Bands, die ich liebe – Silverchair

 
Schon wieder sind fünf Wochen vergangen, seit ich über Musik geschrieben habe. Eigentlich sollte dieser Beitrag bereits im August erscheinen, aber dann kam alles anders.
Dieses Mal habe ich wieder eine nicht-japanischsprachige Band im Gepäck.
Genau genommen ist diese außerhalb der japanischsprachigen Musik meine Lieblingsband.

 
Die Rede ist von der australischen Band Silverchair.

 
Nach der Kelly Family bin ich ab 1997 zu Rockbands gekommen und Silverchair waren von Anfang an dabei. Sie hatten zu der Zeit ihr zweites Album noch nicht allzu lange auf dem Markt, obwohl die Mitglieder der Band gerade mal ungefähr ein Jahr älter sind als ich. Und ich bin damals gerade mal in die dreijährige Abiturphase aufgebrochen (also Orientungsphase plus zwei Jahre Abi).
Damals wurden Silverchair vor allem als die neuen Nirvana bezeichnet. Ja, es gab Parallelen, aber für mich war das so gar kein Grund. Ich kannte Nirvana namentlich, hatte aber nie viel von ihnen gehört. Das ist später auch noch ein bisschen anders geworden, aber Fan war ich nie.

 
 
 

 
Noch im August 1997 habe ich Silverchair das erste Mal live gesehen, sie haben als Vorband von Bush im Tempodrom in Berlin gespielt. Ja, noch in dem schönen alten Zelt mit dem kleinen Biergarten davor.
Als Vorband war das Set nicht ganz so lange, ich glaube, es waren neun Songs, aber es war einfach toll. So sehr viel entspannter als die Konzerte bei den Kellys, erste Reihe, ohne Probleme. Bei Bush sind meine Freundin und ich später sogar hinter gegangen, um uns zum Diven hochheben zu lassen. Ging nicht weit, weils eine Lücke in der Menge gab, aber war unglaublich toll in dem Moment.

 
Ich habe Silverchair noch zwei weitere Male gesehen, 1999 im Columbia Fritz und 2003 in der Arena.

 
Die Alben waren jedes für sich ein neues Erlebnis. Wobei ich sagen muss, dass mir das letzte nicht mehr wirklich zugesagt hat. Während sie sehr roh, sehr wild begonnen haben, wurde mit jedem weiteren Album alles ausgefeilter, aber auch elektronischer. Und letzteres ist der Punkt, der mir nicht so richtig gefallen hat.
Dennoch bedeuten mir die ersten vier Album und auch die Singles sehr viel.

 
In den letzten Jahren habe ich Silverchair recht wenig gehört. Irgendwann vor einem Jahr oder so, habe ich mir dann mal wieder alle ihrer Songs vorgenommen und habe so viele Details wieder oder sogar neu entdeckt. Und sie haben mich noch immer genauso tief berührt wie über 20 Jahre zuvor.

 
Leider haben sie bereits vor Jahren eine Pause bekanntgegeben (die eigentlich eher einer Trennung entspricht).
Interessant ist ja, dass hier in Deutschland kaum einer Silverchair kennt, während sie in Australien extrem bekannt sind.

 
Ihre Musik ist so unterschiedlich, deswegen fällt es mir schwer zu sagen, was mir daran so gut gefällt. Wie so oft ist es einfach das passende Zusammenspiel aus allem möglichen. Unter anderem auch den Lyrics, zumindest teilweise. Das gilt sicher nicht für jeden Song. Gerade je mehr Erfahrung sie hatten, desto weniger eindeutig wurden die Texte. Und ich bin überhaupt nicht gut darin, so etwas zu verstehen, weswegen ich allgemein keinen wirklichen Draht zu Lyrik habe.

 
Am bekanntesten ist vermutlich „Ana’s Song (Open Fire)“, ein Song, der sich um Anorexie dreht. Ebenso haben Silverchair für den Soundtrack zu Godzilla, der 1998 veröffentlicht wurde, den Song „Untitled“ aufgenommen.

 
Zur damaligen Zeit, so völlig ohne Internet, habe ich sogar einmal über den Viva-Videotext eine Kontaktanzeige aufgegeben. Ich weiß nicht, wer von euch das noch kennt, dort gab es Seiten, auf denen man Gesuche aufgeben konnte, um Menschen mit gleichen Interessen zu finden. Es gab sogar einige Briefe, die ich darauf erhalten habe und vor allem ein Kontakt hat sich noch bis 2006 oder so gehalten, aber irgendwann dann leider trotzdem verloren.
 
