, Mutter für Haushalt und Kinderbetreuung zuständig, Erziehung lief mehr oder weniger gemeinsam. Als ich eineinhalb war, musste mein Vater für eineinhalb Jahre zur NVA, in der Zeit war ich also hauptsächlich mit Mutter allein, hinsichtlich Familie. Verwandtschaft gab es in Berlin keine, meine Eltern stammen beide nicht von hier.

 
Ich kann nicht sagen, ich hatte eine super schlimme Kindheit oder Jugend. Ich bin nicht permanent überwacht worden. Ich durfte Freunde haben. Wurde nicht an Schulleistungen gemessen.
Und da rede ich von Narzissmus?
Ja. Eine sehr subtile Form. Die es sicher auf so mancher Ebene leichter gemacht hat. Ich bin durchaus dankbar, dass ich Privatsphäre erleben durfte. Freunde treffen durfte. In den Arm genommen wurde. Für eine 2 in der Schule nicht als dumm bezeichnet wurde (okay, ich war die einzige Person, die überhaupt auf dem Gymnasium war und das nicht nur in diesem Familienteil, auch was meine Cousinen und Cousins betrifft, bin ich die einzige, aber ich bin sicher, dass das keine Rolle gespielt hätte, wäre alles weniger subtil gewesen). Der Nachteil daran ist allerdings, dass alles viel weniger auffällig ist. Es wird nicht gesehen. Und ich bin sicher, jeder, der meine Familie kennt, wird auch jetzt noch keine Probleme darin sehen. Die schaffe derzeit nur ich, seit ich mich schütze und damit alles an diesem Konstrukt zum Einsturz bringe.

 
Ich kann nicht sagen, wann mir das erste Mal bewusst war, dass etwas falsch ist.
Denn lange Zeit hat sich alles normal angefühlt. So, wie ich es aus Filmen und Büchern, aus Erzählungen anderer kannte. Mutter hat mich als Kind versorgt, wie eine Mutter das zu tun hatte. Füttern, wickeln, baden, spielen/beschäftigen. Ich bekam nicht jeden Wunsch erfüllt, aber ich glaube auch nicht, dass einem Kind das zugute kommt, wenn dem so ist. Ich habe Regeln und Grenzen kennengelernt und laut der Erzählungen war ich von uns drei Kindern in der Hinsicht am folgsamsten, am einfachsten. Ob das nun nur an meiner Persönlichkeit lag, weiß ich natürlich nicht.

 
Vielleicht war es in meiner Jugend.
Denn zumindest spätestens da muss das Gefühl entstanden sein, das fünfte Rad am Wagen zu sein. So habe ich mich damals teilweise gefühlt. Und so fühle ich mich bis heute. Nicht immer, aber es kommt vor.
Meine Eltern haben sich früher viel gestritten. Oft ging es dabei um die Erziehung meines Bruders und sie waren unterschiedlicher Meinung. Anders als heute ist mein Vater früher regelmäßig allein zu meiner Oma gefahren, ich vermute zu einem gewissen Teil aufgrund dieser Auseinandersetzungen, aber vorrangig wird es an unserem Alter gelegen haben – wir waren zu jung, um übers Wochenende allein zu bleiben. Auf jeden Fall sind es diese Wochenenden, die mir in der Hinsicht in Erinnerung geblieben sind. Ich war schon immer zurückgezogen, brachte meine Zeit viel in meinem Zimmer zu (und damals war noch nichts mit PC, geschweige denn mit Internet). Ich habe gelesen, gestrickt, gehäkelt, irgendsowas. Musik gehört. Ganz eindeutig Musik gehört. Tage später saßen wir in der Familie zusammen, sei es beim Essen oder in anderen Situationen und es fielen Aussagen zwischen meinen Geschwistern und Mutter. Ich wusste nicht, worum es geht und habe nachgefragt. Die Antwort von Mutter sah in etwa wie folgt aus: Na, das habe ich doch dann und dann erzählt. Und ich dachte: Ist dir aufgefallen, dass eines deiner Kinder nicht dabei war?
Das war in meiner Jugend.

