Queerness, Outing(?) und mehr

 
Dass ich queer bin, ist absolut kein Geheimnis.
Und ein richtiges Outing hatte ich eigentlich nie (ich betrachte diesen Post auch nicht als solches).

 
Ich bin ganz durchschnittlich als Mädchen aufgewachsen, fand in meiner Jugend Jungs toll und hatte mit 17 meinen zweiten Freund. Die Beziehung hielt fast neun Jahre. Ich habe mich damals eindeutig als hetero eingestuft.
Trotz allem war ich zumindest Mitte 20 der Meinung (ich kann mich jedenfalls zu der Zeit daran erinnern), dass „die Hülle unwichtig ist, auf das Innenleben kommt es an“. Witzigerweise habe ich das damals im Oktober zu einer Freundin gesagt. Und im Dezember war da DIE Frau. Ich kannte sie schon vorher, ich mochte sie auch von Anfang an, aber im Dezember war da plötzlich das Kribbeln. Interessanterweise – und ich fand das wirklich interessant – habe ich nur gedacht, als ich einen Augenblick für mich allein war, dass ich mich gerade wie ein verliebter Teenager fühle. Ja, genau so. Das in etwa waren meine Gedanken. Und damit hatte ich die Sache akzeptiert.
Es mag sein, dass es am Alter lag. Dass ich mich nicht im ohnehin schon völlig hormonverseuchten Zustand der Jugend damit befassen musste.
Oder daran, dass ich zumindest nicht völlig negativ mit dem Thema aufgewachsen bin. Ich kenne zwar durchaus die verinnerlichten Sprüche wie „ich ziehe doch kein Rosa an, das ist voll schwul“ oder ähnliches, aber ich wusste ebenfalls, dass meine Eltern früher, fast noch vor meiner Zeit, einen schwulen Freund im Umfeld gehabt hatten. Es war nie wirklich Thema bei uns, weder positiv noch negativ. Und es ging eh niemanden etwas an. Zumal aus der Sache nichts geworden ist, es hat mir nur einiges über mich selbst gezeigt.
Warum ich kein Outing hatte?
Weil ich noch nie über solche Themen mit meiner Familie gesprochen habe. Ich habe ihnen nie direkt erzählt, wenn ich einen Freund hatte. Es fiel dann höchstens dadurch auf, dass ich ständig von ihm geredet habe. Bei meiner Beziehung mit einer Frau lief es dann ganz einfach so, dass sie mich über Weihnachten besucht hat (Fernbeziehung) und ich schon vorher angekündigt habe, dass ich nur zum üblichen Familienteil käme, wenn ich sie mitbringen kann, mehr habe ich nicht erwähnt. Es war okay. Und dann sind wir genauso miteinander umgegangen wie meine Geschwister mit ihren Partnerschaften. Es war also vielleicht ein nonverbales Outing, aber eben nichts im herkömmlichen Sinne.

 
Das Thema, das mich seit einigen Monaten umgibt und das der Auslöser für diesen Post war, ist ein bisschen komplizierter und ich bin auch immer noch nicht sicher, ob ich das familienintern überhaupt ansprechen werde. Wer mir auf Twitter und/oder Facebook folgt, hat es vor einiger Zeit vielleicht auch mitbekommen.

 
Was ich schon sehr lange irgendwie weiß, ist, dass ich mich nicht als Frau sehe. Ich sage bewusst irgendwie, denn ich weiß, dass ich schon in meiner Kindheit und Jugend damit rumgescherzt habe und es dann immer schön auf meinen Nachnamen abgewälzt habe, dass ich doch wenigstens halb-halb bin, aber nicht so richtig ein Mädchen. Damals drehte sich alles um die klischeebehafteten Interessen und Verhaltensweisen (ich bin ein Kind der 80er, ich bin ganz natürlich damit aufgewachsen, dass daran alles festgemacht wurde). Ich habe Zahlen geliebt. Ich habe noch bildlich vor Augen, wie ich im Kindergarten lieber mit der Tanksäule, deren Zahlen sich bewegt haben, gespielt habe, statt mit Puppen. Ich hatte auch nie viele Puppen, wenn das auch nicht komplett an mir vorbeigegangen bin. Ausschließlich als Jungen habe ich mich auch nie gesehen und ich sehe mich auch jetzt nicht als männlich. Es gibt eine Menge weiterer typischer Klischees, die ich benennen könnte, aber eigentlich ist das eh unnötig.

