Anxiety, OCD, Eating Disorder u. v. m.

 
TW: Anxiety/Angststörung, Dysthymie/Depression, Übelkeit/Erbrechen, Essstörung/Eating Disorder, Erwähnung von Tod, OCD/Zwangsstörung

 
Ich habe vor nur wenigen Wochen zum ersten Mal über meine gesundheitliche Verfassung gesprochen.
Auch wenn es für manche nicht so sein mag, hat mich das gar nicht so viel Überwindung gekostet. Der einzige Schritt, den ich im Vorfeld hatte schaffen müssen – und der hat sich wirklich lange gezogen, weit über die Existenz meines Blogs hinaus -, war gewesen zu akzeptieren, dass meine Aussagen für immer im Internet stehen würden. Für lange Zeit war mein Ziel eine Publikumsverlagsveröffentlichung gewesen. Und da war immer die Vorsicht, ob es sinnvoll wäre, so offen darzulegen, nicht zuverlässig belastbar zu sein. Würde mir das bei der Agentur- und Verlagssuche Steine in den Weg legen? Würden Verträge daran, aber nicht an meinen Geschichten scheitern?
Mittlerweile ist es mir einfach egal. Ich habe noch so viel zu arbeiten, überhaupt gut genug zu sein und ich weiß nicht, ob ich es je sein werde (nur ganz nüchtern betrachtet). Wenn ja, wird sich zeigen, wie die Welt, mein Zustand und das Verlagswesen überhaupt aussieht. An diesen Punkt hatte ich kommen müssen. Denn ansonsten gehe ich seit langem sehr offen mit dem Thema um.

 
Naja, so irgendwie zumindest.
Wer mich kennenlernt, muss nicht erst unzählige Hürden überwinden, um diesen Einblick in mich zu gewinnen. Was aber nicht bedeutet, dass ich damit viel über die eigentlichen Probleme preisgebe. Einen Teil kennt außerhalb von Ärzten und Psychotherapeuten genau eine Person – weil sie es erkannt und mich darauf angesprochen hat. Andere vermuten es vielleicht, das weiß ich natürlich nicht.
Doch selbst unabhängig davon sind die Einzelheiten in ihrer Vielfalt eigentlich niemandem bekannt. Wirklich niemandem. Denn in diese Tiefe bin ich weder mit Ärzten, aber auch nicht mit meiner letzten Therapeutin vorgedrungen (wobei zumindest bei letzterer die Frage offen bleibt, warum eigentlich nicht, bei den Ärzten und anderem psychotherapeutischen Personal verstehe ich es, weil da einfach die Zeit fehlt, denn neben besagter Therapeutin gab es weiteres Fachpersonal aus diesem Bereich nur in der Reha, die ich für die Rente durchlaufen bin und ja, bei diesem ach so „wundervoll“ pauschalen System, das in diesem Staat herrscht, ist eben nur Zeit für eine einzige Stunde Einzelgespräch pro Woche).

 
 

Anxiety

Ich habe ganz eindeutig eine generalisierte Angststörung diagnostiziert bekommen. Unter anderem durch die betreuenden Ärzt_innen und Therapeut_innen in der Reha. Das sah im Grunde so aus, dass ich aufgrund der ambulanten Form fünf Tage die Woche dorthin gefahren bin (wie zu einer Arbeitsstelle) und den Tag mit diversen Gruppentherapien, dem einen Einzelgespräch pro Woche und diversen medizinischen Untersuchungen verbracht habe. Das Personal ist täglich wenigstens einmal zusammengekommen und hat die Situation der Patient_innen besprochen, immer erst am Abend wurde der Therapieplan für den nächsten Tag erstellt, entsprechend der Fortschritte, Probleme einer_s jeden etc. Aber wirklich individuell wurde trotzdem nicht auf die Patient_innen im Einzelnen eingegangen. Das ließen die Regelungen einfach nicht zu, der die Rehaeinrichtung unterliegt.

 
Was bedeutet Angststörung denn nun eigentlich?
Ich muss sagen, dass ich mich damit nicht sonderlich befasst habe, wie das definiert wird. Aber wenn ich mal nur von mir selbst ausgehe, sind da Ängste, die so heftig sind, dass sie krankhaft sind.
Ich werde sie hier nicht im Einzelnen benennen, denn einerseits hat mir niemand jemals einzelne Ängste namentlich bestätigt, andererseits möchte ich das gar nicht so genau eingrenzen.

 

 
Übelkeit, Erbrechen, Krankheiten
Die wohl größte Angst bezieht sich darauf, krank zu sein/werden. Das erstreckt sich von ganz normalen Alltagskrankheiten bis hin zu schwerwiegenden, lebensbedrohlichen.
Am schlimmsten sind dabei vor allem Magen-Darm-Geschichten. Ich habe so krankhaft Angst davor, dass ich unzählige Mechanismen entwickelt habe, in dieser Gesellschaft zu überleben, im Miteinander mit anderen Menschen zu überleben, aber ich meide alles immer mehr. Daneben sind diese kleinen Flaschen Desinfektionsgel für die Hände das Wichtigste überhaupt. Ich gehe nicht aus der Wohnung, ohne wenigstens eine Flasche dabei zu haben, dort an mir, wo ich jederzeit unkompliziert rankomme (falls sich mal wer fragt, warum ich im Sommer immer mit Gürteltasche unterwegs bin, deswegen, hinten im Rucksack ist das zu weit weg) und immer in der Menge, die ich erwartungsgemäß brauchen werde (abhängig davon, was ich vorhabe).
Ich weiß nicht sicher, wann diese Angst begonnen hat, aber sie ist definitiv seit ungefähr fünfzehn Jahren immer da. Anfangs noch gering und erst präsent, wenn mir tatsächlich übel geworden ist, mittlerweile reicht die Erwähnung anderer Menschen von Krankheit, Übelkeit, Unwohlsein etc. Ich muss sofort gegen aufsteigende Angst oder gar Panik angehen. Wenn ich also nicht gute Besserung wünsche, liegt es daran, dass einer meiner Mechanismen darin besteht, ganz schnell weiter zu scrollen, den Thread zu verlassen oder was auch immer, damit das Gelesene gar nicht erst zu fest in meinem Kopf sitzen kann. Und mir zu wünschen, es stünde dort gar nicht, damit ich es nicht lesen muss. Und zu akzeptieren, dass andere Menschen erwähnen, wenn sie krank sind (ich muss gestehen, ich kann das überhaupt nicht nachvollziehen, warum viele Menschen das tun, ich beobachte es aber, ich vermeide jede Erwähnung, wo ich es nur kann, je weniger ich es formuliere, desto weniger existiert es oder so, etwas in dieser Art dürfte das in meinem Kopf sein).

 
Warum seit fünfzehn Jahren?
In den Jahren 2003/2004 begann es, dass mir regelmäßig plötzlich einfach übel wurde, ich nicht essen konnte. Meist verschwand es nach ein paar Stunden oder aber ich hatte mir wirklich etwas eingefangen. Was von beiden es ist, lässt sich absolut nicht differenzieren, beides fühlt sich komplett gleich an (und genau das macht es auch so schwer, diese Angst zu überwinden, weil es eben normal ist, dass wir uns ab und zu was einfangen und für mich selbst nach Jahren sofort das Gefühl von „nicht schon wieder“ da ist, ich in Panik verfalle). Irgendwann war das alle zwei bis vier Wochen so. Regelmäßig. Ich kann nur vermuten, dass diese Häufung zur Angst geführt hat. Es ist wahrscheinlich, dass das eine psychosomatische Reaktion ist, Anspannung, Vorfreude, negative Nervosität/Angst vor einem Ereignis, all das kann sowas bei mir auslösen. Ich habe damals erst gedacht, dass ich Unverträglichkeiten/Allergien ausgebildet habe und habe mich an ganz wenigen Lebensmitteln festgekrallt, die ich zu vertragen schien. In dem Rahmen bin ich in meiner ersten Therapie gelandet, in der ganz klassisch nach verhaltenstherapeutischem Ansatz wieder Lebensmittel auf meinen Speiseplan gewandert sind. Hinzu kamen vermutlich noch einige andere Stärkungen, derer ich mir aber nicht bewusst war, aber ich kann mich erinnern, dass mich mein damaliger Freund irgendwann als egoistisch bezeichnet hat, weil ich mich im Rahmen der Therapie verändert hatte. Und damals habe ich lange Zeit mit niemandem darüber gesprochen, dass ich eine Therapie mache, weil ich für mich selbst sortieren musste, was da eigentlich alles passiert. Daraus habe ich allerdings auch gelernt, dass es besser ist, sehr offen mit diesen Themen umzugehen, weil es für das Umfeld oft einfacher ist, Rücksicht zu nehmen. Es ist leider normal (und ich nehme mich da nicht aus, auch wenn ich versuche, nicht dieselben Verhaltensmuster an den Tag zu legen), dass wir anderen Menschen gegenüber mit unserer eigenen Lebenssicht begegnen. Aber dadurch ist es mir oft passiert, dass Menschen mich wie andere gesunde Menschen behandelt haben und dieselben Maßstäbe angesetzt haben. Seit sie wissen, dass ich krank bin, dadurch nicht so belastbar bin, sind die meisten tatsächlich rücksichtsvoller. Das heißt nicht, dass es keine komischen Blicke gibt und mir geht die daraus notwendige Rechtfertigerei gehörig auf den Keks, aber verglichen mit der Zeit, in der ich geschwiegen habe, ist es angenehmer, finde ich, dazu folgt unter einem anderen Punkt auch noch ein Beispiel. Langfristig wünsche ich mir für jede_n, dass überhaupt keine Maßstäbe angesetzt werden, es keine Erwartungen gibt, unabhängig davon, ob sich jemand erklärt hat oder nicht. Nur sehe ich auch – egal, ob das richtig ist oder nicht -, dass unsere Gesellschaft derzeit einfach nicht so aussieht. Und der alltägliche Kampf ist anstrengend genug, als dass ich ihn mir noch selbst erschweren muss, indem ich alles verschweige.

 
Ich weiß ebenfalls, dass ich bereits in meiner Kindheit ab und zu mit Übelkeit aus vorfreudiger Aufregung oder ähnlichem zu tun hatte. Da ist einerseits die verschwommene Erinnerung an einen Marktbesuch (sowas ähnliches wie Kirmes) mit Eltern und Geschwistern und da fing das an, aber ich kann es in keinen genaueren Kontext mehr bringen, ich weiß auch nicht, wie alt ich war.
Auch bei der anderen Situation weiß ich das Alter nicht mehr. Ich bin mit meiner Tante eine Bekannte besuchen gefahren, die für mich wie eine Oma war (die ersten fünf Jahre haben wir in einer Wohnung gelebt, die eine Eingangstür, einen winzigen Flur mit drei weiteren Türen hatte, von denen eine in unsere Küche, eine in unser Wohnzimmer und die dritte in eine weitere Wohnung geführt hat, dort hat sie gewohnt und war damit die ersten fünf Jahre immer um mich herum). Wir saßen in der Tram auf dem Weg dorthin und mit einem Mal wurde mir so übel, dass wir an der nächsten Haltestelle ausgestiegen sind. Es hat gereicht, ein bisschen zu warten und dann konnten wir weiterfahren. Erst im Nachhinein stufe ich das genauso ein, wie die Zeiten, wenn ich vor anderen freudigen Ereignissen mit ähnlichen Problemen zu kämpfen hatte, sie aber zuordnen und zeitweise auch ganz gut kontrollieren konnte.
Ob es weitere Vorfälle in meiner Kindheit gab, weiß ich nicht.

 
Mit 18 ging es auf jeden Fall weiter, daran kann ich mich bereits wieder bewusst erinnern. Es stand eine Fahrt nach Hessen zur Verwandtschaft meines damaligen Freundes an und von Berlin aus ist die Fahrt weit. Ich war sehr nahe dran, alles zu canceln. Denn wenn ich tatsächlich krank bin, dann will ich niemanden um mich haben. Ablenkung, ja, gern und sehr viel. Telefonate, chatten, was auch immer. Aber Menschen in derselben Wohnung wie ich? Bloß nicht! Und dann zu viert in einem Auto sitzen? Über viele Stunden? Für ein paar Tage in einem Haus, insgesamt wenigstens acht Menschen, zeitweise mehr? Die Vorstellung war schrecklich. Aber irgendwie habe ich es damals geschafft, aus dem Gefühl rauszukommen. Wie, das weiß ich nicht. Aber ich weiß, dass solche Vorfälle eigentlich über mein ganzes Leben verteilt sind, nur eben früher sehr sehr sporadisch.

 
Nach der ersten Therapie hatte sich das gelegt, ich vermute, dass ich insgesamt einfach gestärkter und dadurch weniger anfällig war. Das hielt in etwa vier Jahre, bis zum Tod meines Ex-Freundes. Das halbe Jahr meiner befristeten Arbeitsstelle hat das alles noch irgendwie getragen, doch danach fing es wieder an. Und zwar so heftig, dass ich eine Weile jeden zweiten Tag wenigstens eine Mahlzeit nicht essen konnte. Und das Wort „konnte“ ist exakt das richtige. Ich hatte Hunger. Ich saß vor meinem Essen. Aber mein Körper hat dicht gemacht, genauso wie er es tut, wenn ich tatsächlich krank bin und er sich weigert, etwas anzunehmen. Ich habe damals über einige Monate aufgrund dessen um die 15 kg abgenommen, weil es im Grunde eine unfreiwillige FdH-Diät war.
Aber genau aus dieser Zeit ist die Essstörung resultiert, die mir das erste Mal mit der Reha bescheinigt wurde. Darauf gehe ich später ein.