 
 

 
Ein paar Schätzchen habe ich auch, wenn ich auch nie auf Konzerten irgendwas gekauft habe. Ich weiß gar nicht, inwiefern da überhaupt etwas angeboten wurde.

 
Und außerdem gibts wieder ein Foto von mir aus der Zeit. Es müsste noch aus 1997 sein. Das allererste Male mit Farbe im Haar. Blau von Directions, nur in den vorderen Strähnen (und ohne vorige Blondierung), die länger als das restliche Haar waren. Mehr durfte ich in dem Alter noch nicht (ich war ja noch nicht volljährig, und als erstgeborenes Kind musste ich mir all diese Dinge auch noch hart erkämpfen, aber das ist ein anderes Thema, in das ich hier jetzt lieber nicht abrutsche).
 
 
 

 
Nun gehts aber auf zur Beispielmusik.
 
 
 

 
Freak
 
 
 

 
Israel’s Son
Der erste Song auf ihrem ersten Album.
 
 
 

 
Miss You Love
Von ihrem dritten Album „Neon Ballroom“.
 
 
 

 
Across The Night
Der Opener ihres vierten Albums „Diorama“.
Der Weg durch diese ersten vier Songs zeigt ziemlich gut die grobe Entwicklung, die die Band zwischen 1996 und 2002 gemacht hat.
 
 
 

 
Tuna In The Brine, ebenfalls von „Diorama“, einer meiner absoluten Favoriten.
 
 
 

 
Nobody Came, von „Freak Show“. Ebenfalls einer meiner Favoriten. Ich mag die Steigerung so sehr, die sie erzeugen und dann doch alles wieder zusammenfallen lassen.
 
 
 

 
Silverchairs Auftritt beim Bizarre Festival 1997. Das war exakt drei Tage vor dem Konzert, das ich in Berlin erlebt habe. Also quasi das, was sie dort spielen.
 
 
 

 
Emotion Sickness von „Neon Ballroom“ zählt ebenfalls zu meinen Favoriten, einfach schon der Depressions-Thematik wegen. Dessen war ich mir damals nicht bewusst, doch der Song hat auch so einen Nerv bei mir getroffen. Diese Version hier ist um die sechs Minuten lang, live haben sie es sogar zehn Minuten lang gespielt. Auch davon gibt es einen Auftritt von 2003 von Rock am Ring.
 
 
 

 
Und dann ist hier noch No Association. Ein Song, mit dessen Lyrics ich mich sehr verbunden fühle (wenn es auch zwei, drei Zeilen gibt, die nicht zu mir passen) und den ich deswegen mit reingenommen habe.

 
Hat jemand von euch schon mal was von Silverchair gehört?
Wenn nicht, habt ihr euch die verlinkten Songs angehört?
Wie gefallen sie euch?

 
Bis denne ☆

Rückblick 2019

 
Und damit liegt tatsächlich ein volles weiteres Jahr hinter uns. Hinter mir.
Und wenn ich darauf zurückschaue, dann war es geprägt von Höhen und Tiefen, immer hin und her, nie im Stillstand. Zumindest nicht emotional.
Aber ich denke, ich fange erstmal mit ein paar Zahlen an.

 

Bücher

Bücher: 15
weitere Geschichten: 10
Zeitschriftenartikel: 1
Seiten: 5.436 (Bücher) | ungefähr 11.500 (inklusive der weiteren Geschichten)
Anzahl Lesetage: 92 (nur Bücher)
Durchschnittliche Buchseitenzahl/Tag (bezogen aufs Jahr): 14,89
Durchschnittliche Buchseitenzahl/Tag (bezogen auf die Lesetage): 59,10
Vom SuB gelesen: 13
Neu gekauft/geschenkt: 2
 
 
 

 
Das waren noch mal eindeutig weniger Lesetage als 2018 und ebenfalls weit weniger Buchseiten.
Das liegt daran, dass ich alte Projekte von mir gelesen habe, zwei sogar mehr als einmal. Dazu habe ich aber nur eingeschränkt Aufzeichnungen, weswegen ich sie nur in der Gesamtseitenzahl berücksichtigen kann, aber nicht in die restliche Statistik mit reinnehmen wollte. Als grobe Grundlage für die Seitenzahl habe ich mit dem Normseitengrundschnitt von 250 Wörtern pro Seite gerechnet (Normseite = maximal 1.800 Zeichen, durchschnittlich 1.500 veranschlagt; durchschnittlich hat ein deutsches Wort sechs Zeichen inklusive Leerzeichen = 250 Wörter).