 
Wie sehen solche Familien eigentlich aus?
Für gewöhnlich gibt es einen, vielleicht sogar zwei narzisstische Elternteile (in letzterem Fall kämpfen beide ständig um die Dominanz, weil Narzissten Macht brauchen). Ist es nur einer und die Beziehung mit der_m Partner_in bleibt bestehen, tut diese_r eines: si_er enabled (ich werde mich hier des Öfteren auf das englischsprachige Vokabular stützen, weil darüber einfach mehr Informationen zu finden sind und ich überwiegend englischsprachige gelesen habe). Wie, das ist vielfältig. Manche Partner_innen nehmen stillschweigend hin und halten sich überwiegend raus. Andere verteidigen sofort, beschuldigen das/die Kind/er vielleicht sogar und unterstützen den narzisstischen Elternteil damit aktiver.
Außerdem gibt es das sogenannte Golden Child und Scapegoat(s). Letztere können sich auf mehrere Kinder (und/oder di_en Partner_in) beziehen, müssen es aber nicht.

 
Was ich mit Sicherheit sagen kann: in dem Konstrukt meiner Familie ist mein Bruder das Golden Child. Besser ist er damit auch nicht dran, auch wenn es erstmal so klingt, eigentlich sogar noch schlimmer. Da sich alles auch nicht so intensiv auf ihn auswirkt, sondern subtil bleibt, wirkt es aus meiner Sicht für ihn nur sehr positiv, bleibt aber ebenso schädlich. Andere Golden Children dagegen sind von ihren narzisstischen Elternteilen ebenso erdrückt, belastet usw. wie die Scapegoats es sind, weil in diesen Familien die Golden Children die perfekten Vorzeigekinder sind (Stichwort: Alanis Morissettes „Perfect“).
Mich als Scapegoat zu bezeichnen, ist richtig, auch wenn es mir durch die Subtilität schwerfällt (genau das ist eines der Probleme daran, es löst immer und immer wieder Zweifel und Schuldgefühle aus).
Es wird immer mit zweierlei Maß gemessen, zumindest was meinen Bruder und mich betrifft (doch auch darüber hinaus), die Rolle meiner Schwester kann ich nicht richtig einstufen.