 
Ich weiß, dass man sich Ängsten stellen soll. Das Problem bei mir ist, dass ich zwar dieses Mal tatsächlich verschont bleiben kann, was üblicherweise in der Verhaltenstherapie dazu führt, dass eine Angst überwunden wird (manchmal braucht es mehr als einen Anlauf, aber ein paar weitere und für gewöhnlich tritt dann der Erkenntnisprozess ein, dass einem nichts geschehen kann, das erzählen einem die Therapeuten auch ganz munter). Da wir aber nun mal alle ab und zu mal krank werden, kann ich hundert Mal gut rauskommen, wenn das hunderterste Mal dann aber doch in Krankheit resultiert, ist die Angst mit voller Kraft zurück.
So war es in der Vergangenheit.
Mittlerweile komme ich gar nicht erst zu einem Erfolgserlebnis. Oder es sieht so aus, dass ich einige Tage bange, ob ich alles heil überstanden habe, diese Tage in ununterbrochener Anspannung verbringe und mich noch mehr zurückziehe als ohnehin schon.

 
Als aktuelles Beispiel mal in seiner kompletten Hässlichkeit, meine Konzertreise im Juni, die ich im Band-Beitrag in dieser Hinsicht gar nicht erwähnt habe. Das wird lang, aber ist weniger abstrakt. Davor noch der Abschnitt zur Essstörung, weil auch deren Auswirkungen in die Reise mit reingespielt haben.

 
Essstörung
Sie ist eigentlich vollständig mit meinen Ängsten verknüpft.
Im Rahmen dessen, nicht essen zu können, weil da immer dieses Gefühl von Übelkeit und die Weigerung meines Körpers war, Nahrung aufzunehmen, hatte ich jedes Mal Angst, ich hätte mir einen Infekt eingefangen. Also habe ich vorsorglich leichte Kost gegessen, Weißbrot, nichts Fettes usw. Das Problem war aber, dass es mir ja ständig so ging und über die Monate hat sich mein Körper an diese Nahrung angepasst. Mittlerweile ernähre ich mich seit acht Jahren so. Ich kann nicht wie andere Menschen „normal“ essen, denn mein Körper ist damit sehr schnell überfordert. Was beispielsweise in Situationen wie Weihnachten oder Feiern, die über den ganzen Tag gehen, darin resultiert, dass ich vielleicht ein bis zwei Mahlzeiten das mitesse, was es gibt (Kuchen, eine warme Mahlzeit mit Gemüse und Fleisch), aber selbst da vorsichtig bleibe und für die restliche Zeit auf anderes ausweiche, nicht selten etwas, das ich selbst mitgebracht habe. Ich muss ohnehin sehr regelmäßig essen (mein Blutzuckerspiegel steigt nicht so hoch an, wie er sollte und fällt daher schneller wieder ab, was nach sich zieht, dass ich in kleineren Abständen essen muss und über die Jahre auch keine großen Portionen essen kann), weswegen ich so ziemlich immer etwas zu essen einstecken habe. Ich esse quasi überall, ob ich nun in der Bahn stehe oder in Ruhe irgendwo sitzen kann, für mich spielt das keine Rolle. Wenn möglich, versuche ich vorher durchzukalkulieren, was wohl auch die ersten Schritte zu weniger Spontaneität nach sich gezogen hat, denn eigentlich muss ich am Tag vorher wissen, wie der nächste aussieht, um selbst bei einem Treffen am Nachmittag oder Abend den Tag schon mal mit meinen Mahlzeiten durchzutakten. Im Alltag habe ich einen sehr gleichmäßigen Rhythmus und brauche darüber nicht nachzudenken, weswegen aber Abweichungen umso mehr ins Gewicht fallen.
Ebenso mag ich viele Dinge nicht mehr essen. Alles, das fett ist, schmeckt mir nicht. Da ist immer dieser Fettfilm in meinem Mund, wenn ich nur eine Sahnesauce esse, wie sie ganz normal in Restaurants auf den Speisekarten steht.
Hinzu kommen einige Nahrungsmittelunverträglichkeiten (Käse, Reis, Zimt, Olivenöl, Curry, Paprika) und eine chronische Gastritis (die es eigentlich auch erforderlich macht, Rücksicht zu nehmen, nicht zu fett, nicht zu süß, viel Obst ist auch deswegen bei mir nicht gut etc.), die ohnehin vorher schon einschränkend waren. Es lässt sich damit leben, ich stelle mir eine Laktoseintoleranz oder Zöliakie viel schlimmer vor, nur die Kombination mit der Angst macht es schwieriger.

 
Zu meiner Konzertreise.
Geplant waren zwei Konzerte in Köln und in München. Abreise hier am 15.06., das erste Konzert am darauffolgenden Tag, am 17. die Weiterreise nach München, am 18. das nächste Konzert und am Tag danach zurück nach Berlin. Ich hatte die Bahnfahrten und Hostels Monate vorher gebucht. Ich war allein unterwegs, das war mir wichtig gewesen. Anfangs gar nicht so sehr, weil ich den Abstand zu Menschen suche (wer sich mal damit befasst hat, wie sich Magen-Darm-Imfektionen verbreiten, weiß wieso), sondern um keine Kompromisse eingehen zu müssen, die im Miteinander normal sind, da ist auf der letzten Tour dieser Band einiges sehr ungünstig zusammengekommen und ich hatte damals beschlossen, dass es beim nächsten Mal nur um mich gehen würde.
Das zog allerdings ein weiteres Angstproblem meinerseits nach sich, zumindest vermute ich, dass bei mir auch eine soziale Angst mit reinspielt. Das hat mir nie jemand bestätigt, aber ich weiß, wie sehr ich mich schon als Kind hinter meinen Eltern versteckt habe, statt auf andere Menschen zuzugehen, ich bin introvertiert und Fremden gegenüber auch erstmal schüchtern, aber ich frage im Supermarkt nicht nach einem Artikel, den ich nicht finde, wenn ich ihn nicht zwingend brauche oder unbedingt haben will. Und das geht aus meiner Sicht über die Kombination aus schüchtern und introvertiert hinaus (während ich bei Menschen, die ich kenne und bei denen ich mich wohlfühle ohne Punkt und Komma reden kann). Ebenso verfalle ich in sprachliche Probleme, gerate immer wieder ins Stolpern, muss teilweise die Wörter suchen, als hätte ich einen Blackout oder würde nicht in meiner Muttersprache kommunizieren, werde immer leiser usw. Bis hin zur Unfähigkeit, überhaupt ein Wort rauszubringen. Und damit sollte ich jetzt allein in ein Hostel einchecken, etwas, das ich dieses Jahr tatsächlich zum ersten Mal komplett allein gemacht habe, eben wegen dieser Gründe.
Die ersten Angstzustände hatte ich bereits im ICE nach Köln. Ich meide wie gesagt Menschen, vor allem Kinder. Um es ganz klar zu sagen, ich habe Angst vor Kindern. Die letzten beiden Male, die ich krank war, kamen die Infektionen über meinen Neffen, sehr wahrscheinlich über die Kita. Ich saß nun in diesem ICE, am Gang, weil in meiner Sitzreihe der andere Platz schon besetzt war (eigentlich war es meiner, aber das habe ich anfangs nicht wirklich begriffen gehabt) und die ständigen Menschen, die noch nach Plätzen suchten (die Reservierungsanzeigen funktionierten anfangs nicht und alles irrte ziemlich verwirrt durch den Zug), dazu die ganzen Kinder, die auf und ab liefen, es kamen genügend Menschen an mir vorbei, berührten mich, auch wenn ich langärmlig gekleidet war, immerhin sind ICEs fast immer für mich zu kalt klimatisiert. Ich war so froh, als die Person neben mir ausgestiegen ist und ich ans Fenster wechseln konnte. Trotzdem achte ich die ganze Zeit darauf, nichts zu berühren, keinen Sitz, keine Armlehne, wenn doch, hallo Desinfektionsmittel. Denn das haben ja andere Menschen berührt. Dieser ungewollte physische Kontakt mit Menschen reicht dann von Genervtsein bis hin zu Tränen und Panik, je nachdem, wie es mir gerade geht, je stabiler ich bin, desto ruhiger kann ich oft bleiben (weswegen dieser Sommer für mich auch alles andere als einfach war, weil ich nie die Zeit hatte, eine Routine zu entwickeln wie im letzten Jahr, da es ja nicht konstant sehr warm mit für mich ständig kurzer Kleidung blieb).
Übrigens hat dieser erste Eindruck meiner Reise dazu geführt, dass ich zumindest bei der Reise von Köln nach München dem Menschen, der genau meinen Platz erklimmen wollte (der Waggon war noch leer, aber er musste natürlich genau dort hin), mitgeteilt habe, dass der Fensterplatz MEINE Reservierung ist. Er hatte gar keine, denn er ist komplett abgerauscht.
In Köln angekommen, habe ich sogar die Kommunikation beim Check-In überstanden (im Grunde ist das für mich anstrengend und wann immer ich kann, überlasse ich das anderen, aber das ist weniger schlimm als der Rest). Hoch ins Zimmer und dann kam der Teil, der für mich wichtig war: putzen. Nicht, weil ich davon ausgehe, dass das Personal nicht gründlich ist. Sondern weil ja auch die Mitarbeiter etwas verteilt haben können. Und krank zu werden, war keine Option. Nicht nur, weil ich hunderte Kilometer von zu Haus entfernt war, weil das allgemein eine Katastrophe für mich ist, sondern auch, weil ich diese Konzerte erleben musste. Es war tatsächlich ein Muss für mich. Mit einer kleinen Spülmittelflasche und Abwaschlappen im Gepäck war ich angereist und habe mir im Bad im Waschbecken Putzwasser vorbereitet und dann Türklinken, Lichtschalter, Bettrahmen und alles, was ich voraussichtlich berühren würde, sauber gemacht. Anfangs eine Stunde oder so, dann bin ich erstmal losgezogen, denn ich musste auch noch für meine Verpflegung sorgen.

 
Für mich gilt auf diesen Reisen immer Selbstversorgung, eben wegen der erwähnten Essstörung. Ich hatte im Vorfeld rausgesucht, wie die Lage im Umfeld der Hostels ist und auch dementsprechend geschaut, wo sich eine Buchung für mich sinnvoll gestaltet. Und bin dann erstmal zu Rewe gelaufen, Brot und Getränke holen. Dazu gab es, schon mitgebracht, Nutella und Margarine (diese in eine kleine Dose abgefüllt, um Platz zu sparen). Das Brot würde ich bis zur Weiterreise verbraucht haben. Getränke plante ich für die Zeit im Hostel, eine kleine Flasche für die Zeit vor dem Konzert (die dort ja eh abgegeben werden muss) und eine für die Weiterreise nach München, alles so knapp in der Größe wie nötig (zu Haus habe ich eine wiederverwendbare, aber die war dafür zu groß und ich hatte schon echt Platzprobleme, da ich Unmengen Klamotten dabei hatte).
Zurück im Hostel habe ich auch erstmal die Flaschen geputzt. Das mache ich im Alltag nicht, aber je angespannter ich bin – und das war ich während dieser Reise -, desto stärker das Bedürfnis. Wo keine Erreger sind, kann ich mir nichts einfangen! Und ja, ich weiß, das ist krank. Nicht abfällig ausgedrückt, sondern im Sinne von krankhaft. Ich bin mir dessen bewusst. Aber ich bin wie gesagt bisher mit Verhaltenstherapien gescheitert. Und das ganz klassische, das eine Person mit Angststörung an den Tag legt, ist Vermeidungsverhalten. Nichts anderes ist das gewesen. Wenn auch sehr stark ausgeprägt. Was wiederum der Ausnahmesituation durch die Reise zuzuschreiben ist. Aber das passiert bei entsprechender Anspannung eben auch zu Haus, nicht nur auf Reisen (in der Zeit vor der Reise habe ich auch hier die Flaschen geputzt, nicht, dass ich kurz vor der Reise noch krank werde, ich brauche nämlich auch sehr lange, bis ich wieder genügend Kraft habe, wenn ich sowas überstanden habe).
Auch im Zimmer gab es noch ein paar Sachen, beispielsweise die Fernbedienung des TV-Gerätes, den Kleiderschrank habe ich außer Acht gelassen und einfach aus dem Koffer gelebt, ich finde die Packerei ohnehin nervig und ich war ja eh nur zwei Nächte dort, diesen Abend und den nächsten Tag teils, dazwischen dann noch auf dem Konzert, also, egal. Ich war gegen 15:45 Uhr im Hostel ursprünglich angekommen, gegen 16:40 Uhr einkaufen gegangen und nun gegen 17:45 Uhr zurück. Fertig mit Putzen war ich eine weitere Stunde später. Um das auch mal so zu verdeutlichen.

 
Wenn ich solche Probleme mit menschlicher Nähe habe, warum gehe ich dann ausgerechnet auf Konzerte?
Weil ich muss. Weil ich es brauche.
Musik ist das, was mich am Leben hält. Natürlich im übertragenen Sinne, aber ich könnte auf Bücher verzichten, müsste ich mich zwischen beidem entscheiden, auf Musik nicht.
Ich weiß, als es im November eine Ankündigung für eine zusätzliche kurze Tour der Band in Japan gab und einige Fans äußerten, dass sie mit einer Welttour gerechnet hatten, dachte ich nur „zum Glück keine Tour hier“. Denn zu dem Zeitpunkt war ich nicht bereit, mich dem auszusetzen. Und wusste, würde ich darauf verzichten, würde ich hinterher umso tiefer fallen, weil ich mir das habe entgehen lassen.
Ich habe die Band bereits 2007, 2013 und eben 2016 gesehen. Und die Konzerte selbst waren jedes Mal so unglaublich toll. Dass gerade 2016 drumherum sehr viel ungünstig lief, hat die Aussicht, dieses Mal nicht zu gehen, nicht verbessert, sondern ich wusste, würde ich gar nicht gehen, wäre es danach noch schlimmer als vor drei Jahren. Deswegen sage ich, dass ich gehen musste. Und das Nachhinein zeigt auch, dass es richtig war. Nicht sofort, aber nachdem ich mich hinterher wieder sicher gefühlt habe. Dazu komme ich aber noch.

