Litcamp Berlin 2019

 
Auch wenn das Litcamp bereits fast fünf Wochen zurückliegt (es hat am 09. und 10.11. stattgefunden), möchte ich meine Eindrücke mit euch teilen.

 
Ich kenne Litcamps namentlich seit ungefähr zwei Jahren. Aber mir fehlte bislang die Möglichkeit an einem teilzunehmen, weil die Fahrten zu den anderen nie drin waren.
Als es dann hieß, dass eines für Berlin organisiert werden soll, war ich froh darüber.

 
Ich hatte nicht viel Ahnung davon, wie das funktioniert, obwohl ich vor allem das Prinzip der Teilgebenden, wie es in Berlin bezeichnet wurde, aus den anderen bereits erkannt hatte (ich war auch sonst nie bei einem Barcamp dabei gewesen).

 
Einige Zeit vor Stattfinden des Litcamps hatte ich den Plan gesehen. Samstag 9:00 Uhr Frühstück zum Kennenlernen. Oje, Socializing auf nüchternen Magen. Das war so ziemlich mein erster Gedanke gewesen. Mir liegt es überhaupt nicht auf andere Menschen zuzugehen. Aber ich wollte dennoch dabei sein. Ich bin für meine Verhältnisse super früh gestartet, habe mich durch das Labyrinth der „Schule für Erwachsene“ begeben (nein, es war sehr gut von den Organisatoren ausgeschildert und deswegen problemlos zu finden) und war sehr pünktlich dort. Wie schon so einige andere.

 
Als erstes bekam ich meinen Ausweis, den Hinweis, wo sich die Toiletten befinden und dann ging es auf in den großen Raum. Dort fand auch das Frühstück statt.
Ich setzte mich irgendwo hin, füllte den Ausweis aus und verbrachte die restliche Zeit für mich. Der Raum wurde nach und nach immer voller und ganz gegen Ende sprach mich eine Person, die sich neben mir niedergelassen hatte, an und es stellte sich heraus, dass sie wie ich im Wortkompass unterwegs ist.
 
 
 

 
Danach ging es mit der Vorstellungsrunde los, bei der erklärt wurde, wie so ein Litcamp aufgebaut ist und im Anschluss auch gleich noch die Sessionvorschläge eingereicht und koordiniert wurden, sodass es pünktlich um 11:00 Uhr mit den ersten Sessions losgehen konnte.

 
Für die Sessions standen drei Räume zur Verfügung, auf die die Sessions aufgeteilt wurden. Das führte dazu, dass der Plan zwei Mal nachkorrigiert wurde. Das war ein wenig verwirrend, aber aus meiner Sicht auch keine zu große Panne.

 
Das Sessionangebot war vielfältig und manchmal hieß es zwischen zwei guten Ideen zu wählen. Ich habe mich dabei hauptsächlich auf die Themengebiete Mental Health und Queerness konzentriert und danach meine Sessions gewählt.
Die Sessions selbst waren sehr angenehm. Kein Lehrer-Schüler-Verhältnis mit einer Person, die referiert und andere hören einfach nur zu, sondern ein großes Miteinander. Dazu wurde auch immer von denen, die ihre Session angeboten hatten, aufgerufen. Nachfragen, Einwürfe, Vorschläge, zu allem waren sie bereit, wir sollten nur nicht damit zögern.

 
Nach den ersten beiden Sessions folgte die Mittagspause von einer Stunde, für die es über einen Caterer Suppe gab. Fragt mich nicht danach, durch meine Angst- wie auch Essstörung hatte ich mein eigenes Essen dabei und kann das Angebot nicht beurteilen. Alles angebotene Essen war vegan, darauf wurde von vornherein viel Wert gelegt.