 
Ich denke am prägendsten war tatsächlich der Rauswurf.
Damals bin ich gerade bei meinen Eltern ausgezogen. Wir hatten am Vortag so ziemlich alles in meine Wohnung gebracht, viel war es nicht. Es lief nicht alles nach Plan – wann tut es das schon – aber die Verzögerungen hielten sich in Grenzen, insgesamt haben wir geschafft, was wir schaffen wollten. Mutter war allerdings komplett angefressen, wie sie es immer ist, wenn etwas nicht so läuft, wie sie es sich vorgestellt hat und ihre Wut dann auch an jedem um sie herum auslässt.
Am nächsten Tag sollte es noch einmal in meine Wohnung gehen und ich hörte, wie sie im Nebenzimmer nach dem Frühstück zu meiner Schwester sagte, dass sie eigentlich gar keine Lust hat, sie hätte noch vieles anderes zu tun. Und das nicht nur als Äußerung, sondern da war weiterhin diese schlechte Laune, schon beim Essen. Ich bin am Abend zuvor vollständig ignoriert worden, ob das für den Morgen auch noch galt, weiß ich nicht mehr.
Und ich hatte die Nase voll. Den gesamten Tag zuvor hatte ich das stillschweigend hingenommen. Ich war 24. Ich war erwachsen. Und ich sagte ihr den Spruch, den ich mein ganzes Leben in solchen Situationen von ihr zu hören bekommen hatte: Wenn du so drauf bist, will ich dich nicht dabei haben.
Womit ich eine Grenze überschritten habe. Ich kann nicht mehr sagen, wie sie sich mir gegenüber geäußert hat. Außer, dass ich undankbar bin. So gut ich konnte, habe ich ihr erklärt, was ich meinte (ich kann in solchen Situationen nicht gut reden, weil sich mein Hals zusammenzieht). Sie tat es ab (auch ein ganz typisches narzisstisches Verhalten). Als ich ins Spiel brachte, dass auch mein Freund das geäußert hätte, waren wir ihrer Ansicht nach beide zu empfindlich. Und als sie merkte, dass ich nicht klein beigebe, sagte sie, ich solle ihre Wohnung verlassen und erst wiederkommen, wenn ich mich entschuldigt habe.
Nun ist das allein schon schlimm genug. In einem Streit, in dem ihr die Argumente ausgingen und sie dennoch ihre Machtposition mir gegenüber verteidigen musste, hat sie mich rausgeworfen.
Aber, da war ja noch diese andere Situation.
Einige Zeit zuvor saß mein Vater mit einem Kumpel in der Wohnung meiner Eltern an einem Vormittag am Wochenende, sie schauten sich ein Formel-1-Rennen an. Wie bei beiden üblich, tranken sie dazu ein Bier und etwas Schnaps. Die Tochter des Kumpels war mit meiner Schwester befreundet und deswegen auch in der Wohnung. Und sie bezeichnete beide – ihren eigenen Vater wie auch meinen – als Alkis. Worauf mein Vater sie der Wohnung verwies. Ich kann nicht sagen, ob der Alkohol mit reingespielt hat, denn wie ich ihn einschätze, hätte er das damals auch im komplett nüchternen Zustand getan. Mutter befand sich zu dem Zeitpunkt nur im Nebenzimmer und kam auf die Aufforderung meines Vaters hinüber und sagte, dass aus ihrer Wohnung niemand herausgeworfen würde.
Und mit dieser Situation wiegt mein eigener Rauswurf noch einmal viel schwerer. Es geht nicht darum, dass niemand rausgeworfen wird. Das passiert nur nicht, solange Mutter nicht das Ziel von Kritik ist. Ist sie es, dann kann sie ihr eigenes Kind rauswerfen. Ist jemand anderes Ziel der Kritik, dann darf selbst eine familienfremde Person nicht der Wohnung verwiesen werden. Womit sich das Messen mit zweierlei Maß ein weiteres Mal zeigt.

 
Zusätzlich kommt dann noch die Zeit um den Beginn des letzten Jahres ins Spiel. Mein Bruder hat seine Wohnung nach einer Trennung renoviert. Seine Zeitverhältnisse zu der Zeit waren nicht anders als meine zu meinem Auszug (unsere Lebenssituationen sehr unterschiedlich, aber die zur Verfügung stehende Zeit eben nicht). Dennoch benötigte er dreieinhalb Monate, bis er fertig war. Ich dagegen hatte gut einen Monat gebraucht, obwohl ich damals meine Wohnung komplett renovieren musste (bedeutet alle Wände tapezieren und streichen, das hatte ich mit der Vermietung so ausgehandelt, weil ich dadurch knapp einen Monat mietfrei rein konnte und ohnehin keine einfach weißen Wände haben wollte, dafür würden sie eben nicht renovieren). Also auch hier hat sich der Aufwand nicht nennenswert unterschieden. Bei mir war Mutter damals nach der Zeit schon der Meinung, das dauert alles ganz schön lange. Bei meinem Bruder letztes Jahr sagte sie nur: „Er ist halt gründlich“.

 
Wenn sich je jemand fragt, weswegen ich ein extrem hohes Bedürfnis nach Gleichbehandlung, Fairness und all dem habe, da ist die Antwort. Warum ich schwer und nie vollständig vertrauen kann, auch da spielt das mit hinein. Warum ich ebenfalls ein sehr hohes Bedürfnis nach Ehrlichkeit habe, auch das findet sich über all diese Situationen. Warum ich extrem auf Ignoranz reagiere? Deswegen (wobei ich durchaus auch zu Ignoranz neigen kann, aber dann existiert auch keine Freundschaft (mehr) oder sie hat nie bestanden).