 
Ich habe mich einfach immer als Frau bezeichnet, bezeichnen lassen und diese Rolle, in der ich erzogen wurde, weitergespielt, wobei ich deswegen trotzdem ich geblieben bin. Ich habe keine Kinder und ich gehe nicht davon aus, dass sich das je ändern wird – zum Vorteil aller Beteiligten. Auch wenn ich irgendwann drauf angesprochen wurde, dass ich doch bald 30 würde, ob ich nicht langsam mal an Familie denken wolle, ähm, nein. Der Gedanke stand nicht mal zur Debatte.
Trotzdem habe ich gerade dieses Jahr erkannt, dass ich einfach nicht weiblich bezeichnet werden möchte. Es fühlt sich falsch an. Nicht zu mir gehörend. Und ich glaube, diese eine Situation, als ich in einem Warteraum saß, wusste, ich würde gleich dran sein und dann mit „Frau Matthias“ aufgerufen wurde, merkte, dass der Name korrekt ist, doch der Rest sich eben falsch anfühlte, damit begann die bewusste Wahrnehmung, mich nicht als weiblich zu sehen. Mich aus der anerzogenen Rolle entfernen zu wollen, um mich wirklich als ich zu fühlen.

 
Es folgte die Suche vor allem nach einem passenden Pronomen. Dass ich ein Enby bin, wusste ich schnell. Genauere Label nutze ich nicht. Ich weiß sie nicht und ich brauche sie auch nicht.
„Sie“ scheidet aus, weil es weiblich ist. „Er“ ebenfalls, da männlich. „Es“ ist für mich im Deutschen keine Option. Das Wort klingt mir zu sachlich. Die verschiedenen Möglichkeiten, die ich online gefunden habe (z. B. sier, xier uvm.) waren alle nicht die richtigen für mich. Am wohlsten habe ich mich noch mit dem Englischen „they/them“ gefühlt, aber im deutschsprachigen Kontext wollte das auf mich auch nicht so richtig passen. Ich habe also weiterhin Artikel gelesen und bin dabei über diesen gestolpert, der mir meine Lösung geboten hat (zumindest im Großen und Ganzen, beim Punkt „Relativpronomen“ bin ich noch immer überfragt). Denn ziemlich weit unten steht eine Ergänzung und mit ihr wusste ich ganz klar, wie mein Pronomen aussehen wird.

 
Es ist ein einzelner Buchstabe.
K.
Ob nun deutsch oder englisch gesprochen, spielt für mich keine Rolle. Wenn ich ihn selbst nutze, spreche ich ihn englisch aus, was aber daran liegen mag, dass ich zeitweise auch auf englisch denke. Beispiele für die Anwendung stehen im verlinkten Artikel.

 
Warum ich heute darüber schreibe?
Weil Twitter und Facebook ziemlich vergänglich sind.
Ich habe es bei Twitter im Profil zu stehen.
Bei Facebook ist es auch bei den Infos eingetragen (leider muss man dort für die Anrede trotzdem aus den klassischen drei Optionen auswählen).
Und ich könnte die Posts festpinnen. Ich selbst schaue aber selten auf Profile, bestenfalls, wenn jemand neu ist und ich deswegen neugierig bin, aber sobald ich jemanden zu meinen Freunden hinzugefügt habe oder ihm folge, nutze ich Timeline und gelegentlich den FB-Feed und da geht das unter. Außerdem kann ich es hier ausführlicher erklären.

 
Ich möchte irgendwann komplett von der weiblichen Bezeichnung weg. Dass das nicht von heute auf morgen geht, akzeptiere ich. Ich merke das selbst. Einerseits bei anderen Enbys, vor allem, wenn ich sie so nicht kennengelernt habe. Andererseits habe ich einen Bekannten, der trans ist. Ich habe ihn schon als Mann kennengelernt, wenn bei unserem einzigen Treffen vor über zehn Jahren der Körper noch eindeutig weiblich war. Dann verlor sich der Kontakt bis vor ein paar Monaten. Ich habe ihn damals unter einem anderen Namen kennengelernt (nicht sein Deadname, aber trotzdem der, der gute zehn Jahre in meinem Kopf saß) und der jetzt quasi nicht mehr existiert. Ich meide ihn auch bewusst, aber ich merke, wie er nach der langen Zeit immer wieder zuerst aus meinen Gedanken möchte, aus reiner Gewohnheit.
Und ich gehe davon aus, dass es Menschen, vor allem, je länger sie mich kennen, auch so geht, weil das tief verankert ist.