 
Die Anzahl an Büchern war trotzdem gering, das hat sich ja auch bereits in meinen Leserückblicken gezeigt. Andererseits habe ich insgesamt nicht wirklich weniger gelesen als im Jahr zuvor, weswegen mir die Zahlen für die Bücher recht egal sind. Zumal ich auch so einige Bücher noch mal gelesen habe (insgesamt 6 der 15 Bücher, selbst wenn 4 davon in einer anderen Sprache waren).
 
 
 

 
Hier sind die Bücher, die ich gelesen habe, auch wieder bildlich festgehalten, wie schon im letzten Jahr (und auch zuvor, da hatte ich den Blog nur noch nicht). Der E-Book-Reader ist dieses Mal gar nicht dabei. Ich habe ihn zwar für zwei Wälzer durchaus genutzt, da ich sie aber auch als Print besitze, liegen natürlich diese Exemplare dort.
 
 
 

 
Die Neuzugänge hielten sich dieses Jahr sehr in Grenzen. Ich habe ja bereits 2018 versucht, wenige Bücher zu kaufen, weil mein SuB noch genügend Bücher umfasst, aber 2019 sind tatsächlich nur drei Bücher eingezogen, wovon zwei bei ihrer Ankündigung sofort klar waren („Blutgesang“ und „Neon Birds“).

 
Auch wenn die Statistik ernüchternd aussieht, habe ich für 2020 keine Pläne, außer zu lesen, wenn mir danach ist. Die Lesezeit ist nämlich 2019 tatsächlich mehr gewesen als 2018. Wenn ich mich hingesetzt habe, dann meist gleich für zwei Stunden statt auch mal nur für ein paar wenige Minuten. Und ich mag mich nicht durch vorgegebene Pläne einengen oder unter Druck setzen.

 

Schreibtätigkeit

Statistisch fällt es mir dieses Mal etwas schwer. Einerseits betrachte ich meine Spaßprojekte als in ihrer Wichtigkeit gleichwertig zu den Projekten, die ich irgendwann mal veröffentlichen würde. Andererseits rede ich nicht viel über meine Spaßprojekte.

 
In Bezug auf die „offiziellen“ Projekte gibt es quasi nichts zu sagen.
Ich habe zu Jahresbeginn erst an einer Aktion mit anderen Autor_innen teilgenommen, dafür aber auch ein anderes Projekt verwendet, weil die „offiziellen“ Projekte dafür noch nicht ausreichend waren. Diese Aktion verlor sich dann aber recht bald. Mein einziges „offizielles“ Projekt aus dem letzten Jahr – „Notenrufen“ – habe ich genau zwei Mal zur Hand genommen, einmal zur Aufbereitung des Plots für Feedback (da der Plot sehr ausführlich ist, lasse ich den Inhalt bereits vor dem Schreiben gegenprüfen, weil sich da im Groben nichts mehr ändert, wenn ich schreibe) und danach, um mir das Feedback vorzunehmen. Daraus ist dann aber nichts geworden, außer dass ich es eben für mich griffbereit gesichert habe.