 
Diese ganze Rauswurf-Situation fand damals im November statt (ja, ich kenne auch noch das genaue Datum, aber ich verschone euch damit).
Ich bin direkt aus der Wohnung raus, weil Mutter keinerlei Argumentationsversuche mehr zuließ, sondern nur wiederholte, dass ich gehen soll und erst wiederkommen dürfe, wenn ich mich entschuldigt habe. Draußen habe ich meinen Freund angerufen und er kam, ging in die Wohnung und holte erstmal noch meine restlichen Sachen, die ich zum Übernachten dabei gehabt hatte. Ich war so schnell draußen gewesen, eine Weile später rief mein Vater mich an, weil er komplett verwirrt war, was da eigentlich geschehen war.

 
Bis Weihnachten habe ich die Wohnung nicht mehr betreten. Ich durfte mittlerweile zwar theoretisch wieder, glaube ich, aber das weiß ich nicht mehr sicher. Ich weiß aber, dass ich Weihnachten kommen durfte, so als wäre etwas anderes ohnehin nicht denkbar gewesen (obwohl ich mich bis heute nicht entschuldigt habe, ich fand ihre Forderung danach schon damals unangemessen, im Zusammenhang mit ihrem Verhalten am Vortag). Der nächste typische Punkt für Narzissten: Sie reagieren drastisch, aber sie brauchen auch ihre Opfer, um sie auszusaugen, Narzissten werden immerhin auch als Energievampire bezeichnet. Es wächst also meist recht schnell Gras über die Sache, solange die Gegenseite das mitmacht. Und das habe ich getan. Über sehr viele Jahre. In denen ich keine Kritik mehr geübt habe. Manchmal gab es den Ansatz, aber nie so weitreichend wie damals.

 
Beispielhaft ist hier mal eine der Situationen, die ich in meinem digitalen Tagebuch festgehalten habe, besser spät als nie, denke ich jetzt, denn bis ich sie im letzten Jahr dort wiederentdeckt habe, hatte ich sie aus meiner Erinnerung gestrichen: Einmal gab es eine Situation, da habe ich mit Mutter telefoniert und sie war mit einer Reaktion von mir nicht zufrieden und hat einfach aufgelegt. Das hätte ich mir mal erlauben sollen, wären unsere Rollen vertauscht gewesen. Da war ich übrigens bereits Mitte 30. Da damals der Akku des Telefons meiner Eltern auch immer nur sehr kurzlebig war, habe ich erst gewartet, weil bei so einem Zusammenbruch der Leitung meine Eltern sich normalerweise wieder gemeldet haben, aber als nichts kam, habe ich wieder angerufen. Ich sagte ihr, dass sie plötzlich weg gewesen war und sie antwortete mir ganz direkt, dass sie aufgelegt habe. Weil ihr mein Ton nicht gepasst habe. Und danach plauderte sie munter weiter, obwohl ich ganz still geworden war. Selbst auflegen konnte ich nicht. Denn dann könnte es ja passieren, dass sie mich quasi wieder rauswirft.

 
Das ist damit nämlich passiert: Ich hatte Angst. Ich hatte über viele Jahre beständig Angst davor, was ich zu Mutter sagen darf und was nicht.
Denn ich war abhängig von ihr. Was ja bei den toxischen Beziehungen, die narzisstische Menschen mit sich bringen, sehr typisch ist.
Eigentlich war ich alt genug und hätte mich jederzeit lösen können müssen, aber dem war eben nicht so. Einerseits weil es schon schwer ist, vor allem, wenn man nicht erkennt, was genau schiefläuft. Andererseits weil es sich eben um die Mutterperson handelt. Da spielt weit mehr als die theoretische Bindung zwischen Mutter und Kind mit rein, da kommt die ganze Gesellschaft hinzu, die Medien. Ich wusste, dass da was nicht stimmt. Es hat mich über Jahre immer wieder geärgert, dass ich nicht ich sein darf, ohne zu riskieren, wieder so behandelt zu werden. Und für mich war das die schlimmere Vorstellung. Also habe ich geschwiegen. Während Mutter immer erzählt hat, dass man ehrlich sagen können solle, wenn etwas nicht passt. Sobald es um andere Menschen ging. Ging es um sie, war es eben nicht möglich.