 
Und genau dies ist der Grund, weswegen ich familienintern noch überhaupt nicht sicher bin, ob ich das Thema ansprechen werde. Ich habe keine Ahnung, wie weit das Bewusstsein in meiner Familie auf dieser Ebene überhaupt existiert. Bis heute benutzen längst nicht alle „Mel“ als Form für meinen richtigen Vornamen, obwohl ich diese seit definitiv zwanzig Jahren verwende (womit ich nur die engste Familie meine, der darüber hinaus reichende Verwandtschaftskreis kennt die Kurzform vermutlich nicht mal, weil wir nur alle paar Jahre mal Kontakt haben). Ich habe da nie sehr nachdrücklich drangehangen, aber wann immer ich schriftliche Nachrichten hinterlasse und mit Namen versehe, steht dort nur „Mel“.
Das ist wie gesagt noch ein ganz eigener Abschnitt für sich.

 
Aber gerade für alle Menschen, die ich neu kennenlerne, für die Kontakte im Internet, möchte ich „sie“ los werden. Ich bin nicht „sie“.

 
Ich bin „K“.

 
Bis denne ☆

Wenn die Zweifel kommen

 
Zweifel kennt wohl jeder Autor. Oder eigentlich jeder Mensch, aber ich beschränke mich hier gerade mal auf Autoren.

 
Ich habe in letzter Zeit diverse meiner eigenen „Werke“ gelesen, alles Rohfassungen. Und nachdem ich im letzten Monat ein bisschen Kritik auf eine etwas bearbeitete Szene aus einem davon bekommen hatte, sind mir bestimmte Aspekte darin in allen Geschichten aufgefallen.
Das ist vermutlich erstmal nicht wirklich schlimm.
Was für mich das Problem ist und damit Zweifel, wie ich sie eigentlich nicht kenne, ausgelöst hat, ist, dass ich nicht weiß, wie ich das jemals anpassen soll.
Ja, ja, das kennt ja auch jeder Autor. Vielleicht.

 
Ich bin einzelne Szenen in Gedanken durchgegangen. Wie könnte ich hier auf etwas anderes umlenken (als Beispiel: ich neige dazu sehr viel über die Augen zu machen, sei es das Sehen selbst, aber auch das Zeigen von Reaktionen, alles läuft über die Augen und Blicke)? Was könnte ich alternativ da verwenden, vor allem, weil es eine andere Figur ist und nicht jede gleich reagieren sollte?
Und ich habe festgestellt, ich habe keine Ahnung. Für mich fühlt es sich in etwa so an, als versuchte ich damit etwas, das komplett außerhalb meiner Möglichkeiten liegt. Denn mir ist eines klar geworden: Was die bewusste Ebene betrifft, nehme ich genau das wahr und mehr nicht. Nach meiner momentanen Einschätzung komme ich aber nicht über das hinaus, was ich kenne, weil ich mir den Rest nicht mal vorstellen kann. Ich muss ja nicht alles davon selbst so erleben, aber ich sollte mir das zumindest vorstellen können. Und daran scheitere ich.

 
Und das, allein das, hat dazu geführt, dass ich mich frage, wie ich je Geschichten schreiben soll, die das erfüllen, was in eine Geschichte gehört (und nein, ich rede dabei nicht mal von Normen, aber alle Kritikpunkte, die mir in dem Zusammenhang aufgezeigt wurden, kann ich gut nachvollziehen, ich stimme ihnen zu).

 
Es ist nicht so, dass ich deswegen ununterbrochen grübele, weil ich weiß, dass das nicht weiterhilft. Aber es zu ignorieren, wird auch nicht zu einem zufriedenstellenden Ergebnis führen.

 
Es heißt immer, man kann alles lernen. Aber ich sitze hier und habe keine Ahnung, wie ich das je lernen soll. Und dabei spielt es auch keine Rolle, ob ich ja erstmal eine Rohfassung schreibe, die überarbeitet wird. Es geht nicht darum, die perfekte erste Version zu schreiben, an so etwas glaube ich nicht. Ich sitze hier ja gerade vor Rohfassungen und denke nur, ja, gut, ich weiß trotzdem nicht, wie ich das so anpassen soll, damit es rund klingt. Dabei spreche ich auch noch nicht von Perfektion. Sondern einfach nur von gut.