 
Bei meinen Spaßprojekten sieht es anders aus.
Die erste Jahreshälfte war ohnehin mau.
Einerseits war der Jahresbeginn von vielen Enttäuschungen geprägt, ich musste ein Gruppenprojekt, das mir sehr am Herzen lag, aus gesundheitlichen Gründen verlassen und wie danach damit verfahren wurde, war weniger angenehm zu sehen. Hinzu kamen noch weitere Aspekte, auch diese eben erwähnte Aktion war einer davon und auch das hat beeinflusst, dass ich nicht wirklich viel Motivation hatte. Mal ganz von der Depression zu schweigen, in der ich ja bis April oder so steckte.
Im Juni war ich weg und bereits der Mai war durch Vorbereitungen geprägt, der Juni galt für mich ohnehin als komplett freier Monat.
Doch die zweite Jahreshälfte änderte alles.
Ich habe im Juli das erste meiner Spaßprojekte angefangen, eigentlich durch Zufall, doch konnte mich ihm nicht entziehen. Meine Statistiken schossen durch die Decke, in Höhen, die ich seit Jahren nicht erlebt hatte. Im Oktober habe ich noch ein weiteres Spaßprojekt hinzugenommen (das sind alles keine neuen Projekte). Nur diese beiden Projekte von Juli bis zum Jahresende haben zu 300 Stunden Arbeitszeit geführt. Das ist sicher keine riesige Menge für Autor_innen, die Schreiben als ihren Beruf ansehen, es professionell betreiben, aber genau darauf liegt mein Fokus ja gar nicht. Als Vergleich, 2018 lagen meine Gesamtzeiten für Projekte bei 58 Stunden, 2017 bei 111 Stunden, 2016 bei 205 Stunden, 2015 bei 110 Stunden und 2014 bei 327 Stunden. Ja, 2014 war es noch mehr, allerdings über das gesamte Jahr verteilt.
Genau das ist es. Das letzte Mal zuvor wenigstens 2.000 Minuten in einem Monat hatte ich im Mai 2014 erreicht. 2019 bin ich im Juli unerwartet mit 3.519 Minuten – das sind fast 60 Stunden – gestartet. Es war extrem überwältigend. Und hat sich auch nicht so extrem gehalten, wobei der August noch heftiger war. Aber danach hat es sich reguliert. Abhängig davon, ob ich mehr gelesen habe, aber auch aufgrund der dunkleren Jahreszeit. Nichtsdestotrotz ist das so ein Unterschied, den ich noch immer zu begreifen versuche (und vermutlich deswegen auch gerade so viel dazu schreibe xDD). Außerdem habe ich tatsächlich seit Anfang Juli nicht einen Tag pausiert. Nicht an jedem habe ich viel Zeit investiert, manchmal waren es nur wenige Minuten, aber es gibt seit mittlerweile einem halben Jahr nicht einen Tag Pause, etwas das für mich 2015/2016 Alltag war.

 
Außerdem ist da ja noch der Autorenblog, den ich regelmäßig und ohne Pause befüllt habe.
Hierfür habe ich auch die Wörter und Zeiten gezählt und das waren auch noch mal fast 80 Stunden mit 51.128 Wörtern.

 

Japanisch

Da ich letztes Jahr bereits recht frühzeitig versucht hatte, eine Routine aufzubauen, greife ich das Thema mal auf.
Was das Schreiben der Kanji betrifft, war ich recht schnell wieder raus.
Die Nutzung der App betreibe ich aber tatsächlich nach wie vor. Es gab wenige Tage, an denen ich es nicht getan habe, meistens ist es mir einfach durchgerutscht. Für gewöhnlich mache ich das gleich am Vormittag und wenn ich es da mal vergesse, kommt es vor, dass ich es später auch nicht mehr beachte. Insgesamt waren es 349 Tage, an denen ich die App genutzt habe und das ist eindeutig positiv.

 

Allgemein

Wie ich oben schon sagte, war 2019 ein sehr emotionales Jahr. Ich habe Entscheidungen getroffen und umgesetzt, die so wichtig für mich und meine Gesundheit waren, habe gekämpft, das durchzuziehen und am Leben zu bleiben (im übertragenen Sinne, nicht wortwörtlich). Ich habe zwei wundervolle Konzerte besucht, die mir so unglaublich viel Kraft gegeben haben und noch immer geben. Ja, ich zehre auch jetzt noch davon, obwohl alles bereits über ein halbes Jahr zurückliegt.
2019 war tough, wirklich tough. Eine meiner Entscheidungen hat so viele Dinge nach sich gezogen, die ich bis heute bewältigen muss, was auch in Zukunft weiterhin der Fall sein wird.
Allerdings waren auch die Jahre zuvor tough. Das letzte Jahr, das ich zuvor als gut bezeichnen würde, ist 2013. Alle danach waren reiner Kampf. So auch 2019. Und trotzdem war 2019 ein gutes Jahr.
Denn egal wie sehr ich meine „offiziellen“ Projekte liegen gelassen habe, weil ich das Gefühl hatte, es tun zu müssen, egal wie anstrengend all die Kämpfe waren, 2019 hat so viel Positives mit sich gebracht. So viel Selbsterkenntnis, so viel Wissen über mich selbst. Ich bin immer mehr zu mir geworden (und habe noch einen weiten Weg vor mir, aber die Richtung stimmt). Ich habe mich viel mehr auf das fokussiert, das ich brauche, das ich liebe. Und habe so viel Liebe zurückbekommen und gespürt. Ich habe alte Freundschaften wieder aufleben lassen und mich neu bzw. mehr in eine Band verliebt, bei der ich glaubte, dass es gar nicht noch mehr geht.

 
Und deswegen kann ich dieses Jahr in zwei Worten zusammenfassen, die nicht zwingend zueinander gehören, es aber auch tun:
Intensiv und Gazette.