 
Als ich 2014 mit der Dysthymie konfrontiert wurde und das Beispiel von Frau A gelesen habe, habe ich natürlich auch in Gedanken gesucht, wo bei mir der Auslöser liegen könnte. Eine alleinerziehende Mutter hatte ich nicht gehabt. Aufmerksamkeit und Beachtung als Belohnung für Unterstützung ist bei mir auch nicht gerade ein Zugpunkt. Aber ich entwickelte die Überlegung, ob mein Status als erstgeborenes Kind reinspielen könnte. Dass ich quasi eifersüchtig auf die Geburten meiner Geschwister reagiert habe. Damit wäre Mutter auch irgendwo der Grund gewesen, nämlich weil sie mir weniger Aufmerksamkeit geschenkt hat als zuvor. Weil ich sie teilen musste. Schuld wäre aber ich gewesen, denn was kann sie dafür, wenn ich mit dem Teilen nicht umgehen kann. Ich habe mich unzählige Nächte in den Schlaf geweint, weil ich dachte, ich kann doch die Person, die meine Mutter ist, nicht verantwortlich machen, so etwas geht doch nicht. Sie ist doch eine Mutter.
Das entsteht vor allem aus dem Gesellschaftsdruck heraus.

 
Dann kam dieser Tag in meiner ehemaligen Therapie.
Ich hatte zu dem Zeitpunkt einige Nachrichten mit einem Menschen ausgetauscht, die mich und mein familiäres Umfeld betrafen und dort stand noch eine Antwort aus, wozu die Person zu dem Zeitpunkt nicht in der Lage war. Ich hatte eine andere Vermutung als es tatsächlich war, was dem zugrunde liegt, aber egal, was die Ursache war, es war okay.
Bis eben zu diesem Mittwoch.
Meine Therapeutin und ich sprachen ein paar Situationen genauer durch. Und auf eine sagte sie: Das ist aber ein ganz schön stark narzisstisches Verhalten [seitens Mutter].
Und in meinem Kopf machte es klick. Die ausstehende Antwort dieser einen Person stand plötzlich in einem ganz anderen Licht und fügte sich perfekt ins Bild.
Noch am selben Abend habe ich sie gefragt, ob das was mit dem Thema Narzissmus zu tun hat und die Person bestätigte mir dies.

 
Ich wusste damals nicht viel über Narzissmus. Nur, dass er toxisch ist und ein Loslösen absolut notwendig. Und genau das tat ich, von einem auf den anderen Tag. Diese Erkenntnis war der Antrieb, der mir all die Jahre gefehlt hatte.

 
Es vergingen Tage, Wochen, Monate, in denen ich immer wieder gelesen und mich ausgetauscht habe. Nicht ununterbrochen, dafür ist das Thema viel zu emotional für mich (ich schreibe diesen Beitrag hier auch in teils sehr kurzen Etappen, um nicht zu tief darin zu versinken). Tage, Wochen, Monate, in denen ich den Abstand aufrechterhielt. In denen meine Therapeutin mich nicht verstehen konnte, warum ich das Mutter gegenüber nicht kommuniziere. In denen meine Therapeutin mich bedrängte, Mutter zu sagen, warum ich distanziert bin, denn es fühle sich echt bescheiden an, wenn plötzlich der Kontakt weg ist und man nicht weiß, wieso. Ja, das glaube ich, es ist dennoch meine Entscheidung und Druck von außen hilft nicht. Es hat dazu geführt, dass ich die wenigen letzten Sitzungen jedes Mal auch davor Angst hatte, dass es wieder dazu kommen würde, dass besagte Therapeutin mich bedrängt (und ja dann endgültig in dem Tränentelefonat endete, das ich schon einmal erwähnt hatte und bei dem ich die narzisstischen Muster erkennen konnte, weil ich die Monate zuvor viel gelesen hatte).