 
Glücklicherweise war es weder in Köln noch in München so warm zu der Zeit wie in Berlin. Ich konnte in Köln bei 23 Grad noch mit Sweatjacke vorher warten (ich friere ja sehr leicht). Drinnen hatte ich ein sehr dünnes Tuch dabei, das noch über Schultern und Armen lag, bis kurz vor Konzertbeginn. Somit konnte ich die Menschen um mich herum auch noch einigermaßen abschirmen. Ich stehe bevorzugt nicht vorn, weil ich dort nicht viel sehe, sondern suche in solch größeren Hallen (über die in München habe ich gelesen, dass sie 1.200 Leute fassen soll) hinter dem abgesperrten Bereich für die Technik meinen Platz, weil ich dann nicht direkt Schultern vor der Nase habe (ich bin nur 1,54 m groß). Außerdem gibt mir diese Absperrung die Möglichkeit, mich festzuhalten, denn ich und stillstehen auf Rockkonzerten? No way! Aber headbangen und springen funktionieren zusammen nicht so wirklich gut, ohne einen Punkt zum Festhalten. Das erste, was also folgte, ich habe erstmal diese Absperrung oben mit meinem Desinfektionsgel eingeschmiert, damit ich sie ohne Probleme anfassen kann (und habe das während des Konzertes ab und zu wiederholt, wenn ich den Eindruck hatte, dass sich durch Bewegung jemand neben mir in „meinen“ Bereich bewegt hat, es ist normal, dass das passiert, aber ich brauchte das als Sicherheitsgefühl). Während des Konzertes funktionieren lange Ärmel für mich gar nicht, nicht mal normale T-Shirts (Kreislaufproblematik). Ich wusste vorher, dass die Halle in Köln eh recht warm wird, trotz Klimatisierung und damit mein Kreislauf nicht tschüß sagt, heißt es für mich Augen zu und durch in solchen Situationen.
Ich muss dazu sagen, dass einer der Mechanismen im Alltag daraus besteht, immer zu beobachten, was ich wie berühre und wenn sowas versehentlich passiert und ich gerade nicht desinfizieren kann, dann eben mit diesem Finger oder so, mir nicht ins Gesicht zu fassen, nach Möglichkeit gar nichts zu berühren. Und aus genau diesem Grund habe ich während des Konzertes mit den Händen meine Arme gemieden, die durch die Leute links und rechts natürlich ständig berührt wurden. Die alltägliche Gewohnheit, mich darauf zu fokussieren, hat mir sicher dabei geholfen, aber dieser Fokus kostet auch eine Menge Kraft, jeden Tag, wenn ich draußen bin. Oder jemand hier bei mir ist (ich hatte eine solche Situation kürzlich mit meinem Papa, als er hier war, sich gegen den Türrahmen lehnte usw., in meinem Kopf ging es immer nur so, dass ich dies und das registriert habe und wusste, dass ich da nachher mal kurz mit einem Lappen drübergehen würde, wobei kurz dann auch eine halbe oder dreiviertel Stunde bedeutet hat, das nimmt in der Regel niemand wahr, ich bin mittlerweile extrem darauf fixiert und das kostet eben Kraft, weswegen ich meinen Alltag auch mit Akkordarbeit gleichsetze, weil ich genau deswegen immer angespannt und hoch fokussiert bin, vor allem, wenn ich mit anderen Menschen zusammentreffe und genau deswegen erzähle ich das hier auch gerade so ausführlich, damit andere, die davon nicht betroffen sind, einen Einblick bekommen können).
Nach dem Konzert habe ich, sobald ein bisschen Platz um mich war, die Arme großzügig mit dem Gel eingerieben. Der Rest blieb hoffen, denn gegen die Berührungen an meiner Kleidung konnte ich natürlich nichts mehr machen. Unterm Strich bin ich nach meiner Rückkehr aus allen Klamotten raus, habe sie in einen Beutel gestopft, der nach meiner Rückkehr in die Wäsche gewandert ist und habe geduscht. Und ich sage mir auch immer, dass ich auch im Alltag in den Öffentlichen auf Plätzen sitze und damit auch überlebe, ohne dass etwas passiert. Aber wie gesagt, solche Situationen wie die Konzerte sind noch mal verschärfter als reiner Alltag für mich. Und selbst da mag ich auch Berührungen an Kleidung nicht, wenn es nicht sein muss.

 
In München war alles ähnlich, putzen, einkaufen, weiter putzen, Vorbereitungsmaßnahmen für das Konzert usw.
Hier kam hinzu, dass ich Zeug vom Merchandise gekauft habe, da ich in München als VIP früher reinkam und ohne Andrang kaufen konnte (Merchandise ohne VIP bedeutete in einer riesigen Traube von Menschen zu stehen und meinen Platz zu verteidigen und langsam nach vorn zu rutschen, während andere, die bereits gekauft hatten, sich versuchten, wieder rauszukämpfen, den „Spaß“ habe ich 2016 mitgemacht und dieses Jahr in Köln darauf verzichtet). Es kamen hier also die Shirts und der Hoodie dazu, die angefasst worden waren, dazu das Geschenk für die VIP-Ticket-Holder, ebenfalls angefasst. Ich habe alles bis auf den Hoodie in den winzigen Rucksack gestopft, den ich dabei hatte. Hinterher bedeutete es, alles wieder mit den getragenen Klamotten in einen Beutel zu stopfen, um zu Haus alles zu waschen, den Rucksack habe ich, so gut es ging, ausgewischt (auch schon nach Köln), weil ich in ihm die wichtigsten Sachen auf der Reise zur Hand hatte (Fahrkarten, Geld, Verpflegung).

 
Dafür war die Rückkehr noch mal sehr heftig, denn während meiner Abwesenheit hat eine Freundin hier bei mir gewohnt, um meine Katze zu versorgen.
Normalerweise ist meine Wohnung mein Sicherheitsort und seit einem dreiviertel Jahr lasse ich hier nur sehr ungern jemanden rein (es waren in der ganzen Zeit nur ein paar Mal mein Papa, wenn er mir Getränke gebracht hat oder Techniker, wie derjenige, der die Rauchmelder installieren musste). Auch das ist etwas, das mit einem Dreivierteljahr noch nicht so lange ist und ich versuche ständig dagegen anzugehen, den Zustand zu erreichen, wo ich wieder Menschen in meine Wohnung lassen kann, ohne mich hinterher bedroht zu fühlen. Denn wenigstens hier möchte ich mich sicher fühlen können. Draußen kann ich das nicht.
Ich bin an dem Mittwoch gegen 16:00 Uhr hier angekommen, ich war von all den Tagen so erschöpft, aber als erstes habe ich die wichtigsten Stellen geputzt. Nach ungefähr einer Stunde war ich kurz einkaufen, denn ich hatte meine Vorräte vorher aufgebraucht (das klingt so falsch, als hätte ich einen riesigen Vorrat abgebaut, aber ich esse nur eine Sorte Wurst, diese eine Sorte Brot, es war also nicht wirklich viel, aber gerade das Brot schmeckt frisch einfach besser). Gegen 17:45 Uhr habe ich wieder mit putzen begonnen und gegen 19:30 Uhr das erste Mal wirklich gesessen.
Darauf folgte eine weitere Woche Anspannung. Die meisten Stellen waren okay. Aber Gardinen beispielsweise lassen sich nicht reinigen und ich muss sie zum Schlafen zuziehen und um das Fenster zu öffnen, muss ich eben an den Gardinen vorbei. Das Bett hatte ich für die Freundin natürlich vorher frisch bezogen und dann wieder gewechselt, als ich zurück war, die Matratze einmal gewendet, um einen gewissen Abstand zwischen mich und die Freundin zu bringen. Das klingt alles nach unnötigen Kleinigkeiten, aber für mich war das eine volle weitere Woche mit Angst, dass mir diese liebe Freundin was mit reingebracht hat, kann ja alles sein. Erst als auch diese Woche rum war, konnte ich anfangen abzuschalten. Konnte ich überhaupt erst damit beginnen, diese wundervollen Erlebnisse, die neben all der Anstrengung gewesen waren, zuzulassen. Nur keine Freude oder Euphorie, bevor die Gefahr nicht vorüber ist. Denn genau so fühlt sich das für mich an. Höchst bedrohlich.

 
Insgesamt waren das also fast zwei volle Wochen ununterbrochene Anspannung, für zwei Konzerte. Jede Umarmung von Freunden, die ich vor den Konzerten getroffen habe, beobachtet, im Großen und Ganzen versucht, den Kopf nicht zu nah ranzubringen, damit nur die Hände berühren, die Arme steckten ja in schützender Kleidung. Das meinte ich oben mit „mich sicher fühlen“. Ich weiß nicht, wie oft ich in dieser Zeit immer wieder Hände oder Arme gewaschen habe, teils Kleidung gewechselt habe, weil ich gegen die Gardinen im Schlafzimmer gekommen bin oder so. Das Verhalten, das ich sonst draußen an den Tag lege (permanent beobachten, was ich womit berührt habe), habe ich in einigen Bereichen meiner Wohnung in der Zeit auch an den Tag gelegt. Immer.

 
Ich weiß nicht, wie genau für andere daraus nachvollziehbar ist, wie anstrengend das Leben mit meiner Angst ist. Ich weiß nicht, wie sich Ängste für andere anfühlen. Ich kenne nur meine eigenen. Ich denke, es gibt immer noch Unterschiede für einen jeden von uns. Weil wir alle unterschiedlich sind. Aber ich glaube, dass das reine Nennen sehr viel abstrakter und dadurch auch geringer im Ausmaß ist, als wirklich mal detailliert darzulegen, wie viel Kraft so eine Angst kosten kann.

 
Diese Angst vorm Kranksein erstreckt sich darüber hinaus wie gesagt auch auf lebensbedrohliche oder solche, die mich ins Krankenhaus bringen könnten. Dort bleiben zu müssen, ist für mich absoluter Horror. Nicht nur, weil ich nicht wüsste, wie meine Katze versorgt sein soll (mein soziales Netz vor Ort ist sehr sehr dünn), sondern auch, weil ich dort nicht für mich wäre, es wäre eine Veränderung und ich wäre von Menschen umgeben, fremden Menschen. Ich wüsste nicht, wie ich das mit dem Essen regeln soll. Außerdem meide ich Krankenhäuser, wo ich nur kann, ich komme mit dem Geruch nicht zurecht und bis ich jemanden dort besuche, muss mittlerweile echt viel dranhängen, weil das jedes Mal unglaublich belastend für mich ist.

 
Menschen/Kinder
Im Grunde hängt das alles mit der zuvor geschilderten Angst zusammen, denn durch den Kontakt mit Menschen – direkt wie indirekt – kann es zu Infektionen kommen. Und ich habs ja eigentlich schon im langen Text erwähnt, dass eben gerade Kinder mir dadurch Angst machen. Dass ich einige Jahre mit Kindern gearbeitet habe, ist für mich mittlerweile so unglaublich weit entfernt. Ich weiche Menschen körperlich aus. Und gerade bei Kindern schaue ich immer noch genauer, wenn sie mir draußen entgegen kommen oder in einem Center/einer Mall den Gang entlang laufen, sie sind in ihren Bewegungen weniger gut einzuschätzen und der Bogen, den ich wortwörtlich um sie mache, ist größer, immer darauf bedacht, noch weiter ausweichen zu können.

 
Höhenangst, Feuer, Menschen u. v. m.
Es gibt so einige weitere Ängste, die aber auf einem recht „normalen“ Level sind. Ich habe Höhenangst, was manchmal zu ein paar Problemen im Alltag führt, die aber vielen Menschen vertraut sind. Ich kann kein Leuchtmittel austauschen, wenn die Lampe nicht recht nah am Rand zur Wand befestigt ist. Ich steige auf Leitern, wenn ich mich an der Wand entlang nach oben tasten kann, aber mitten im Raum eben nicht. Ich putze meine Fenster nur von innen, aber nicht von außen, weil ich fast vollständig oberhalb des Fensterbretts bin, um oben am Rahmen anzukommen (noch mal, ich bin nur 1,54 m groß). Diese Situationen meide ich auch, von außen sind mir die Fenster halt einfach egal, für eine Lampe oder ähnliches brauche ich dann eben mal Hilfe durch andere, aber das sind keine Dinge, die sich für gewöhnlich stark auf meinen Alltag auswirken.
Feuer ist da schon ein bisschen anders, aber auch das war schon eindeutig schlimmer. Als ich noch nicht sehr lange allein gewohnt habe, gab es in dem Strang, in dem ich wohne, einen Brand, nachts. Und es werden zwischen 22:00 und 6:00 Uhr leider die Lüftungen in Bad und Küche abgestellt. Das hat dazu geführt, dass es den Löschqualm in die Wohnungen gedrückt hat. Ich hatte damit insgesamt nicht viele Probleme, außer einigen Stunden an Putzerei, weil ich es halt zeitnah mitbekommen habe (und meine Wellensittiche haben das damals auch überlebt, obwohl sie einige Stunden in dem Qualm aushalten hatten müssen, bis ich es überhaupt bemerkt habe). Aber seitdem ist unterschwellig die Angst da, dass sich sowas wiederholt. Es gab einige Jahre, in denen ich beim Klang jedes Martinshorns aufgesprungen bin, um zu schauen, was los ist. Und wenn die Feuerwehr wirklich hier zu tun hat, finde ich keine Ruhe, bis sie wieder abzieht. Sobald ich nur den Hauch von etwas verkokeltem wahrnehme, laufe ich durch die gesamte Wohnung und suche nach der Quelle. Aber auch das ist insgesamt recht erträglich.
Menschen machen mir allgemein recht viel Angst, egal ob männlich oder weiblich gelesen und das ganz unabhängig von der obigen Erwähnung. Ich vertraue schwer und wenn ich allein draußen im Dunkeln unterwegs bin, wenn nicht mehr viel los ist, könnte jeder eine Bedrohung sein. Es ist aber nicht so, dass ich permanent ängstlich unterwegs bin, tagsüber kann genauso viel passieren und in ruhigen Gegenden bin ich auch tags nicht entspannter. Ansonsten finde ich Menschen insgesamt beängstigend, aber das hat weniger mit tatsächlicher Anxiety zu tun.
Es gibt noch weitere Sachen, ich glaube, mir fällt nicht mal unbedingt alles ein, solange ich nicht damit konfrontiert bin (Spinnen, ganz eindeutig), aber wie gesagt, das ist alles in einem Rahmen, der nichts mit Angststörung zu tun hat.