 
Im Anschluss folgten zwei weitere Sessions von denen ich allerdings die erste ausgesetzt habe, weil mich keines der Themen sehr angesprochen hat und eine kleine ruhige Auszeit angenehm war. In meinem Alltag bin ich überwiegend zu Haus und auch nicht stark ausgelastet und dafür war dieser Tag sehr lang und die Pause willkommen. Die zweite Session drehte sich um die Nutzung der sozialen Medien. Die sind absolut nicht mein Steckenpferd und deswegen wollte ich daran teilnehmen. Es war sehr interessant. Ich habe festgestellt, dass ich einiges intuitiv so mache, wie es dort empfohlen wurde (beispielsweise in der Twitter-Beschreibung in Schlagworten anzugeben, was einen interessiert, als Anknüpfungspunkt für andere), aber eben auch Neues gelernt (seinen Autorennamen bereits frühzeitig als Hashtag nutzen, damit er bereits vergeben und damit quasi gebrandet ist).

 
Es folgte Zeit für Kuchen, von denen alle sehr begeistert waren, ich behaupte also mal, das war ein voller Erfolg.

 
Abschließend gab es eine weitere Session in jedem der drei Räume und danach versammelten wir uns alle für die Feedback-Runde im großen Raum.

 
Für mich endete das Litcamp danach, obwohl es noch weitere Möglichkeiten gab. Einerseits fanden nach dem Abendessen (das jeder außerhalb einnehmen konnte, wo er wollte, auch das wurde durch eine Liste während der Feedback-Runde organisiert, damit – wer wollte – gemeinsam essen gehen konnte) noch Lesungen in den Räumlichkeiten der SfE statt, andererseits gab es eine gemeinsame Schreib-Runde, immerhin war ja NaNo.
Ich habe mich auf den Heimweg gemacht, es war bereits 17:30 Uhr und ich seit achteinhalb Stunden dort, zuzüglich der Reise durch Berlin (Dank Arbeiten an den drei der vier Linien im Osten der Stadt, war das nicht ganz so simpel wie normal und brauchte noch etwas zusätzliche Zeit) war ich im Endeffekt auch elf Stunden unterwegs gewesen und für den Tag komplett fertig mit der Welt.

 
Am Sonntag gab es noch einen weiteren Tag, aber den habe ich zu Haus verbracht. Ich wusste, dem wäre ich nicht gewachsen.
Was ich allerdings online gesehen habe (der Hashtag #LitcampBER hilft weiter), gab es natürlich auch am Sonntag sehr interessante Sessions. Schaut unbedingt mal auf Twitter vorbei.

 
 

Fazit

Das Litcamp war toll. Spannend und ebenfalls aufregend.
Nachteilig war die Kälte in der Location. Das hat so ziemlich jeder angemerkt und das Orga-Team hat auch getan, was es konnte, um aus den Heizungen so viel Wärme wie möglich rauszuholen.
Was ich richtig toll fand, war der Code of Conduct und der Umgang aller Anwesenden untereinander. Jeder war rücksichtsvoll, hat darauf geachtet, bei allen nicht-binären und trans Menschen das richtige Pronomen zu verwenden und einfach inklusiv zu sein. Dieser eine Tag war eine wundervolle Bubble von der ich mir wünschte, dass sie in dieser Hinsicht Alltag würde.

 
Es soll für das nächste Jahr auch ein Litcamp geben und ich hoffe sehr, dass es sich umsetzen lässt.

 
Wart ihr schon mal bei einem Litcamp dabei?
Welche Erfahrungen habt ihr gemacht?
Oder seid ihr neugierig, weil ihr bislang noch nicht die Gelegenheit hattet?

 
Bis denne ☆

Warum wir weniger Binarität brauchen

 
Und warum es mit Gendern allein längst nicht getan ist.

 
Gendern ist wichtig.
Der Differenzierung wegen. Der Diversität wegen. Damit Frauen nicht immer nur mitgemeint sind, wenn das generische Maskulinum verwendet wird.

 
Doch an genau diesem Punkt erschöpft sich das Thema dann auch schon.
Mann und Frau.
Binarität.

 
Nur gibt es eben nicht allein diese beiden Geschlechter, sondern so viele mehr.
Wenn also beim Gendern von Autor_in gesprochen wird, wo sind dann all die nicht-binären Geschlechter?
Sie werden mal wieder nur mitgemeint.

 
Ich kann nicht für alle sprechen, aber zumindest ein Teil von uns fühlt sich eben nicht angesprochen, nicht gemeint, nicht berücksichtigt.
Ich ganz persönlich tue es nicht.