 
Ich wusste sogar ziemlich schnell, dass ich den kompletten Kontaktabbruch möchte, dass ich ihn brauche. Aber ich wusste nicht, wie ich das vermitteln soll. Ich habe insgesamt wenigstens ein Jahr gebraucht, ihn umzusetzen, aber mittlerweile liegt dieser Schritt hinter mir. Durch einen sehr kurzen Brief, ohne ausführliche Erklärungen. Weil ich das eben nicht konnte. Es ist etwas anderes, das direkt zu adressieren oder hier allgemein über meine Erfahrungen zu erzählen. Für mich zumindest.
Ob andere Menschen das verstehen, weiß ich nicht. Aber das spielt keine Rolle. Es muss hier gerade nur um mich gehen. Nicht um andere zu verletzen, sondern weil ich kaputt bin und auf mich achten muss. Mich schützen muss.

 
Wenn man sich die meisten Informationen zu Narzissmus anschaut (ob nun elterlich oder auch auf anderer Beziehungsebene), sind die Anzeichen weit auffälliger. Das habe ich auch auf der Seite Daughters of Narcissistic Mothers festgestellt. Auf dieser Seite habe ich wohl am meisten gelesen. Allein die ausführliche Auflistung der Charaktereigenschaften war für mich erschlagend. Und doch habe ich anfangs bei den meisten von ihnen gezögert, weil kaum etwas so plakativ auf mich zutraf (außer Punkt 23). Doch je öfter ich die Texte gelesen habe (und das war bei der Menge nötig), habe ich doch Situationen erkannt, oft eben nur viel subtiler. Mal wieder. Insgesamt bin ich bei 16 der 24 Punkte, zu denen ich Beispiele finde. Manchmal sehr klein und für sich allein wären sie längst kein Anzeichen für Narzissmus oder eine starke narzisstische Persönlichkeitsakzentuierung. Aber die Summe hat den Schaden verursacht.

 
Und auch wenn ich mir sehr sicher bin, dass so ziemlich jeder im Umfeld mir nicht zustimmen würde, Erklärungen, Entschuldigungen und was auch immer finden würde, kann ich das nicht länger ertragen. Ich habe das viel zu lange getan. Deswegen bin ich gegangen. Und ich wünsche mir, dass dem ganzen mehr Beachtung geschenkt wird. Im realen Leben wie auch in den Medien. Narzissmus ist nicht immer klar offensichtlich und kommt mit Pauken und Trompeten daher, er kann auch sehr unterschwellig auftreten. Gerade diese Repräsentation in Medien halte ich für wichtig, damit Menschen dafür sensibilisiert werden können.
Hinzu kommt, dass in meinem Fall nicht der Vater der narzisstische Elternteil war, sondern die Mutter. Eine Mutter, die ihren Kindern schadet, die sie misshandelt, sowas ist in unserer Gesellschaft noch immer ein Tabuthema. Und sollte gerade deswegen viel stärker repräsentiert werden. Dabei rede ich nicht von vorsätzlichem Missbrauch, der tritt bei Narzissten wenig auf. Es geht selten um das Vorhaben, den anderen zu schaden. Und ich weiß ebenfalls, dass Mutter eine schwierige Kindheit und Jugend hatte. Aber so schlimm das ist, ändert es nichts daran, dass mich ihr Verhalten kaputtgemacht hat. Und wie gesagt, es muss hierbei um mich gehen.
Ein weiterer Grund für die immer wiederkehrenden Zweifel ist also der gesellschaftliche Druck, eine Mutter immer zu lieben, sie zu ehren. Sie hat es ja nicht absichtlich getan. Genau das ist eine dieser Entschuldigungen/Rechtfertigungen, die alles, was Opfern von elterlichem Narzissmus angetan wurde, relativiert, den Missbrauch abspricht. Der aber stattgefunden hat. Und im schlimmsten Fall sehen Menschen wie ich sich damit konfrontiert, dass sie alles zerstören, indem sie aus diesem toxischen Konstrukt ausbrechen. Ich musste mir diesen Vorwurf bislang nicht direkt anhören. Ich habe keine Ahnung, ob er in irgendwelchen Köpfen gedacht wird. Ich habe bislang nur endlose Rechtfertigungen und Entschuldigungen erzählt bekommen, warum diese oder jene Situation so gewesen sein wird. Und abstruse und teils an den Haaren herbeigezogene Vergleiche, wie sich das für Mutter anfühlen muss. Aus Sicht einer Mutter.
Noch mal, es geht hier um mich. Warum wird Opfern immer noch erzählt, sie sollen doch Verständnis für die Täter haben? Nein! Das ist die einzig richtige Antwort. Und dementsprechend handele ich. Das muss niemand anderes tun, das erwarte ich von niemandem. Was ich erwarte, ist Akzeptanz, Toleranz und Respekt hinsichtlich meiner Entscheidungen.