 
 

Vergangenheit

Es gibt Dinge, die ich schon im eingangs verlinkten Beitrag erwähnt habe, über die ich (noch) nicht schreiben kann. Oder es gesondert tun will, ich bin mir selbst noch nicht ganz sicher, ob es nur letzteres oder beides ist. Dinge, die mich geprägt haben. Wie vermutlich jeden von uns.
Ich hatte oben geschrieben, dass ich noch ein Beispiel nennen werde und ich setze es jetzt einfach mal hier hin.
Damals habe ich geschwiegen, weil ich gar nichts sagen konnte. Ich erkenne die Zusammenhänge erst seit wenigen Jahren. Und solange rede ich auch offener.
Ich bin nach meiner Ausbildung im Büro in die Arbeitslosigkeit gerutscht. Das ging sicher nicht jedem so. Aber für Personen wie mich war es schwieriger. Im Grunde waren einerseits Leute gewünscht, die zwar erst 25 sind, dabei aber schon zwanzig Jahre Berufserfahrung mit sich bringen. Wer sich gut verkaufen konnte, hat die mangelnde Berufserfahrung wettgemacht. Bei mir war es dagegen so, dass ich so einige Stellenanzeigen sofort weggeschoben habe. Ich habe damals ausschließlich gespürt, dass das nicht der richtige Arbeitsplatz für mich ist. Warum? Das konnte ich nie erklären. Kann ich bis heute nicht. Was ich heute allerdings sagen kann, dass alle Stellen, in denen es direkt um Telefondienst oder Empfangstätigkeiten ging, auch darunter gefallen sind. Denn beides scheitert an dem, das ich als social anxiety sehe. Wie gesagt, mir hat das nie jemand so bestätigt, aber wann immer ich wusste, ich soll sowas tun, konnte ich nicht schlafen. Bei dem Job 2010 war ich als Projektfachkraft im Büro angestellt, aber die klassischen Sekretariatstätigkeiten hat eine andere Kollegin gemacht. Und sie musste an einem Tag weg. Ich war diejenige, die im Büro ausgebildet war und sie kam zu mir, damit ich das Telefon übernehme. Ich war davon so überfordert, ich bin vor ihr in Tränen ausgebrochen. Ich liebe die Arbeit im Büro, aber Telefondienste oder eben Empfangstätigkeiten funktionieren für mich nicht. Ich bin nicht spontan. Ich bin kein bisschen schlagfertig. Ich brauche ewig Zeit, um Antworten zu überlegen. Und nichts davon geht in diesen Momenten.
Als sich die Arbeitslosigkeit über einige Monate nach meiner Ausbildung zog, konnten meine Eltern nicht verstehen, warum dem so ist. Ich war doch klug, hatte mein Abi gemacht, die Ausbildung verkürzt und gut bestanden. Wieso also konnte ausgerechnet ich keinen Job finden? War ich zu wählerisch? Zu faul? Ich weiß nicht mehr, ob letztere Formulierung direkt gefallen ist oder nur zwischen den Aussagen hing, aber der Vorwurf war da. Mir wurde direkt gesagt, dass es doch egal wäre. Man würde auch draußen das Grünzeug machen, Hauptsache arbeiten.
Mich haben diese Aussagen damals schwer getroffen, denn ich war nicht faul, aber ich war blockiert. Und ich konnte nicht erklären, wieso. Ich saß wie ein kleines Kind da, das Vorwürfe bekommt, weil es Unsinn gemacht hat und sich nicht rechtfertigen kann.
Außerdem hinkten diese Aussagen für mich auf zwei Ebenen. Erstens, ich hasse Gartenarbeit und das war bekannt (ich hasse auch kochen, aber als wir in meiner Jugend einen Garten hatten, habe ich das Kochen übernommen, um der Gartenarbeit zu entkommen). Zweitens, ich war Berufsanfänger. Es hätte mir später nichts gebracht, dass ich etwas anderes gemacht habe, was ich wirklich brauchte, war Erfahrung in dem Bereich, in dem ich arbeiten wollte. Das habe ich auch zu vermitteln versucht. Was für mich generell schwer wird. Denn sobald ich mich ungerecht behandelt fühle (da spielt noch mal die Vergangenheit rein, die bislang nur angedeutet ist, ich habe ein extrem großes Bedürfnis nach Gleichbehandlung/Fairness), werde ich wütend und wenn ich wütend werde, fange ich an zu weinen und habe den sprichwörtlichen Kloß im Hals, der alles so zuschnürt, dass kein Ton rauskommt (die Beschreibungen aus Büchern treffen da bei mir voll zu). Ich kann mich dann also gar nicht erklären. Egal, ob es überhaupt angebracht ist oder nicht, sich in dieser Situation zu befinden, das mal so nebenbei gesagt.
Das große Problem dabei war eben, was ich oben gesagt habe, niemandem war bewusst, dass psychische Probleme reinspielen. Und daher ist das Bild entstanden, ich sei faul. Ich halte nichts davon, so etwas überhaupt einer Person gegenüber zu entwickeln oder zu äußern, die einem wichtig ist/sein sollte. Unabhängig davon und eher rational betrachtet, sage ich aber deswegen, zu reden und zu vermitteln, dass man nicht gesund ist, hilft oft, sich diesen zusätzlichen Kampf vom Leib zu halten. Wenn man es eben kann. Ich finde es ebenso wichtig, dass die Menschen allgemein mehr Bewusstsein und Bereitschaft dazu entwickeln, über ihre eigene Nasenspitze hinaus zu blicken und nicht einfach so zu verurteilen. Gerade in so einer Konstellation wie sie bei mir war. Seinem Kind, das man als Eltern kennen sollte, zu unterstellen, es sei faul, sollte einfach niemals passieren. Welche Gründe da auch ursächlich sind, sollte keine Rolle spielen.

 
 

Folgen

Selbstverständlich haben solche Ängste und Erkrankungen ihre Folgen.
Dass ich gar nicht mehr normal essen kann, mal einfach so, das habe ich bereits direkt unter dem Punkt der Essstörung geschrieben.
Bei der Angststörung ist sicher die Daueranspannung und die Erschöpfung zu nennen, aber beides steht auch bereits im Text.
Eine weitere Folge, die äußerlich klar erkennbar ist, möchte ich euch einfach mal zeigen.

 

 
Das erste Bild ist recht aktuell, von letzter Woche. Es waren die einzigen Stellen, also insgesamt noch recht harmlos. Da ich aber in den letzten Wochen kaum Probleme damit hatte (kein Wunder, ich war überwiegend zu Haus, das Wetter sommerlich, was eindeutig positiv unterstützt), war ich doch davon überrascht, dass es dann gleich drei Einrisse gab. Die übrigens bei jeder Bewegung zu spüren sind.

 

 
Das zweite Bild ist schon älter, es stammt aus der Winterzeit, wo die Haut ohnehin empfindlicher ist (jedenfalls meine). Das regelmäßige Desinfizieren und Händewaschen sorgt bisweilen für solche Auswirkungen. Vor allem abends sitze ich dann hier und spüre die einzelnen Stellen wieder aufreißen, wenn ich nach etwas greife, die Hand dadurch zur Faust balle. Meine Haut ist so unglaublich ausgetrocknet. Der Übergang von Hand zum Handgelenk ist nicht mehr weich und geschmeidig, einfach weil die Haut zu trocken ist. Und das, obwohl ich sie durchaus regelmäßig eincreme. Cremes und alles mit Gerüchen usw. ist noch mal ein ganz anderes Kapitel für sich, weswegen ich bisher nicht das passende Produkt gefunden habe, fürchte ich. Zumal ich eben jede Wirkung aufgrund der Ängste auch immer wieder zerstöre. Das ist auf jeden Fall ein weiterer unschöner Teil der Auswirkungen, die so eine Angststörung haben kann.

 
Eine weitere Folge bezüglich der Essstörung ist, dass ich esse, weil ich muss. Ich genieße nicht. Und ich rede nicht gern über Essen. Gelegentlich mag ich keinerlei Bilder dazu sehen. Meine erste Therapeutin wollte, dass ich mich dem Essen bewusst widme (für gewöhnlich esse ich am PC und lese nebenbei, wirklich nebenbei arbeiten, gibt es bei mir nicht, weil es Zeiten gab, in denen ich nur wegen des Essens mal das Arbeiten unterbrochen habe). Ich sollte mich am besten in meine Küche setzen (geht nur, wenn ich dann die Wand anstarre) und bewusst jeden Bissen wahrnehmen und analysieren. Hätte ich das gemacht, hätte ich gar nicht mehr gegessen. Ich war froh, mich gedanklich ablenken zu können und dankbar, wenn das Essen in mir drin war, ohne dass mir übel geworden ist.

 
 

OCD

Dieser Teil hier wird der schwerste. Und ich schreibe ihn als letztes. Exakt betrachtet, schreibe ich an diesem Beitrag seit über einer Woche, immer in Etappen, einfach weil ich wusste, er wird lang. Auch wenn ich ein hohes Schreibtempo habe und oft bei durchschnittlich 2,5 k in einer Stunde lag, hat der Beitrag bis zu diesem Punkt hier bereits um die 7 k Wörter. Außerdem ist es unglaublich anstrengend, mich permanent diesen Themen auszusetzen. Es ging zwar bis hierher, aber ich weiß, dass gerade das Folgende die größte Herausforderung überhaupt für mich ist. Weil sie mir unglaubliche Angst macht.
Ich hatte ganz am Anfang erwähnt, dass es ein Thema gibt, über das niemand sehr tief Bescheid weiß und diejenigen, die es tun, tun es eben nur ein bisschen. Das ganze Ding ist ein extrem tiefer Teufelskreis und baut ebenfalls auf der Angststörung auf. Was es nicht leichter macht, auszubrechen.
OCD steht für obsessive-compulsive disorder und heißt im Deutschen Zwangsstörung (wie gesagt, manch einer vermutet es vielleicht, wirklich nachgefragt hat in all den Jahren nur eine Person).
Eine der ersten Fragen, die meine Psychiaterin (nicht Therapeutin, wers nicht weiß, Psychiater sind die Fachärzte für Neurologie und Psychiatrie, diejenigen, die Rezepte und alles mögliche ausstellen dürfen, aber solange sie die therapeutische Weiterbildung nicht machen, dürfen sie keine psychotherapeutische Betreuung anbieten, das ist wiederum etwas anderes) gestellt hat, war, ob es Zwangsgedanken oder Zwangshandlungen sind. Und meine Antwort lag sehr sehr klar und eindeutig auf letzterem.
Bei mir funktioniert die Zwangsstörung so, dass sie Regeln gleich kommt, denen ich folgen muss. Tue ich es nicht, werde ich bestraft. An diesem Punkt kommt der Anteil meiner Angststörung hinzu. Die Strafe ist grundsätzlich Übelkeit oder im schlimmsten Fall, krank zu werden. Das bedeutet, die Zwänge sind in gewisser Weise auch ein Vermeidungsverhalten, würde ich sagen (hat mir niemand erklärt, ist meine eigene Interpretation).
Es gibt zwei oberste Regeln. Die wichtigste ist eigentlich, dass niemand über die Zwänge Bescheid wissen darf. Und genau deswegen fällt es mir gerade auch so schwer, das zu schreiben oder es am Ende nicht doch wieder zu löschen oder aus dem Beitrag zu nehmen, sondern tatsächlich zu veröffentlichen, vor allem, weil es ab dem momentanen Zeitpunkt bis zur Veröffentlichung des Artikels noch acht Stunden und achtzehn Minuten dauert. So viel Zeit, in der ich das wieder ändern könnte, weil es ja noch niemand gesehen haben kann. Es ist immer wichtig, diesen Teil geheim zu halten. Notfalls auch damit, übliche Regeln zu ignorieren, wenn ich nicht allein bin, damit andere Menschen nichts merken (was mir in Gegenwart von anderen manchmal ein wenig Freiheit gegeben hat und dadurch schon wieder ein Punkt war, sogar freiwillig alles geheim zu halten, das Geheimnis zu bewahren). Darüber gibt es nur eine einzige weitere Regel, die mit meiner Persönlichkeit verknüpft ist: Nicht lügen. Weswegen diese eine Person das auch entdecken konnte. Bin ich bislang direkt gefragt worden (oder in diesem Fall war es sehr direkt ausgesprochen, nicht gefragt), so bestand für mich nicht die Möglichkeit „nein“ zu sagen, denn das wäre eine Lüge gewesen. Beim Fachpersonal war es unterschiedlich, teils kam die Frage direkt. In der Reha bei meiner Bezugstherapeutin kam die Frage nicht, da habe ich bereits im Erstgespräch von mir aus erwähnt, dass es Zwänge gibt, weil es für mich nicht das erste Erstgespräch war und ich wusste, dass die Reha insgesamt eher kurz ist. So sehr ich die Reha gehasst habe, so sehr wollte ich doch mitnehmen, was immer ich konnte, damit es mir besser geht und deswegen habe ich das von Anfang an erwähnt, anstatt es entdecken zu lassen. Aber auch da fiel es mir nicht leicht und ich habe sehr gehofft, dass ich nicht bestraft werde.
Die Zwänge selbst sind unzählig. Ganz ehrlich, mein ganzer Tag besteht aus Zwängen. Es gibt kaum etwas, das ich nicht auf gleiche Weise mache. Und jegliche Abweichungen machen mich nervös. Denn – und das ist ein Teil des Teufelskreises – die Zwänge bieten Routine. Und an diesem Punkt funktioniert der Teufelkreis in zwei Richtungen. Die ursprünglich geglaubten Routinen sind nicht nur zu Zwängen geworden, sondern aus diesen Zwängen rauszukommen, bedeutet neben dem Aushalten der Angst (und wer mal über Stunden in dem wellenförmigen Zustand von Anstieg und minimalem Abfall gesteckt hat, der nicht dem üblicherweise genannten Modell von Erreichen der Spitze und danach Entspannung gleicht, der kann sich nur diesen einen Teil des Ganzen vorstellen, der Rest kommt oben drauf), dass ich bewusst gegen die Routinen arbeiten muss. Vieles sitzt so tief in mir verankert, weil ich das seit Jahren mache, dass ich nicht nur schaffen muss, mich dazu durchzuringen, die Angst auszuhalten, ich muss dann auch noch bewusst darauf achten, Dinge anders zu machen als sonst, was erneut zusätzliche Energie kostet. Und fast immer scheitere ich an irgendeinem Punkt, weil ich nicht mehr die Kraft habe. Die routinierten Zwänge (es ist echt schwer zu entscheiden, welches Wort wann das richtige ist, sofern das überhaupt noch einen Unterschied macht) sind vertraut und geben teilweise ein Gefühl von Sicherheit. Ich bin sogar ziemlich überzeugt, dass ich ja erst deswegen in die Zwänge gerutscht bin. Wenn ich alles so wie gestern mache und es mir gestern körperlich gut ging, dann kann mir heute ja auch nichts passieren. Dass das rational völlig unsinnig ist, weiß der logische Teil in mir auch (und wenn man bedenkt, dass ich ein sehr logischer Mensch bin, ein Kopfmensch, dann wird das Ganze noch absurder). Aber der emotionale, der, der mit der Angst verknüpft ist, die eben völlig und immer irrational ist, der schafft es nicht, sich dem zu entziehen.
Ich habe in den vergangenen Tagen jegliche Gedanken an diesen Abschnitt des Beitrags immer wieder von mir geschoben. Nur nicht zu früh provozieren. Nichts eher herausfordern als es unbedingt nötig ist. Allein das Nachdenken hätte zu viel sein können, die Ängste wecken und auf den Plan rufen. Ob ich heute Nacht schlafen werde, ich weiß es nicht. Ob ich es können werde. Oder ob ich dazu komme.