 
Und für mich – und ganz sicher nicht nur für mich – gibt es noch ein ganz anderes Problem.
Ich möchte nicht im binären System von mir sprechen, weil ich nicht in dieses System passe. Ich bin weder Autorin noch Autor. Aber mehr bietet die deutsche Sprache nicht.
Das Gendern ist ein Anfang, doch es ist nach wie vor ausschließend. Nur mitmeinend.

 
Nun ist klar, dass der Wandel weder von jetzt auf gleich noch einfach so passiert.
Doch selbst Ansätze werden im Deutschen ignoriert. Wie dieses Beispiel in einem Twitter-Thread von Alex zeigt. Wobei gerade solche Plattformen und Medien die Reichweite haben, diesen Wandel zu unterstützen.
Stattdessen strotzen sie vor Ignoranz und wir werden wieder ausgegrenzt. Als gäbe es uns nicht.

 
Doch wir sind da.
Wir existieren.
Und wir verdienen denselben Respekt in dieser Sprache wie Mann und Frau auch.

 
Ich will nicht ständig auf Umschreibungen ausweichen müssen, wenn ich über mich spreche. Und ich will nicht umschrieben oder falsch gegendert erwähnt oder angesprochen werden.
Ich will nicht immer nur mitgemeint sein.

 
Dasselbe gilt im Übrigen für die ganzen Bemühungen (die ich nicht falsch, aber eben nicht ausreichend richtig finde) Frauen sichtbar zu machen. Denn erneut fallen alle nicht-binären Geschlechter runter. Sie werden nicht gesehen.
Da werden Listen und Tweets und Instaposts und was auch immer erstellt. Mit Frauen.
Nicht-binäre Personen können nicht eingeschlossen werden. Denn dann werden sie falsch gegendert. Es ist richtig, diese Personen nicht auf diese Listen zu setzen. Aber es macht sie unsichtbar.

 
Warum kann es nicht einfach um Menschen gehen? Und sie mit neutralen Begriffen bezeichnet werden?
Ich weiß, dass es darum gehen soll, weg von der führenden Maskulinität zu kommen. Weg vom generischen Maskulinum. Weg davon, dass Männer an vielerlei Stellen bevorzugt werden, weil wir uns in einem Patriarchat befinden. Und ich stimme diesem Grundgedanken zu.
Doch die Umsetzung sollte nicht schon wieder ausgrenzen und nur eine weitere Gruppe berücksichtigen.

 
Sie sollte alle einschließen. Egal welchen Geschlechts. Egal welcher Ethnie. Egal welches Äußeren. Egal welcher sexuellen Orientierung. Egal wessen auch immer. Es sollte einfach nur um Menschen gehen.

 
Bis denne ☆

Neuer Name – neues Ich?

 
Ich hätte den Beitrag auch „Warum ich jetzt einen neuen Namen habe und wieso er eigentlich überhaupt nicht neu ist“ nennen können, aber das war zu lang.

 
Also, hallo, ich bin Kuro. ^^

 
Seit ich im Februar 2017 in den sozialen Medien unter meinem bürgerlichen Namen (naja, in Kurzform beim Vornamen) gestartet bin, kennen mich die meisten mittlerweile darunter.
Kuro gibt es dagegen bereits seit 2007/2008 und für mich ist das seit langem eigentlich mein Name. Ich bin damit schon lange auch online unterwegs und ich rede mich selbst mit diesem Namen an (wenn ich mir sage, was ich gerade falsch gemacht habe oder mich lobe oder über mich lache usw.).

 
Bis 2012 gab es neben noch älteren Online-Namen nur diesen. Dann zerbrach eine Freundschaft, die ebenfalls eine Schreibpartnerschaft war. Als ich 2013 das erste Mal in ein Schreibforum kam, wollte ich unerkannt bleiben und baute mir eine weitere Online-Identität auf. Ursprünglich habe ich mich dort auch nur angemeldet, um entspannt mitlesen zu können, aber dabei ist es nicht geblieben. Aber diese Identität (ursprünglich Drachenschwinge, woraus ich Riyuu bildete) stand für meine schreibende Seite, während ich andere Interessen weiterhin unter Kuro verfolgte. 2017 habe ich Riyuu hinter mir gelassen und bin eben mit meinem bürglichen Namen ins Internet gegangen, zum ersten mal überhaupt.