 
Wie geht ihr mit solchen Zweifeln um?
Habt ihr Dinge erlernt, die ihr für unmöglich gehalten habt?
Wenn ja, wie habt ihr das geschafft?

 
Bis denne ☆

Das Phänomen „man“

 
Vor Jahren bin ich in einem Gespräch darauf hingewiesen worden, dass ich die ganze Zeit meine Meinung wiedergebe, doch dabei ununterbrochen verallgemeinern würde.
Seitdem geht mir diese Aussage nicht mehr aus dem Kopf. Und ich bin empfindlicher dafür geworden, dasselbe bei anderen Menschen wahrzunehmen.
Gerade in letzter Zeit häuft sich das, egal ob im privaten Umfeld oder online.

 
Die Aussagen auf dem Bild sind Vertreter dessen, was ich tagtäglich erlebe. Und dabei geht es immer um die Meinung des Sprechers. Sie trifft sicher auch auf andere Menschen zu, das will ich nicht absprechen. Dennoch eben nicht zwingend auf andere. Und woher kann ich wissen, was ein anderer Mensch denkt?

 
Seit man mir meine Redeweise unter die Nase gehalten hat, fällt es mir oft auch auf, wenn ich solche Formulierungen beginne und ich versuche sie zu vermeiden. Das gelingt mir sicher nicht immer.
Gleichzeitig mag ich es überhaupt nicht, wenn vermehrt in dieser Verallgemeinerungsform mir gegenüber gesprochen wird. Ich möchte noch immer meine eigene Meinung haben. Wenn ständig nur von „man“ statt von „ich“ gesprochen wird, trifft das meiner Meinung nach einfach nicht zu.

 
Um mal ein oder zwei Beispiele aufzugreifen, wer sagt, dass man morgens produktiver ist, wenn man früher aufsteht? Wissenschaftler? Nachdem mittlerweile (meines Wissens) erwiesen ist, dass es nicht nur Lärchen, sondern eben auch Eulen gibt? Jeder Mensch ist anders. Und ich bin ganz sicher nicht produktiv, wenn ich morgens früher aufstehe. Im Gegenteil. Ich habe Probleme morgens aktiv zu sein, vor allem körperlich. Ich kann dann teils schon am PC sitzen und etwas tun, aber wenn ich zu früh aufstehe, funktioniert auch das nicht. Weswegen bei mir auch der Tipp lieber etwas früher aufzustehen, um noch zu schreiben, nicht funktionieren würde. Ich bin eher der Mensch, der zum Tagesende noch ein Konzentrationshoch bekommen kann. Das ist okay. Und ich erwarte nicht, dass andere das können. Aber ich mag eben nicht über einen Kamm mit denen geschoren werden, die perfekt am frühen Morgen arbeiten können.

 
Ein weiteres Beispiel ist eigentlich ähnlich, denn auch hier geht es um die menschliche Individualität. „Wenn man spät abends nichts mehr isst, schläft man besser.“ Nun ja, wenn ich mich daran halte, gehe ich mit Hunger ins Bett und stehe mit Hunger wieder auf. Das ist alles ärztlich durchgetestet. Weil ich eine tolle Ärztin hatte, die nicht locker gelassen hat, bis sie Ursachen kannte. Mein Blutzuckerspiegel steigt nicht so hoch, wie es normalerweise der Fall sein sollte. Zu Beginn ja (der Testzeitraum betrug zwei Stunden), denn nach der ersten Stunde war alles im Normalbereich. Nach der zweiten Stunde hätte der Wert höher liegen sollen, doch er war unverändert und fällt entsprechend früher ab. Was bedeutet, ich muss häufiger essen. Das mache ich mittlerweile seit, ich glaube, 2004. Entsprechend kleine Portionen kann ich mittlerweile auch nur noch essen. Wie dem auch sei, ich kann nicht um 18:00 Uhr essen und um 22:00 oder 23:00 Uhr schlafen gehen (mal abgesehen davon, dass das nicht meine Zeiten sind, das dient nur zur Verdeutlichung).
Darüber hinaus ist jeder Körper anders. Was für die einen gut funktioniert (beispielsweise LowCarb) kann für den anderen nicht der passende Weg sein. Gerade bei der Ernährung sind Verallgemeinerungen sehr schwierig.

 
Wie seht ihr das, ist euch das auch schon aufgefallen?
Ertappt ihr euch selbst dabei zu verallgemeinern?
Wie geht ihr damit um? Bei anderen? Aber auch bei euch?

 
Bis denne ☆