 
Womit wir bei einem der Zwänge wären (ehrlich, ich habe keine Ahnung, wie viele sich durch meine Tage ziehen). Ich habe feste Schlafenszeiten. Und eine letzte. Bin ich zu dieser nicht im Bett, schlafe ich nicht. Das hat einen Grund, der mir wichtig ist, aber im Endeffekt ist es trotzdem zwanghaft.
Wer mich schon lange kennt (mehr als drei Jahre), weiß, dass ich über Jahre Nachtmensch war. Schon in meiner Jugend habe ich am Wochenende gern die Nacht zum Tag gemacht. Ich habe mich zwar zeitweise zum Tagmenschen umgewöhnt, weil ich mit ständigen Wechseln nicht zurechtkomme und das während der Abiturjahre und auch in der Ausbildung nicht hilfreich war, aber darüber hinaus bin ich immer in die Nachtzeiten gerutscht, sobald ich es konnte. Während ich früher dennoch recht gut damit umgehen konnte, einige Jahre auch nur vier Stunden Schlaf pro Nacht brauchte und insgesamt sehr flexibel war (die vier Jahre nach meiner ersten Therapie, bis im Grunde die Dysthymie ausgebrochen ist), kann ich das seit Jahren gar nicht mehr. Das Problem, wenn ich erst um 8:00 Uhr ins Bett gehe und um 15:30 Uhr aufstehe, liegt im Zusammenhang mit der Gesellschaft (übrigens glaube ich sehr fest, dass meine Angst durch den Brand hier im Strang auch unterstützend war, lange an dem Nachtrhythmus festzuhängen, denn so bin ich erst schlafen gegangen, als die Lüftungen schon wieder eingeschaltet waren, wenn nachts etwas passiert wäre, hätte ich es sofort mitbekommen). Arzttermine sind damit fast unmöglich. Und da ich ja nicht berufstätig bin, sollte ich doch ohnehin am besten gleich morgens aufschlagen, ich habe doch ganz viel Zeit. Das sprechen viele nicht aus, aber die Blicke sagen genug. Und die bilde ich mir nicht ein. Meist kommen einfach die Vorschläge und sobald dann die Aussage meinerseits fällt, dass ich erst nachmittags kann, werde ich völlig entsetzt oder fragend angeschaut. Ich sehe da keinen großen Interpretationsspielraum. Dass ich Rente beziehe, ist nun mal am Versicherungsstatus in der elektronischen Akte sichtbar.
Ich habe über viele Jahre unzählige Versuche gestartet, meinen Rhythmus zu verändern und 2016 ist es mir endlich gelungen. Ich weiß aber auch, dass ich sofort wieder in den Nachtrhythmus falle, gehe ich später als diese festgesetzte Zeit ins Bett. Es gibt wenige Ausnahmen und bei diesen bin ich nie allein (es waren exakt drei Stück: die beiden 60. meiner Eltern, die wir groß in Familie gefeiert haben und ein Silvester, an dem ich nicht allein zu Haus war, denn wenn dem so ist, bin ich auch wie jeden anderen Tag pünktlich im Bett). Mal sehen, ungefähr zwei Stunden habe ich noch, aber ich habe auch noch ein paar Dinge zu erledigen.

 
Was ein weiterer Zwang ist. Bestimmte Dinge muss ich tun. Und haben sie sich erstmal auf einem festen Platz in meinem Alltag etabliert, kann ich sie nicht einfach früher am Tag erledigen. Ausnahme ist, wenn ich am nächsten Tag früher aufstehen muss (beispielsweise am Abend vor der Konzertreise), aber dann rutscht alles früher, die Reihenfolge bleibt gleich, außer sie wird von außen verändert. Habe ich also einen Tag, an dem ich mit allem langsamer bin, kann es passieren, dass ich zum Tagesende noch richtig viel zu tun habe, um alles zu schaffen. Alles in fester Reihenfolge. Alles in festgelegtem Ablauf. Erst dieser Handgriff, dann jener. Falsch gemacht? Noch mal auf Anfang.

 
Zahlen, Daten, Zeiten. Gedächtnis.
Ja, Zahlen sind was Tolles. Ich liebe sie, ganz ehrlich.
Schon in den ersten Schuljahren war Mathe eines meiner Lieblingsfächer gewesen (Deutsch eigentlich nur, solange es um Grammatik ging, als Interpretationen dazu kamen und ich immer andere Dinge interpretiert und begründet habe als die Lehrer der Ansicht waren, das hätte der Autor gemeint, war Deutsch einfach nur noch doof, Mathe aber in den letzten Jahren überwiegend auch). Früher war mir nicht bewusst, dass Zahlen bei mir weit tiefer reichen. Aber je älter ich wurde, merkte ich die Affinität. Ich bin durch meine Eltern sehr lange zum Kopfrechnen angehalten worden. Taschenrechner gabs zu meiner Schulzeit ohnehin erst ab – ich glaube – der 9. Klasse. Aber selbst in meiner Ausbildung habe ich in Rechnungswesen die meisten Beispielzahlen, die überwiegend große glatte waren (10.000,00 € hier, 4.000,00 € da), schnell im Kopf gerechnet, statt wie die meisten, den Taschenrechner zu nutzen.
Darüber hinaus spielen Daten in meinem Kopf eine große Rolle. „Wandelnder Kalender“ ist so eine Bezeichnung, die ich mehrfach zu hören bekommen und früher automatisch auch für mich übernommen habe. Mittlerweile nicht mehr, weil in meinem Kopf kein Kalender steckt. Da ist nur simple Mathematik. Ich habe in fast jedem Monat Eckpunkte, Geburtstage und ähnliches und weiß einfach, auf welchen Wochentag sie fallen. Von dort aus rechne ich und das im Kopf auch einigermaßen zügig (zumal da einfach nur viel System hintersteckt mit vier Wochen sind 28 Tage und die meisten Monate haben 30 oder 31 Tage, das als grobe Anmerkung, ums nicht zu detailliert auszuführen). Tatsächlich sehe ich Wochen aber auch visualisiert in meinem Kopf, im Zwei-Wochen-Takt, die ähnlich einem Oval oder Rechteck zusammenführen. Sie sind für mich auch eine Art geschlossener Kreis. Einmal durchlaufen, geht es wieder von vorn los. Wie oft ich mich schon zusammenreißen musste, anderen Menschen nicht zu sagen „ah, dass war in so einer Woche“, womit ich dann eine der beiden meinte und niemand außer mir etwas damit anfangen kann, ich weiß es nicht. Einige Male. Aber das sind im Grunde Dinge, die dafür sorgen, dass ich Daten sehr schnell mit einem Wochentag benennen kann. Nicht, weil da tatsächlich eine kalendarische Übersicht in meinem Kopf prangt.

 
Die meisten Menschen beglückwünschen mich zu dieser Fähigkeit.
Es ist nicht so, dass ich sie verfluche. Aber sie ist tatsächlich Fluch und Segen zugleich.
Denn wie in der Überschrift dieses Abschnitts erwähnt ist, spielt mein Gedächtnis mit rein. Das ist ebenfalls sehr gut ausgeprägt, sehr detailreich. Ich weiß nicht, wie oft Menschen mich schon irritiert angeblickt haben, an welche Feinheiten ich mich erinnern kann. Mein Gedächtnis ist immer so. Und eben sehr stark an Daten geknüpft.
Und da entsteht der Fluch des Ganzen.
Alles, was negativ besetzt ist, wird in meinem Kopf mit dem Datum verknüpft gespeichert. Und jedes Jahr an diesem Datum geht der „Spaß“ mit der Angst wieder los.

 
Beispiel: Mein Geburtstag.
Es gibt genau einen Ort online, wo ich ihn angegeben habe. Aus dem einfachen Grund, dass ich unglaubliche Angst vor diesem Tag und der darauffolgenden Woche habe. Was zur Folge hat, dass ich meist den halben Monat wie gelähmt bin.
2003 bin ich an meinem Geburtstag krank geworden. Neben dieser Geschichte, die mir eben eh schon endlos Angst macht, kam noch eine Influenza dazu. Und das hielt eine ganze Woche an. Seitdem ist jedes Jahr an meinem Geburtstag Angst da. In den ersten Jahren ging es noch. 2004 – 2006 war ich in therapeutischer Betreuung, das hat mir ein bisschen geholfen, komplett genommen hat es das trotzdem nicht. Danach war ich ja einige Jahre recht gut aufgestellt, Angst hatte ich aber dann auch immer. Seit danach ist es noch schlimmer. Es war damals ein Montag und wenn mein Geburtstag auf einen Montag fällt, ist es am Schlimmsten. 2008 war ich zu der Zeit nicht allein und es ging mir eben auch insgesamt besser. 2014 hatte ich schon am Wochenende so viel Angst, dass es mir bereits da richtig mies ging (= nicht essen können, Übelkeit, ohne dass ich tatsächlich krank geworden bin). Der nächste Montag wäre nächstes Jahr dran, aber glücklicherweise haben wir ein Schaltjahr und er wird übersprungen. Das heißt nicht, dass nicht trotzdem was passieren kann, aber – ich weiß gar nicht so richtig, wie ich das erklären soll – es ist ein bisschen so, als wäre die Gefahr damit ein bisschen kleiner. Nicht weg. Nur ein bisschen geringer. In dieser Angst lebe ich jetzt seit gut fünfzehn Jahren.
Ich versuche, diesen Tag für gewöhnlich so normal wie möglich zu verbringen. Wie immer, wenn alles so wie gestern ist und es mir gestern körperlich gut ging, dann kann ja heute auch nichts passieren. Oder durch Ablenkung in Gegenwart eingeweihter Personen. So mehr oder weniger. Wobei das mittlerweile vermutlich auch fast schwieriger ist, weil das ja wieder Kontakt mit Menschen bedeutet.
Und so geht es mit weiteren Daten. Sei es nun krank sein. Oder auch Daten wie der Todestag meines Ex-Freundes. Und je älter ich werde, desto mehr Daten werden es. Was die Angst wieder vergrößert. Je größer die Angst, desto stärker werden die Zwänge. Ich sagte ja, das ist ein ganz böser Teufelskreis. Bis soweit, dass ich fast gelähmt bin. So war es vor der Konzertreise. Alles war hoch zwanghaft. Während es im Alltag oft „nur“ darum geht, bestimmte Reihenfolgen und Handlungen durchzuführen, kommt unter diesem erhöhten Druck ein Perfektionsdrang dazu. Da reicht dann nicht mehr nur die einzelne Bewegung, sondern sie muss ganz perfekt so und so durchgeführt sein.
Ach ja, da war ja noch was mit den Zahlen.