 
Mit all den Veränderungen in meinem Leben in den letzten eineinhalb Jahren, dem familieninternen Bruch, der einer der Schritte zu meinem eigentlichen Ich war, will ich nicht mehr alles getrennt halten. Irgendwie ist es das immer noch. Aber eben jetzt auch hier zu Kuro zu werden bzw. es zu sein, ist ein Teil davon.

 
Kuro lehnt sich ohnehin an meinen richtigen Namen an.
Ich mochte Melanie nie wirklich. Als Kind war der Name mir egal, später mochte ich ihn einfach nicht. Auch nicht gängige Abkürzungen, weswegen ich mit Mel die sehr kurze Form gewählt hatte. Einzig die Bedeutung – die Schwarze, die Dunkle – ist, was mir an dem Namen gefällt und genau dort besteht die Verbindung zu Kuro. Kuro ist der Wortstamm für schwarz im Japanischen.

 
Twitter und Instagram sind bereits umbenannt.
Auf Facebook ist das nicht möglich. Denn Facebook schreibt zwar in seinen „Regeln“, dass man den Namen wählen soll, unter dem die meisten einen kennen und es sollte idealerweise der Name sein, der im Ausweis steht, nur stimmt beides bei mir eben nicht überein. Und ich habe in der Vergangenheit bereits einen Account verloren. Er wurde gesperrt und um ihn freizuschalten, soll ich mich mittels Personalausweis oder ähnlichem Dokument ausweisen. Was diese „Regel“ völlig lächerlich macht. Ich habe Freunde, die mich im Japanischkurs mit richtigem Namen kennengelernt haben, doch kaum hat sich der private Kontakt ergeben, haben sie angefangen, mich Kuro zu nennen und wann immer sie mit meinem richtigen Namen konfrontiert sind, irritiert er sie kurz, während Kuro für sie mein Name ist. Ich kann Kuro also nur als weiteren Namen hinzufügen (der, der auf dem Profil in Klammern angezeigt wird) und das mache ich sogar schon seit ein paar Monaten. Es fällt nur nicht auf, solange man nicht aufs Profil geht, was den Namen im Alltag doch wieder sehr unsichtbar macht.

 
Für den Blog/die Seite muss ich noch nach einer Lösung schauen. Mein Hostingpaket enthält nur eine Domain und die kann nicht umbenannt werden. Ob die Möglichkeit besteht, anderweitig nur eine Domain zu kaufen und dann umzuleiten, muss ich schauen. Das Paket hochzustufen, wird wahrscheinlich gleich noch viel mehr Features nach sich ziehen, die ich nicht benötige und somit die Kosten ebenfalls steigen lassen, was ich insgesamt vermeiden will. Dementsprechend bleibt die Domain zumindest vorübergehend bei meinem richtigen Namen.

 
Ansonsten erklärt sich jetzt vermutlich ein bisschen, warum ich als Pronomen K gewählt habe.

 
Ich fühle mich noch längst nicht vollständig, das ist mir vor ein paar Tagen bewusst geworden.
Aber mit jedem Schritt werde ich ein bisschen mehr ein Ganzes. Und ein bisschen mehr ich.

 
Bis denne ☆

Sensitivity Reading

 
Der Begriff Sensitivity Reading sorgt seit einiger Zeit für Aufregung in der Autorenszene.
Und ich verstehe nicht, wieso.

 

Doch was ist das überhaupt?

Sensitivity Reading ist im Grunde ein möglicher Schritt im Lektoratsvorgang, bei dem eine Geschichte auf bestimmte sensible Themen von Menschen, die sich damit auskennen (in der Regel sind es sogenannte Own-Voices, also Menschen, die auf Basis ihrer eigenen Erfahrungen reden), geprüft wird. Hierbei geht es darum, vorurteilbehaftete oder fehlerhafte Darstellungen, die sich in den Köpfen eingenistet haben, zu vermeiden. Noch mehr Infos dazu findet ihr auf der Seite Sensitivity Reading.

 

Warum ist das so wichtig?