 
Nela hat hat die Aktion [Writing] About Us ins Leben gerufen und ich möchte diesen Beitrag dazu beisteuern.
Zu ähnlicher Thematik wie meine Erfahrungen gibt es einen Beitrag von Nela selbst „Kindesmissbrauch durch die Mutter“ und einen von Serenity „Kindesmissbrauch durch die Eltern“. Beiträge zu anderen Themen finden sich ebenfalls auf [Writing] About Us.

 
Bis denne ☆

2 Gedanken zu „Missbrauch durch elterlichen Narzissmus

  • 2019.10.18 um 11:43
    Permalink

    Erst einmal möchte ich dir sagen, dass ich es wahnsinnig mutig finde, dass du über deine Erfahrungen schreibst. Das kann nicht einfach gewesen sein und du bist mir ein großes Vorbild mit deiner Ehrlicheit.

    Als Zweites möchte ich dir danken.
    Von verschiedenen Seiten (durch Therapie und Freunde) wurde mir schon öfter gesagt, dass meine Mutter narzisstisch wirkt, aber ich habe das nie angenommen, denn schließlich ist sie ja meine Mutter und ich war/bin davon überzeugt, dass Mütter doch eigentlich immer das Beste für ihre Kinder wollen.
    Aber das was du hier schreibst, ist im Grunde 1:1 meine Kindheit. Besonders das „ignoriert“ werden bzw. nicht-bemerken wenn das eigene Kind nicht da ist …
    Und das bringt mich natürlich zum Nachdenken, ob die Freunde und Therapeut nicht vielleicht doch Recht hatten.

    Danke, dass du hier ein paar Ressourcen zum Nachforschen verlinkt hast.

    Ich wünsche dir nur das Beste.
    LG Sina

    Antwort
    • 2019.10.18 um 12:42
      Permalink

      Vielen Dank für das Lob und deine lieben Worte.

      Und es tut mir leid, dass du ähnliche Erfahrungen machen musst/musstest.
      Ich glaube, auf ihre eigene, verdrehte Weise, glauben diese Mütter auch, das Beste zu tun. Ihre eigenen Bedürfnisse stehen dabei nur im Vordergrund. Für gewöhnlich ist ihnen das nicht einmal bewusst. Das macht das Ertragen allerdings nicht leichter.
      Ob die Freunde und dein Therapeut Recht haben, ist eigentlich egal. Alles, was zählt, bist du. Kannst du damit leben oder nicht? Es gibt Menschen, die beim sogenannten low-contact bleiben, aber ich habe ganz schnell gewusst, dass ich das nicht kann und deswegen no-contact gewählt. Wobei es ja bis zu diesem Sommer indirekt noch low-contact war, nämlich, wenn es sich nicht vermeiden ließ, aber ich habe keinerlei Kontakt mehr von mir aus gesucht. Andere wiederum können mit dem narzisstischen Verhalten gelegentlich leben und ziehen sich nur sehr stark zurück. Du musst für dich sehen, wie du gut zurechtkommst. Für mich ist es zusätzlich einfacher, seit „das Kind einen Namen hat“. Aber ob mit oder ohne Namen, das ändert ja auch nichts an den Situationen.

      Sehr gern, ich war auch froh, als ich den Link damals bekommen hatte. Aber vorsichtig, die Seite ist sehr umfangreich und ich brauchte regelmäßig Pausen, um nicht zu tief abzusacken (nicht nur zeitlich, vor allem emotional).

      Dankeschön und für dich gilt dasselbe.
      LG, Mel

      Antwort

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

function wpb_remove_commentsip( $comment_author_ip ) { return ''; } add_filter( 'pre_comment_user_ip', 'wpb_remove_commentsip' );