 
Eigentlich zwei Dinge.
Das eine ist die Kopplung an Daten.
Ich sehe in Uhrzeiten Daten. Und dank meiner Vorliebe zu Japan auch noch auf zwei Weisen, da die Japaner ihr Datum rückwärts schreiben (eine sehr logische und sinnvolle Sache, die ich in meinem Alltag auch nutze und immer darauf achten muss, für andere Menschen andersrum zu schreiben, ist euch aufgefallen, dass die Daten auf meinem Blog auch quasi rückwärts laufen, für mich ist das Normalität). Das bedeutet, dass ich um 8:16 Uhr wie auch um 16:08 den 16. August vor Augen habe, der erwähnte Todestag. Für mich sind diese Zeiten Sperrzeiten. Das heißt nicht, dass ich den ganzen Tag dasitze und darauf achte, währenddessen nur auf die Uhr zu starren. Aber es bedeutet, dass ich zu dieser Zeit nichts Neues anfange. Denn fast alle Aktionen, die ich beginne, sind mit der Uhr verknüpft.
Hier kommt die zweite Sache ins Spiel, Quersummen bis zur Einstelligkeit.
Es gibt für mich Zahlen, die tabu sind und welche, die besonders geeignet oder eben passend sind. Welche Zahlen (oder bei der Quersummensache ja eigentlich Ziffern) wo tabu oder passend sind, kann variieren und verändert sich ab und zu mal (ist aber mittlerweile schon richtig lange her). Ich kann für fast alle Uhrzeiten zumindest sehr schnell sagen, ob sie für mich passend sind oder nicht. Mache ich also in meinen Abläufen Fehler und die nächste Minute passt nicht, muss ich auch noch warten, bis ich wieder weitermachen kann. Kommen dann noch Zeiten, die direkt mit Daten verknüpft sind (wie 8:16 Uhr oder 16:08 Uhr) dazu, dann muss ich noch länger warten. Und ja, da es Zwänge sind, muss ich. Und es gibt nicht wenige Daten. Hinzu kommt, dass bestimmte Zeiträume ohnehin gesperrt sind. Ich weiß den absoluten Ursprung dazu, der lag bei 1:12 Uhr, wegen der Verknüpfung zur 112 und der Angst vor lebensbedrohlichen Krankheiten (ja, ich habe tolle, um viele Ecken gehende Verknüpfungen, nicht wahr), aber wieso es mittlerweile alles ab :09 bis :13 in jeder Stunde betrifft, kann ich nicht mal mehr rekonstruieren.
Richtig „toll“ ist dabei übrigens, dass mein PC seit einigen Monaten immer ein bisschen schneller unterwegs ist als andere Uhren und es dadurch zu Diskrepanzen zwischen PC und Smartphone kommt. Das macht mich bisweilen richtig kirre.

 
Ich könnte dazu jetzt sicher endlose Beispiele auflisten. Genauso detailliert wie die Konzertreise. Aber anders als bei den Ängsten glaube ich, dass schon aus diesem Teil sehr klar wird, wie viel Zeit und Kraft das jeden Tag raubt. Denn es beginnt mit dem Aufstehen (es beginnt eigentlich schon mit der Anzahl der Wecker und den eingestellten Zeiten). Und endet damit, wie ich ins Bett gehe, wie ich mich hinlege.
Was ich für mich sagen kann, ist, dass Routinen toll sind. Ich weiß, dass sie gerade bei depressiven Menschen in Therapien aufgebaut werden, um Struktur in den Alltag zu bringen, aus der Lethargie rauszukommen. Aber ich weiß, wie gefährlich Routinen auch sein können. Ich sage nicht, meidet sie, denn ich bin sehr für Routinen. Aber beobachtet euch immer gut. Der Grat zwischen nur Routine und festem Zwang ist unglaublich schmal.

 
Und jetzt sehe ich zu, diesen Beitrag endlich zu einem Ende zu bringen.
Er ist unglaublich lang, das weiß ich. Aber ich bin nicht sicher, ob ich in nächster Zeit oder überhaupt irgendwann wieder die Kraft finden würde, mich hinzusetzen und das aufzuschreiben. Deswegen muss ich es alles in diesen einen packen. Wer bis hierher durchgehalten hat: Danke. Ich hoffe, niemand von euch ist davon betroffen. Wenn doch, dann wünsche ich euch die Kraft, euch daraus zu lösen. Wenn nicht, dann hoffe ich, dass ihr vielleicht ein bisschen auf euer Umfeld schauen könnt. Mit offenen Augen durch den Tag gehen könnt, ob jemand in eurem Umfeld betroffen ist und diesen vielleicht erst fragt und nicht aus dem eigenen vertrauten Blick zu verurteilen – sehr wahrscheinlich, ohne es zu wollen.
Auf jeden Fall hoffe ich, jedem damit Mut zu machen. Sei es, sich anderen anzuvertrauen und zu öffnen. Oder sich vielleicht auch zu finden, wo sich alles bislang nur schwammig und komisch angefühlt hat.

 
Bis denne ☆

Routine. Routine?

 
Im Februar habe ich euch davon erzählt, was sich für mich mit Beginn des Jahres geändert hat.
Und im Zuge dessen habe ich mich vor allem an einer erneuten Routine fürs Japanischlernen versucht.

 
Jetzt – nach ungefähr einem halben Jahr – wage ich mal einen Blick darauf.

 
Das Bild oben zeigt es schon ein bisschen, wenn auch nicht völlig.

 
Das Schreibenüben der Kanji hat nicht wirklich funktioniert. Richtig regelmäßig habe ich es nur anfangs gemacht, doch der Eintrag dort im April war tatsächlich der letzte und auch davor gab es schon größere Lücken. Also habe ich jetzt mal wieder angefangen. Ich sage nicht mal etwas gegen einen Tag Pause, auch wenn ich weiß, dass das bei mir beim Routineaufbau nicht sonderlich hilfreich ist, aber manchmal geht es nicht anders.

 
Was das Lernen mit der App betrifft, sieht das Ganze ein bisschen anders aus.
Es gibt genau zwei Tage, an denen ich gar nichts gemacht habe, wobei an anderen nur sehr wenige Minuten mit Wiederholungen dran waren.
Diese beiden Tage waren reines Vergessen. Die App nutzt das Prinzip einer Chain/Kette. Und im März ist sie mir das erste Mal abgerissen, als ich ganz einfach nach einem Tag, an dem ich auch Unterricht hatte und wo ich erst gegen 21:00 Uhr zu Haus war, in den folgenden drei Stunden einfach vergessen habe, dass ich das noch machen muss (meist mache ich das vormittags, um genau das zu vermeiden). Ich habe dann zwar nach Mitternacht noch etwas getan, aber es wurde bereits dem folgenden Tag zugerechnet und an dem habe ichs dann einfach ausfallen lassen.
Das nächste Mal war Anfang Juli (dass es im März einen weiteren Kettenriss gab, als ich im IC nach Leipzig zur Messe saß und mangels Internetverbindung mein Fortschritt nicht übertragen und dadurch nicht gerechnet wurde, hat ja nichts damit zu tun, dass ich trotzdem was gemacht habe). Anfang Juli saß ich und war sieben Stunden lang damit beschäftigt, meine Gedanken zu meiner Konzertreise vom Juni aufzuschreiben (ja, mit Kurzfassen habe ich es nicht so) und da ist es mir an dem Tag auch durchgerutscht. Ist mir erst nach Mitternacht aufgefallen, also wars egal. Kette wieder kaputt (nach gut 100 Tagen am Stück), was solls, ist nicht mehr zu ändern.

 
Die kleinen Wiederholungen sind manchmal wirklich sehr wenig. Die Routine bleibt durch sie zwar drin (aber das finde ich mit der App allgemein viel einfacher als beim Schreibenüben), aber im Grunde mache ich da dann nicht viel. Doch manchmal geht mehr einfach nicht und ich bin auch nicht aufnahmefähig für neue Zeichen, weswegen ich dann auch nicht weiterlerne, sondern nur wiederhole. Wenn mir die App Wiederholungen anbietet, sind sie oft gut gemischt. Wenn es dort aber nichts gibt (und manchmal sind das keine 10 Stück am Tag) und ich das trotzdem anwähle, greift die App nur auf einen sehr kleinen Pool zurück und es sind gefühlt immer dieselben. Was dann auch keinen wirklichen Spaß macht und ich es deswegen sein lasse und dann eben nur ganz kurz mit der App arbeite.

 
Ich kann also sagen, dass die Routine nach wie vor nicht richtig sitzt (es braucht halt wirklich ewig, sowas zu verankern). Aber ich gebe auch noch immer nicht auf.

 
Habt ihr für dieses Jahr versucht, Routinen aufzubauen?
Wenn ja, welche?
Wie läuft es bei euch?

 
Bis denne ☆

Mein Tracking 2019

 
Letztes Jahr im Juli habe ich darüber geschrieben, wie ich meinen Fortschritt tracke.
Und seitdem hat sich ein bisschen was geändert, weswegen ich heute erneut darüber spreche.

 
Die Listen auf Papier sind mit diesem Jahr verschwunden.
Sie sind praktisch, aber ich war die Zettelwirtschaft leid. Und da ich für dieses Jahr wieder einen Kalender haben wollte, habe ich beschlossen, das Tracking darin zu intergrieren. Also anstelle täglich die Zahlen in die Liste zu schreiben, kommen sie nun in den Kalender.
Das ist ein klein wenig täglicher Mehraufwand, weil ich ja jeden Tag die einzelnen Kategorien eintragen muss, aber das fällt an den Tagen eben auch nicht auf.

 

 
Meine täglichen Eintragungen sehen grob so aus (und ja, ich habe die Eintragungen selbst unkenntlich gemacht, aber das Prinzip sollte trotzdem zu erkennen sein). Im Grunde setzt sich das aus zwei Projekten zusammen, ein Punkt ist für Japanisch, einer fürs Lesen und dann noch einer für alles Weitere. Pro Punkt gibt es eine Zeile und dahinter steht dann eben wie auch schon auf den Zetteln, wie lange ich daran gesessen habe, gegebenenfalls, wie viele Wörter ich geschrieben habe oder zusätzliche Notizen (für diese hat mir auf den Zetteln immer der Platz gefehlt).

 
Ebenfalls hat sich meine Excel-Datei verändert.

 
Im letzten Jahr hatte ich bereits eine Tabelle in den Monatsübersichten, die quasi sechs Projekte umfasste. Davon waren vier tatsächliche Autorenprojekte, eines das Lesen und das letzte blieb für alles Weitere. Und gerade für die Jahresauswertung hat mich das extrem genervt, weil ich in der letzten Spalte für fast jeden Tag eienn Kommentar stehen hatte und sie ständig alle durchgehen musste, um sie den einzelnen Unterpunkten (Schreibmeer, Japanisch etc.) zuordenen zu können. Deswegen sind bereits die Monatsübersichten und damit natürlich auch die zusammenfassende Jahresübersicht gewachsen.
Es gibt jetzt maximal drei Autorenprojekte, den Blog, Japanisch (wiederum in drei Spalten für verschiedene Lernansätze), das Lesen, allgemeiner Autorenkram sowie auch noch eine Spalte für Verschiedenes. Gerade in den letzten beiden steht dann manchmal in einem Monat gar nichts drin, in anderen ab und zu was. Dadurch wird die Auswertung aber viel einfacher.

 
Und das war es dann im Grunde auch schon wieder. Das Prinzip hat sich nicht wirklich geändert. Ich schreibe täglich auf, werte im Folgemonat aus und übertrage dabei in die Tabelle und habe dort meine Übersicht. Nur die Unterteilung und die Form des Notierens haben sich ein bisschen verändert, aber für mich eindeutig zum Positiven.

 
Passt ihr euer Tracking auch gelegentlich an?
Oder macht ihr das gar nicht erst?
Welche Methode verwendet ihr?

 
Bis denne ☆

Schreibroutine aufbauen

 
Routinen erleichtern den Alltag.
Diesen Satz hört wohl jeder Autor irgendwann, wenn er sich mit dem Handwerk auseinandersetzt, in Austausch mit anderen Autoren tritt oder oder oder.
Und so einengend das klingen mag, ich stimme dem völlig zu.

 
Von klein auf werden wir darauf getrimmt, unseren Tagesablauf zu strukturieren, routiniert zu leben. Beispielsweise durch das morgendliche Aufstehen, Fertigmachen und dann in-die-Schule-gehen. Nachmittags Hausaufgaben machen. Abendessen. Schlafen. Die Routinen dazwischen variieren. Bei manchen sind es die Gute-Nacht-Geschichten. Bei anderen vielleicht eine Fernsehserie. Wie auch immer, die meisten Kinder werden so erzogen. Sie werden dadurch auf das Leben als Erwachsene vorbereitet. Ob wir es wahrhaben wollen oder nicht, um in der heutigen Gesellschaft zu funktionieren, kommen wir nicht völlig ohne Routine aus (außer wir distanzieren uns von ihr und kreuzen sie nur, wenn es unumgänglich ist, aber das trifft wohl auf die wenigsten von uns zu).

 
Mir persönlich helfen Routinen, Dinge zu erledigen, sie nicht zu vergessen und so auch effektiver zu werden. Etwas, das in meinen Alltag integriert ist, mache ich, ohne darüber nachzudenken. Das funktioniert immerhin sogar bei Dingen, die ich gar nicht machen möchte, die aber nötig sind, wie beispielsweise dem Haushalt. Wenn es dort möglich ist, warum dann nicht bei Dingen, die mich interessieren?

 
Ich möchte euch heute einen Weg vorstellen, sich eine Routine aufzubauen. Es ist sicher nicht der einzige und deswegen auch nicht für jeden passend. Und auch wenn ich ihn hier vor allem am Beispiel der im Titel erwähnten Schreibroutine zeige, so ist er auch für andere anwendbar.