Wie schon erwähnt, es gibt eine Menge klischeebehafteter Vorstellungen oder sogar welche, die nicht der Realität entsprechen, die immer wieder in Büchern auftauchen und damit nur noch mehr Vorurteile und Klischees erschaffen. Die ein Bild erschaffen, dass etwas nur so und so sein kann, aber nicht anders. Obwohl die Realität weit vielfältiger ist.
Und auf genau solche Umstände weisen Sensitivity Reader hin.

 
Wie bei einem Lektorat geht es nicht darum, die schreibende Person zu bevormunden, sondern sie darauf hinzuweisen, was in ihrer Geschichte problematisch ist. Welche Hinweise sie annimmt, liegt ebenfalls in ihrer Entscheidung.

 

Aber gibt es denn überhaupt den einen richtigen Weg?

Über diese Frage habe ich selbst sehr lange nachgedacht.
Nein, es gibt nicht diese eine korrekte Darstellung.
Viel eher gibt es aber Szenarien, die für Betroffene verletzend sind und dennoch in Büchern auftauchen, die deswegen durchaus generell vermieden werden sollten. Während es für andere durchaus eine Vielfalt an Möglichkeiten gibt. Hier wird es vom Sensitivity Reader und ihren_seinen eigenen Erfahrungen abhängen, was si_er empfiehlt. Und wie viel Austausch mit anderen Betroffenen si_er hat.
Beispielsweise habe ich in einem anderen Beitrag über mich erwähnt, dass ich weder ein klassisches Outing hatte noch dass ich bisher Anfeindungen ertragen musste. Dennoch existieren diese natürlich wie auch je nach persönlichem Umfeld die Angst vor dem Outing. Was nun zur Geschichte passt, muss letztlich die schreibende Person entscheiden. Aber allein durch Hinweise von Sensitivity Readern, kann sie Anregungen bekommen, wohin sich alles entwickeln kann, nach Möglichkeit ohne den gesamten Plot zu sprengen (ich glaube, das passiert auch nur, wenn die Geschichte bislang weitab der Realität erdacht ist).

 
Die Möglichkeit mit Sensitivity Readern zusammenzuarbeiten, bietet einfach Raum zur Entwicklung, nicht nur der Geschichte, sondern auch für die schreibende Person selbst. Und wäre sie nicht an bestimmten sensiblen Themen interessiert, würde sie vermutlich nicht über sie schreiben.

 
Habt ihr schon Erfahrungen mit Sensitivity Reading gemacht?
Wie war sie für euch?
Oder ist das Konzept für euch neu?

 
Bis denne ☆

Queerness, Outing(?) und mehr

 
Dass ich queer bin, ist absolut kein Geheimnis.
Und ein richtiges Outing hatte ich eigentlich nie (ich betrachte diesen Post auch nicht als solches).

 
Ich bin ganz durchschnittlich als Mädchen aufgewachsen, fand in meiner Jugend Jungs toll und hatte mit 17 meinen zweiten Freund. Die Beziehung hielt fast neun Jahre. Ich habe mich damals eindeutig als hetero eingestuft.
Trotz allem war ich zumindest Mitte 20 der Meinung (ich kann mich jedenfalls zu der Zeit daran erinnern), dass „die Hülle unwichtig ist, auf das Innenleben kommt es an“. Witzigerweise habe ich das damals im Oktober zu einer Freundin gesagt. Und im Dezember war da DIE Frau. Ich kannte sie schon vorher, ich mochte sie auch von Anfang an, aber im Dezember war da plötzlich das Kribbeln. Interessanterweise – und ich fand das wirklich interessant – habe ich nur gedacht, als ich einen Augenblick für mich allein war, dass ich mich gerade wie ein verliebter Teenager fühle. Ja, genau so. Das in etwa waren meine Gedanken. Und damit hatte ich die Sache akzeptiert.
Es mag sein, dass es am Alter lag. Dass ich mich nicht im ohnehin schon völlig hormonverseuchten Zustand der Jugend damit befassen musste.
Oder daran, dass ich zumindest nicht völlig negativ mit dem Thema aufgewachsen bin. Ich kenne zwar durchaus die verinnerlichten Sprüche wie „ich ziehe doch kein Rosa an, das ist voll schwul“ oder ähnliches, aber ich wusste ebenfalls, dass meine Eltern früher, fast noch vor meiner Zeit, einen schwulen Freund im Umfeld gehabt hatten. Es war nie wirklich Thema bei uns, weder positiv noch negativ. Und es ging eh niemanden etwas an. Zumal aus der Sache nichts geworden ist, es hat mir nur einiges über mich selbst gezeigt.
Warum ich kein Outing hatte?
Weil ich noch nie über solche Themen mit meiner Familie gesprochen habe. Ich habe ihnen nie direkt erzählt, wenn ich einen Freund hatte. Es fiel dann höchstens dadurch auf, dass ich ständig von ihm geredet habe. Bei meiner Beziehung mit einer Frau lief es dann ganz einfach so, dass sie mich über Weihnachten besucht hat (Fernbeziehung) und ich schon vorher angekündigt habe, dass ich nur zum üblichen Familienteil käme, wenn ich sie mitbringen kann, mehr habe ich nicht erwähnt. Es war okay. Und dann sind wir genauso miteinander umgegangen wie meine Geschwister mit ihren Partnerschaften. Es war also vielleicht ein nonverbales Outing, aber eben nichts im herkömmlichen Sinne.

 
Das Thema, das mich seit einigen Monaten umgibt und das der Auslöser für diesen Post war, ist ein bisschen komplizierter und ich bin auch immer noch nicht sicher, ob ich das familienintern überhaupt ansprechen werde. Wer mir auf Twitter und/oder Facebook folgt, hat es vor einiger Zeit vielleicht auch mitbekommen.

 
Was ich schon sehr lange irgendwie weiß, ist, dass ich mich nicht als Frau sehe. Ich sage bewusst irgendwie, denn ich weiß, dass ich schon in meiner Kindheit und Jugend damit rumgescherzt habe und es dann immer schön auf meinen Nachnamen abgewälzt habe, dass ich doch wenigstens halb-halb bin, aber nicht so richtig ein Mädchen. Damals drehte sich alles um die klischeebehafteten Interessen und Verhaltensweisen (ich bin ein Kind der 80er, ich bin ganz natürlich damit aufgewachsen, dass daran alles festgemacht wurde). Ich habe Zahlen geliebt. Ich habe noch bildlich vor Augen, wie ich im Kindergarten lieber mit der Tanksäule, deren Zahlen sich bewegt haben, gespielt habe, statt mit Puppen. Ich hatte auch nie viele Puppen, wenn das auch nicht komplett an mir vorbeigegangen bin. Ausschließlich als Jungen habe ich mich auch nie gesehen und ich sehe mich auch jetzt nicht als männlich. Es gibt eine Menge weiterer typischer Klischees, die ich benennen könnte, aber eigentlich ist das eh unnötig.

 
Ich habe mich einfach immer als Frau bezeichnet, bezeichnen lassen und diese Rolle, in der ich erzogen wurde, weitergespielt, wobei ich deswegen trotzdem ich geblieben bin. Ich habe keine Kinder und ich gehe nicht davon aus, dass sich das je ändern wird – zum Vorteil aller Beteiligten. Auch wenn ich irgendwann drauf angesprochen wurde, dass ich doch bald 30 würde, ob ich nicht langsam mal an Familie denken wolle, ähm, nein. Der Gedanke stand nicht mal zur Debatte.
Trotzdem habe ich gerade dieses Jahr erkannt, dass ich einfach nicht weiblich bezeichnet werden möchte. Es fühlt sich falsch an. Nicht zu mir gehörend. Und ich glaube, diese eine Situation, als ich in einem Warteraum saß, wusste, ich würde gleich dran sein und dann mit „Frau Matthias“ aufgerufen wurde, merkte, dass der Name korrekt ist, doch der Rest sich eben falsch anfühlte, damit begann die bewusste Wahrnehmung, mich nicht als weiblich zu sehen. Mich aus der anerzogenen Rolle entfernen zu wollen, um mich wirklich als ich zu fühlen.