 
Der Auslöser für mich lag in einem Monatsevent eines Forums. Darin ging es darum, täglich eine Stunde zu schreiben. Wie lange es tatsächlich braucht, eine Routine aufzubauen, darüber scheiden sich die Geister. Meine Erfahrung zeigt, nach sechzig Tagen ist es etwas leichter, aber für eine feste Routine habe ich mindestens ein Vierteljahr gebraucht, andere wiederum sprechen von nur 30 Tagen.
Auf dieser Aussage aufbauend, bot das Forum mit dem Event einunddreißig Tage lang Unterstützung in Form gegenseitiger Motivation – ähnlich wie in Schreibmonaten wie dem NaNoWriMo.
Ich wollte damals mehr als nur regelmäßig schreiben (weil ich das auch schon getan habe, für mich galt es eher, Weiteres mit in meinen Alltag zu integrieren, deswegen lässt es sich aber auch vergleichen). Ich habe daher die vorgegebene Stunde auf vier Aktivitäten aufgeteilt: Schreiben, plotten, lesen und das Erlernen japanischer Schriftzeichen.[1] Mir mangelte es nämlich am täglichen Lesen und ich wollte zudem unbedingt ein zweites Projekt in einem anderen Bearbeitungsstatus einbauen. Das bedeutet nicht, dass ihr euch jetzt vier verschiedene Dinge suchen müsst, die ihr in Routinen umwandelt. Das war damals nur mein Weg. Das Projekt in dem Forum hatte eigentlich eine Routine von einer Stunde pro Tag vorgesehen, für mich hat sich aber das Aufteilen mehr angeboten.

 
Warum fällt es uns nun so schwer, überhaupt eine Routine aufzubauen? Weil uns der Druck fehlt, sie umzusetzen. Den Haushalt müssen wir machen, wenn wir nicht entweder eine Haushaltshilfe bezahlen wollen (oder oftmals vermutlich eher nicht können) oder aber im Dreck versinken wollen. Das ist der Antrieb, den Haushalt zu schmeißen. Beim Schreiben müssen wir uns den Druck selbst schaffen. Das ist ein Grund, warum ich zu kleinen Zielen rate. Eine Stunde am Tag finde ich deswegen auch sehr ambitioniert, wenn es um nur einen Routinepunkt geht. Wobei es rein rechnerisch egal ist, ob es in einer Stunde ein Punkt ist oder vier verschiedene Punkte, die jeweils eine Viertelstunde in Anspruch nehmen. Eine Stunde bleibt eine Stunde. Eigentlich. Denn eine Stunde am Stück steht uns nicht immer zur Verfügung. Deswegen habe ich hier ein paar Tipps für euch.

 
1.
Seid nicht zu ambitioniert. Setzt euch kleine Ziele.
Darunter fällt eben auch eine mögliche Stückelung eines größeren Tagesziels.
Habt ihr eine Stunde zum Ziel und könnt sie nur am Stück ausführen, wird es euch aus der Routine werfen, wenn ihr die Stunde nicht ununterbrochen zur Verfügung habt. Noch bevor die Routine etabliert ist. Habt ihr aber Teilziele, könnt ihr sie in Etappen über den Tag verteilt einfließen lassen, wenn ein großes Zeitfenster nicht möglich ist. Mehr als das kleine Ziel könnt ihr immer noch machen, wenn ihr die Zeit dafür habt. Oder aber die Etappen direkt nacheinander abarbeiten, wenn ihr die Möglichkeit habt.

 
2.
Setzt nicht aus.
Wenn ihr die Routine unterbrecht, müsst ihr wieder von vorn beginnen. Vor allem in der Anfangszeit. Ist die Routine erst einmal in euch verankert, funktioniert es auch, sie mal einen Tag zu unterbrechen (je länger die Pause, desto schwerer wird es für gewöhnlich, wieder reinzukommen).
Wann die Routine aufgebaut ist, fragt ihr euch? Wenn ihr sie einmal aussetzt und euch etwas fehlt. Wenn ihr dabei das Gefühl habt, ihr hättet etwas vergessen und euch erinnern müsst, dass es okay ist, das heute einmal nicht zu tun. Wenn das Nicht-Tun die Ausnahme ist.

 
3.
Setzt euch hin und fangt an.
Die Muse kommt nicht vorbeigeflattert, wenn ihr sie braucht. Und ihr braucht sie eigentlich auch gar nicht. Nicht, wenn ihr eine Routine habt. Denn diese zieht euch in das Projekt. Die Routine ist es, die es euch erleichtert, dort einzusteigen, wo ihr gestern aufgehört habt.

 
4.
Lasst das Überarbeiten während des Schreibens. Auch das Lesen.
Zu lesen verleitet zum Überarbeiten. Das raubt euch wiederum Arbeitszeit fürs Schreiben und lenkt davon ab. Lest den letzten Absatz vom Vortag, um einen Einstieg zu haben, aber lasst den Rest außen vor. Dafür ist die Überarbeitungsphase da.

 
5.
Lasst Fehler Fehler sein.
Egal, ob Rechtschreibfehler, die rot unterkringelt sind, oder andere stilistische Auffälligkeiten im Manuskript sind, sie gehören in die Überarbeitungsphase.
Ihr fühlt euch blockiert, weil ihr schon beim Tippen merkt, dass diese Stelle ganz platt erzählt klingt und mehr Leben braucht? Setzt euch einen Kommentar ins Dokument, dann habt ihr den Hinweis für die Überarbeitung. Die Rohfassung darf Müll sein. Sie ist eure Grundlage, aus der ihr eine grandiose Geschichte erschafft.

 
6.
Blendet das Drumherum aus.
Das gilt in erster Linie für diejenigen, die nicht allein leben, denn Ablenkung durch andere Menschen um euch herum, hilft euch nicht für die Routine. Vermittelt eurem Umfeld, dass ihr jetzt eine Weile für euch braucht. Setzt euch damit durch, diese Zeit für euch zu haben. Sucht euch notfalls eine andere Umgebung, wenn Ruhe zu Haus nicht umsetzbar ist.
Darüber hinaus gilt das aber auch für Ablenkungen wie das Internet in seiner gesamten Breite. Setzt die Recherche vor oder hinter den Schreibprozess. Lasst die Finger von Social Media und Co.. Zieht notfalls den Stecker des Routers oder deaktiviert die Internet-Verbindung (wenn euer Router auch IP-gestützte Telefonie mit sich bringt und ihr damit eurem gesamten Haushalt die Telefonverbindung kappen würdet). Setzt euch die Schreibzeit als feste Arbeitszeit, in der Privatkram nichts zu suchen hat.

 
7.
Erwartet keinen täglichen Schreibspaß.
Immer wieder höre ich das Argument, dass es einfach keinen Spaß macht, sich täglich hinzusetzen. Das ist okay, wenn ihr keine Routine aufbauen wollt. Aber darum geht es hier eben nicht.
Wenn euch ein routinierter (Schreib-)Ablauf wichtig ist, dann stellt euch darauf ein, dass ihr nicht täglich ein Glücksgefühl verspüren werdet, wenn ihr euch ans Dokument setzt. Im Gegenteil. An den meisten Tagen hatte ich gar keine Lust darauf und das hat sich auch nie wirklich geändert. Es gibt in dem Augenblick fast immer Dinge, die ich viel lieber machen würde. Um mich hinterher darüber zu ärgern, wieder nicht geschrieben zu haben. Der Spaß am Schreiben hat nichts mit Jubeln zu tun, nicht mit der Art Spaß, einen tollen Abend mit Freunden zu verbringen. Er liegt eher in der Befriedigung, seine Geschichte zu schreiben, zu überarbeiten und fertigzustellen. Wartet also nicht auf das Gefühl, dass es Spaß machen soll, wenn ihr euch hinsetzt, sondern tut es einfach. Oft genug fühlt es sich hinterher gut an, weil ihr wieder einen kleinen Teil zu dem gigantischen Projekt, das das Schaffen eines Buches ist, hinzugefügt habt.

 
Diese kleine Ansammlung an Tipps ist nichts Neues, aber meiner Meinung nach bewährt sie sich. Keiner von ihnen ist wichtiger als der andere, denn nur in Kombination funktionieren sie, um wirklich effektiv zu arbeiten.

 
Und deswegen bleibt nur eines: Setzt euch hin und fangt an.

 
[1]
Das klingt nach sehr viel für eine Stunde am Tag bzw. erscheint sinnlos für jeweils fünfzehn Minuten überhaupt anzufangen. Anfangs ist dieses Gefühl normal, das ging mir auch so. Kaum hatte ich mich in den aktuellen Stand eingefunden, war die Zeit schon wieder vorbei.
Aber das ändert sich. Ich möchte das anhand von Zahlen verdeutlichen:
Ich habe im Juli 2015 nach langer Pause wieder mit dem eigentlichen Schreiben begonnen (davor lag eine lange Plotphase).
Tag 1: 15 Minuten 210 Wörter
Tag 2: 24 Minuten 327 Wörter
Es folgte eine kurze Pause, weil ich noch eine Lücke im Plot entdeckt hatte, aber im August habe ich endgültig mit dem täglichen Schreiben begonnen und über ein Jahr ohne Unterbrechung durchgehalten.
Im Juli 2016 habe ich beispielsweise durchschnittlich 23,81 Minuten pro Tag geschrieben. Umgerechnet auf fünfzehn Minuten lag ich damit bei 654 Wörtern. Dies liegt ein wenig über meinem Schnitt. Es gab also auch Monate, wo ich etwas darunter lag, aber selbst mit 500 Wörtern in fünfzehn Minuten lag ich weit über dem Anfang des Routineaufbaus.
Mit der Routine konnte ich mich hinsetzen, das Dokument öffnen und ohne Zeitverlust starten. Weil mein Kopf noch vom Vortag wusste, wo ich bin. Ich bin nie richtig ausgestiegen. Aber um dort anzukommen, um wirklich sofort starten zu können, ist es wichtig, die Routine vollends aufzubauen.
Vielleicht helfen die Zahlen, die Worte bei den Tipps zu unterstreichen (mir hilft sowas oft).

Was sich 2019 für mich geändert hat

 
Das Jahr hat gerade einmal begonnen, der Februar ist zur Hälfte durch, doch trotzdem habe ich das Gefühl, dass sich unglaublich viel geändert hat. Dennoch soll dieser Beitrag kein Rückblick sein. Dafür steht das Jahr noch viel zu sehr am Anfang.

 
 

Romanautorin

Ich habe es ja schon im letzten Jahr angedeutet, aber bei mir herrscht eine absolute Kreativflaute. Dementsprechend bin ich derzeit als Autorin an meinen Projekten so gut wie gar nicht aktiv. Ich forciere das auch nicht, denn das habe ich letztes Jahr probiert, ob ich dadurch etwas auslösen kann, aber es hat nicht funktioniert. Wenn ein Funken da ist, nehme ich ihn mit, aber darüber hinaus lasse ich der Sache derzeit eine Pause.
Ich würde gern sagen, dass es mich nicht stört und mir nichts fehlt, aber das stimmt nicht. Glücklicherweise vermisse ich meine Projekte bislang auch nicht total, wobei das dann gut wäre, wenn ich dadurch auch wieder Kreativität verspürte.

 
 

Schreibmeer

Das Schreibmeer hat mit dem letzten Jahr sein Ende gefunden, deswegen fällt auch dieser Aspekt in meiner Autorentätigkeit weg. Im Augenblick ist das in Ordnung. Es hat mir die Augen in einigen Hinsichten geöffnet und ich habe in den letzten Wochen sehr viel gelernt.

 
 

Auszeit

Aufgrund der weggefallenden Punkte (es sind nur zwei, wobei da mehr reinspielt, denn ich war an einem Nachfolger für das Schreibmeer beteiligt, habe mich aber aus gesundheitlichen Gründen ausgeklinkt), hat sich für mich eines herauskristallisiert: Ich ziehe mich derzeit von allem sehr zurück, das mit dem Autorendasein zu tun hat. Vielleicht wird auch dieser Abstand dazu beitragen, dass ich zu dem zurückfinde, das ich einmal hatte oder mir etwas völlig Neues aufbaue.

 
 

Routine

Als Resultat fließt ein Teil meiner Zeit hier hin.
Ich habe vor drei Jahren eine feste Routine aufgebaut. Zwei Projekte betreuen, lesen und Japanisch schreiben üben. Jeden Tag. Von jedem wenigstens 15 Minuten. Das habe ich den Großteil des Jahres damals durchgehalten, dann warfen äußere Umstände, die über die Hälfte meines Tages in Anspruch nahmen, alles über den Haufen. Seitdem habe ich nie wieder richtig in alles zurückgefunden. Mal etwas von dem hier, mal etwas anderes da. Ich habe zwischendurch immer wieder versucht, dahin zurück zu finden, bin aber auch immer wieder gescheitert, denn ich wollte dabei keinen Druck erzeugen, der mir über den Kopf wächst.
Dieses Jahr habe ich mich entschlossen, es erstmal mit einem Punkt für die Routine zu versuchen, diesen zu stabilisieren und danach einen weiteren hinzu zu nehmen.
Die Projekte sind tabu, das ist klar.
Das Lesen ist schon in den ersten Tagen grandios gescheitert, noch bevor ich beschlossen hatte, überhaupt so an einen Routineaufbau heranzugehen, weswegen ich auch das ausgeschlossen habe (warum, das habe ich am Monatsbeginn beim Leserückblick auf den Januar erzählt).
Deswegen habe ich mich für Japanisch entschieden.