 
Es folgte die Suche vor allem nach einem passenden Pronomen. Dass ich ein Enby bin, wusste ich schnell. Genauere Label nutze ich nicht. Ich weiß sie nicht und ich brauche sie auch nicht.
„Sie“ scheidet aus, weil es weiblich ist. „Er“ ebenfalls, da männlich. „Es“ ist für mich im Deutschen keine Option. Das Wort klingt mir zu sachlich. Die verschiedenen Möglichkeiten, die ich online gefunden habe (z. B. sier, xier uvm.) waren alle nicht die richtigen für mich. Am wohlsten habe ich mich noch mit dem Englischen „they/them“ gefühlt, aber im deutschsprachigen Kontext wollte das auf mich auch nicht so richtig passen. Ich habe also weiterhin Artikel gelesen und bin dabei über diesen gestolpert, der mir meine Lösung geboten hat (zumindest im Großen und Ganzen, beim Punkt „Relativpronomen“ bin ich noch immer überfragt). Denn ziemlich weit unten steht eine Ergänzung und mit ihr wusste ich ganz klar, wie mein Pronomen aussehen wird.

 
Es ist ein einzelner Buchstabe.
K.
Ob nun deutsch oder englisch gesprochen, spielt für mich keine Rolle. Wenn ich ihn selbst nutze, spreche ich ihn englisch aus, was aber daran liegen mag, dass ich zeitweise auch auf englisch denke. Beispiele für die Anwendung stehen im verlinkten Artikel.

 
Warum ich heute darüber schreibe?
Weil Twitter und Facebook ziemlich vergänglich sind.
Ich habe es bei Twitter im Profil zu stehen.
Bei Facebook ist es auch bei den Infos eingetragen (leider muss man dort für die Anrede trotzdem aus den klassischen drei Optionen auswählen).
Und ich könnte die Posts festpinnen. Ich selbst schaue aber selten auf Profile, bestenfalls, wenn jemand neu ist und ich deswegen neugierig bin, aber sobald ich jemanden zu meinen Freunden hinzugefügt habe oder ihm folge, nutze ich Timeline und gelegentlich den FB-Feed und da geht das unter. Außerdem kann ich es hier ausführlicher erklären.

 
Ich möchte irgendwann komplett von der weiblichen Bezeichnung weg. Dass das nicht von heute auf morgen geht, akzeptiere ich. Ich merke das selbst. Einerseits bei anderen Enbys, vor allem, wenn ich sie so nicht kennengelernt habe. Andererseits habe ich einen Bekannten, der trans ist. Ich habe ihn schon als Mann kennengelernt, wenn bei unserem einzigen Treffen vor über zehn Jahren der Körper noch eindeutig weiblich war. Dann verlor sich der Kontakt bis vor ein paar Monaten. Ich habe ihn damals unter einem anderen Namen kennengelernt (nicht sein Deadname, aber trotzdem der, der gute zehn Jahre in meinem Kopf saß) und der jetzt quasi nicht mehr existiert. Ich meide ihn auch bewusst, aber ich merke, wie er nach der langen Zeit immer wieder zuerst aus meinen Gedanken möchte, aus reiner Gewohnheit.
Und ich gehe davon aus, dass es Menschen, vor allem, je länger sie mich kennen, auch so geht, weil das tief verankert ist.

 
Und genau dies ist der Grund, weswegen ich familienintern noch überhaupt nicht sicher bin, ob ich das Thema ansprechen werde. Ich habe keine Ahnung, wie weit das Bewusstsein in meiner Familie auf dieser Ebene überhaupt existiert. Bis heute benutzen längst nicht alle „Mel“ als Form für meinen richtigen Vornamen, obwohl ich diese seit definitiv zwanzig Jahren verwende (womit ich nur die engste Familie meine, der darüber hinaus reichende Verwandtschaftskreis kennt die Kurzform vermutlich nicht mal, weil wir nur alle paar Jahre mal Kontakt haben). Ich habe da nie sehr nachdrücklich drangehangen, aber wann immer ich schriftliche Nachrichten hinterlasse und mit Namen versehe, steht dort nur „Mel“.
Das ist wie gesagt noch ein ganz eigener Abschnitt für sich.

 
Aber gerade für alle Menschen, die ich neu kennenlerne, für die Kontakte im Internet, möchte ich „sie“ los werden. Ich bin nicht „sie“.

 
Ich bin „K“.

 
Bis denne ☆