 
Ende 2016 habe ich mit einer App zu lernen begonnen, darüber ist damals aber auch das Schreiben-Üben eingeschlafen. Meine Routine sah ja wenigstens 15 Minuten vor und bevor ich überhaupt mit einem Stift vor meinem Heft saß, hatte ich bereits schon was in der App gemacht. Das ging immerhin überall. Und es war so viel leichter und irgendwie zu der Zeit genau richtig.
Jetzt habe ich auch mit der App begonnen. Erstmal nur mit den Wiederholungen von damals, da hatte sich so viel angesammelt, dass ich vier Wochen dafür gebraucht habe, das aufzuarbeiten. Nach einer Woche bin ich zusätzlich zum Schreiben übergegangen. Auch da gibt es noch so viel zu tun, es wird noch lange dauern, bis ich überhaupt dort angekommen bin, wo ich damals aufgehört habe. Aber bislang halte ich beides gut durch. Beim Schreiben habe ich schon ein paar wenige Tage nichts gemacht, an diesen habe ich es einfach nicht mehr untergebracht, aber im Großen und Ganzen bin ich zuverlässig dabei. Dennoch spreche ich noch nicht davon, dass die Routine sitzt, so sicher fühle ich mich noch nicht. Deswegen plane ich auch noch gar nicht, was als Nächstes hinzu kommen soll. Das werde ich wohl sehr spontan entscheiden, wenn ich denke, dass ich mir einen weiteren Punkt zutrauen kann.

 
Habt ihr feste Routinen?
Wie lange habt ihr gebraucht, sie zu etablieren?
Oder kämpft ihr auch beständig damit und lasst sie wieder fallen?

 
Bis denne ☆

Warum ich den NaNo nicht für Routineaufbau als geeignet halte

 
Jedes Jahr im November kletten sich unzählige Autoren an ihre PCs, Laptops oder andere Geräte, um einen Roman in einem Monat zu schreiben, denn es ist NaNoWriMo, der National Novel Writing Month.
Der Rest der Welt hält diese Gruppe für durchgedreht.
Obwohl sie das gar nicht ist. Sie geht nur mit Leidenschaft etwas nach, das für sie wichtig ist.

 
Doch warum setzt sie sich dabei so unter Druck?
Nun, einerseits ist das gar nicht für jeden so ein großer Druck, solange er sich auf die veranschlagten 50.000 Wörter beschränkt. Für andere wiederum ist das eine Zahl, die schier unmöglich erscheint und durchaus Druck erzeugen kann. Hier beginnt bereits die Vielfalt.

 
An dieser Stelle möchte ich betonen, dass mir klar ist, dass nicht alle Autoren gleich sind. Es gibt Anfänger und alte Hasen. Es gibt Schnell- und Langsamschreiber. Es gibt Plotter und Draufloschreiber. Und so viele mehr.
Trotzdem ist mir eines über die Jahre aufgefallen.

 
Ich habe 2013 das einzige Mal so wirklich an einem NaNo teilgenommen. Und für mich waren die 50.000 Wörter nicht das Ziel, sondern das Beenden der Rohfassung. Das habe ich in der Nacht vom 28. auf den 29.11. erreicht und in diesem Monat 124.833 Wörter geschrieben.
Für mich war das auch kein Druck. Ich zähle zu den Schnellschreibern, ich hatte durchaus einiges an Zeit zur Verfügung, denn ohne Kind und Kegel entfallen Verpflichtungen, die andere Autoren zeitlich stark einschränken.
Trotzdem hatte ich nach diesem Marathon einige Tage keine Lust auch nur ein Dokument meiner Geschichte zu öffnen.

 
Und ich glaube, darin liegt der Knackpunkt des Trugschlusses, den ich mit diesem Beitrag thematisieren möchte.

 
Immer wieder bin ich schon damals der Aussage begegnet, der NaNo soll helfen, sich eine Schreibroutine aufzubauen.
Doch für die meisten Autoren trifft dies meiner Beobachtung nach nicht zu. Es gibt Ausnahmen, ja, aber sie sind die Seltenheit. Vor allem unter den Anfängern.

 
Für viele ist allein das Ziel von 50.000 Wörtern eine große Hürde.
Da ist der Job, die Uni oder die Schule, die schon mal ein gutes Stück Zeit am Tag fressen. Möglicherweise sind da Kinder, die versorgt und bespaßt werden wollen, denen bei den Hausaufgaben geholfen werden muss, der Haushalt macht sich auch nicht von allein und und und. Da können 1.667 Wörter am Tag schnell viel zu viel sein.
Die Autoren meistern sie trotzdem. Sie planen ihre Tage durch, nutzen jede freie Minute und können am 01.12. stolz auf 50.000 Wörter zurückblicken.

 
Aber danach sind sie ausgelaugt. Denn der Monat hat keinen Platz für Erholung gelassen.
Ein paar Tage Pause, dann geht es ja weiter.
Doch genau an diesem Punkt ist die Routine hinfällig.

 
Was für Möglichkeiten bleiben also?

 
Entweder die Autoren halten weiter durch, mit einem geringeren Wortziel pro Tag. Vielleicht sind es 500 Wörter, vielleicht sogar noch weniger. Das hängt ganz stark vom eigenen Schreibtempo ab. Immerhin steht im Dezember Weihnachten vor der Tür.

 
Eine andere Variante sehe ich darin, sich tatsächlich erstmal die Akkus wieder aufzufüllen und dann im neuen Jahr (um erstmal Weihnachten und alle Besorgungen in Ruhe hinter sich zu bringen) einen kleinen NaNo für sich zu starten. Vielleicht organisiert ihr euch dafür eine Gruppe von Leuten online, um nicht allein dazustehen (denn das ist ein unschlagbarer Nebeneffekt des NaNos, die Motivation aus der Gruppe heraus).
Wichtig ist wirklich jeden Tag zu schreiben. Ohne Pause. Die ersten zwei bis drei Monate solltet ihr tatsächlich gar nicht unterbrechen. Und nach dem Marathon des NaNos ist das für die meisten nicht möglich. Kleinere Schritte, die Stück für Stück zu einem großen Ganzen führen, sind weit motivierender und dadurch langfristig zielführender.

 
Der NaNo ist toll, er kann unglaublich inspirierend sein und hat eine ganz eigene Magie. Es lernt sich mit ihm durchaus gut, den inneren Kritiker abzuschalten.
Aber für den Aufbau einer Routine gibt es meiner Ansicht nach weit bessere Möglichkeiten als diesen Monat.

 
Habt ihr es geschafft, durch den NaNo eine Routine aufzubauen?
Habt ihr überhaupt schon mal am NaNo teilgenommen?
Oder findet ihr den Monat überbewertet?

 
Bis denne ☆

Mein Tracking

 
Statistiken sind für mich unablässig.
Ich liebe sie einfach, denn aus ihnen kann ich viel ablesen.
Wie viel Wörter kann ich in einer Minute/einer Stunde schreiben?
Wie viel Zeit habe ich in der letzten Woche/dem letzten Monat/dem letzten Jahr in meine Projekte investiert?
Wie viele Bücher/Seiten habe ich gelesen?
Wie viel Zeit ist in die Arbeit für das Schreibmeer geflossen?
Und so weiter, und so fort.

 
Die liebe Yvonne von Seitenglück hat mich mit ihrer Lese-Organisation auf die Idee zum heutigen Beitrag gebracht.

 
Ich beobachte mich mittlerweile im fünften Jahr und ändere immer mal wieder etwas.
Doch seit mindestens zwei Jahren notiere ich monatlich auf einem ganz schlichten Blatt Papier (hier vorzugsweise kariert) die Zahlen und übertrage danach in meine Tabelle. Auch diese habe ich selbst erstellt, für mich und meine Bedürfnisse.

 
Doch was tracke ich denn nun eigentlich?
 

Handschriftlich im Alltag

Derzeit liege ich bei vier Spalten, die ähnlich aussehen wie auf dem obigen Bild, es ist noch ein zusätzliche Spalte für ein weiteres Projekt hinzugekommen. Dort notiere ich während der Plotphasen auch nur die Zeit, die ich täglich gearbeitet habe. Wortzahlen sind für mich in dem Stadium nebensächlich. Schreibe ich, dann notiere ich neben der Zeit auch die Wortzahl. Ich finde beides in Kombination sehr wichtig, um ausrechnen zu können, wie hoch meine durchschnittliche Wortzahl liegt. Dies kann später wiederum helfen abzuschätzen, wie lange ich für eine Rohfassung brauche.

 
Außerdem notiere ich mein Leseverhalten, also wie lange habe ich am Tag gelesen und mittlerweile auch noch die Seitenzahl, die aber eher ein Gimmick für mich ist und für die Statistik selbst keine Rolle spielt.

 
Die letzte Spalte umfasst alles Weitere, das ich interessant finde, unter anderem eben das Schreibmeer und die Zeit für den Blog hier, aber beispielsweise auch die japanische Sprache, gerade während der VHS-Semester. Dort schreibe ich die gesamte Zeit hin und in Klammern kurz, wie lange ich wofür gebraucht habe. Ganz rechts addiere ich einmal die Gesamtzeit des Tages.

 

Der Überblick am PC

Die Tabelle in Excel, die ich mir 2014 angelegt habe, hat sich seitdem auch ein bisschen verändert, eben vor allem, seit das Schreibmeer hinzugekommen ist (vorher gab es kein „Sonstiges“).

 
Es gibt eine Jahresübersicht, in der die Ergebnisse der einzelnen Monate zusammenlaufen.


 
Pro Monat gibt es ebenfalls Spalten für die einzelnen Projekte (allein deswegen muss ich manchmal im Laufe des Jahres noch mal erweitern, wenn der Platz nicht mehr reicht), eine für das Lesen und eben auch eine für das Sonstige. Dort notiere ich per Kommentar dann die tägliche Untergliederung. Für die Gesamtstatistik ist mir die Einzelaufschlüsselung nämlich egal, immerhin ging es ursprünglich in der Tabelle um meine Schreibprojekte. Ich kann durch die Kommentare nachvollziehen, was ich wann wie lange gemacht habe, aber ich möchte dafür die Tabelle nicht endlos erweitern und ständig neue Spalten hinzufügen, die dann manchmal nur einen Eintrag im Monat haben.

 
Für mich fühlt sich mein Tracking deswegen realtiv gering an (und ich denke noch über einen Daily-Kalender nach, also einen mit einer Seite für einen Tag, um ganz auf den Zettel zu verzichten, aber das wird es dann erst ab dem nächsten Jahr geben; Kalender mit weniger Platz reichen mir nicht aus, so viel habe ich schon festgestellt). Ich glaube aber, dass es eher an dem geringen Aufwand liegt, den ich habe.
Zumal ich darüber hinaus durchaus noch mehr festhalte.

 

Detaillerteres Leseverhalten

Es gibt eine Liste der Bücher, die ich lese, die eben über das zeitliche Verhalten hinaus geht.
Auch hier führe ich handschriftlich und übertrage zusätzlich in eine Excel-Datei. Letzteres tue ich aber erst seit Ende letzten Jahres, bis dahin habe ich das tatsächlich nur auf Papier geführt.
Hierbei geht es für mich um die Anzahl der Bücher. Um die verschiedenen Genres. Darum, welche Art Bücher es waren (Romane, Sachbücher etc.). Natürlich auch um die gelesenen Seiten und ebenfalls erneut um die Lesezeiten. Ich erstelle für mich im folgenden Jahr immer eine Statistik, in der ich unglaublich viel aus Neugierde aufschlüsseln kann. Nicht nur die üblichen Werte, wie eben die Anzahl der Bücher. Interessant werden zusätzlich vor allem die anderen Aspekte.
Welches war der lesestärkste/-schwächste Monat? Das splitte ich wiederum nach Anzahl der Bücher, wie auch Seiten, wie auch Zeiten. Denn je nach Buch kann das alles stark schwanken.
An wie vielen Tagen des Jahres habe ich gelesen/nicht gelesen?
Wie viel Zeit lese ich durchschnittlich pro Tag (auch hier differenziere ich wieder, zwischen „durchschnittlich an jedem Tag“ und „durchschnittlich an der Anzahl der tatsächlich gelesenen Tage“)?
Also ganz ganz viel. Das ist alles überhaupt nicht nötig, aber wie ich zu Beginn sagte, ich liebe Statistiken. Und mit nur wenigen Notizen pro Tag (für die Werte, die sich ableiten lassen, ist das eigentlich gar nicht viel, was ich regelmäßig aufschreibe), kann ich diese ganzen Spielchern ausnutzen. Nichts davon hat Relevanz, denn ich nutze das nicht, um im nächsten Jahr mehr zu lesen. Ich lese zum Spaß und setze mich dafür nicht unter Druck.

 

Bücherkäufe

Abschließend notiere ich noch mein Kaufverhalten (diese Liste ist für dieses Jahr bislang sehr kurz). Hinzu kommen auch noch geschenkte Bücher.
Daran kann ich ein bisschen im Blick behalten, wie viel Geld ich im Jahr für Bücher ausgegeben habe und eben auch generell, was neu bei mir eingezogen ist.

 

Der SuB

Neuerdings gibt es auch noch eine SuB-Liste, diese allerdings nur digital. Ich habe den Büchern zusätzlich Wertungen von 1 – 9 gegeben, um leichter in dem Berg entscheiden zu können, was ich lesen mag. Die Bücher stehen bei mir unsortiert im Regal, da wo sie irgendwann mal gelandet sind und nicht abseits der restlichen Bücher. Mir fehlt der Überblick, ich mag aber auch die SuB-Bücher nicht absondern (weil ich teils begonnene Reihen habe, die ich dafür trennen müsste). Anhand der Liste (die ich eigentlich für den Beitrag im Mai erstellt hatte) sehe ich besser, welche Bücher noch zur Auswahl stehen und auch, wie wichtig mir welche von ihnen sind.

 
Wie verfolgt ihr euer Projekt- und/oder Leseverhalten?
Habt ihr überhaupt schon mal komplexere Statistiken ausprobiert (ich finde meine nicht komplex, aber andere anscheinend schon)?
Betreibt ihr das täglich, wöchentlich oder monatlich?

 
Bis denne ☆