 
Wie war 2019 für euch?
Könnt ihr positiv darauf zurückblicken?
Oder ward ihr froh, dass es geendet ist und 2020 beginnt?

 
Bis denne ☆

Bands, die ich liebe – The Kelly Family

 
Der letzte Beitrag, der in diesem Jahr hier online geht.
Und eine letzte Band für dieses Jahr.

 
Völlig aus der Reihe, denn keine japanische Band. Nichts, das ich derzeit noch oft höre.
Und trotzdem macht diese Band einen so wichtigen Teil in meinem Leben aus, das sie immer zu mir gehören wird.

 
Ich war 13, als ich den Kellys verfallen bin. „An Angel“ stand in den Startlöchern, war aber noch nicht veröffentlicht. Die Single zog natürlich nur kurze Zeit später bei mir ein, Wochen darauf dann auch das Album „Over The Hump“. Und Stück für auch die älteren Sachen. CD um CD, Videokassette um Videokassette. Nicht alles sofort, aber gerade durch meine Jugendweihe im darauffolgenden Jahr und den damit verbundenen Geldgeschenken, hatte ich die Möglichkeit meine Sammlung zu vergrößern.
 
 
 

Meine CD-Sammlung (oben Singles, unten Alben)

 
 
 

Und die Videokassetten

 
Ebenso startete ich am 19.03.1995 mit meinem ersten Konzert (der Kellys, aber auch überhaupt) in der Deutschlandhalle in Berlin. Wobei das nur fast stimmt. Ich habe wohl im Alter von 1 Jahr die Kellys auch mal auf der Straße spielen sehen, aber daran kann ich mich natürlich nicht erinnern.

 
Es gab damals ständig etwas Neues. Jede Woche waren die Kellys in irgendwelchen Zeitschriften drin. Bravo, Popcorn, aber auch die ganzen „Frauen“-Magazine, die meine Generation gar nicht zur Zielgruppe hatten. Auf Viva ging es hoch und runter, Fernsehsendung hier und da, irgendwo gab es ständig etwas von den Kellys.
 
 
 

Ein paar Photobooks. Die kleinen sind Postkartensets.

 
Bereits im Mai habe ich sie wieder gesehen, erst in der Wuhlheide und am Tag darauf spielten sie ein kostenloses Konzert auf dem Schlossplatz.
Weitere Konzerte waren dann noch im Sommer, da war ich in Rostock im Stadthafen, im Dezember erneut in Rostock. Dort spielten sie an einem Tag zwei Konzerte, die ich auch beide mitgenommen habe. Im darauffolgenden Sommer dann erneut in Rostock, dieses Mal im Ostsee-Stadion, was eine ziemlich große Nummer war. Ich war damals 15, ab morgens um 6:00 Uhr vor dem Einlass (und da waren schon eine ganze Menge Fans da) und den ganzen Tag im August davor gewartet. Es resultierte in einem Sonnenstich oder ähnlichem, der sich aber immerhin bis nach dem Konzert Zeit gelassen hat.
 
 
 

Ein kleiner Teil meines Zimmers Ende 1996. Das sah an allen Wänden und teils auch an der Zimmerdecke so aus.
 
 
 

Ich am 03.08.1996 im Ostsee-Stadion in Rostock vor dem Konzert.

 
Im nächsten Jahr, nach über drei Jahren, habe ich mich von der Band distanziert. Einerseits entdeckte ich andere Bands, andererseits gefielen mir manche Seiten an den Kellys nicht wirklich. Auf mich machte es den Eindruck, als stiege ihnen der Erfolg zu Kopf. Vielleicht war dem nie so, ich will gar nicht sagen, dass mein Eindruck korrekt war. Aber ich fühlte mich nicht so richtig wohl und habe jahrelang nicht wirklich etwas mit ihnen zu tun gehabt. Hinzu kam, dass ich überall nur der Kelly-Fan war. Nicht nur in der Schule (da war ich das Image überraschenderweise sogar recht schnell los), sondern vor allem im Umkreis der Familie. Und ich wollte das nicht sein. Ich war nicht nur der Kelly-Fan, ich war so vieles mehr.

 
Ende 2001 habe ich für ein bisschen Weihnachtsmusik bei meinen Schwiegereltern auch zu ein paar Kelly-Songs gegriffen, was recht viel Nostalgie bei mir ausgelöst hat. Mittlerweile gab es ja bereits das Internet (auch bei mir zu Haus und nicht nur in der Schule oder bei Freunden) und somit suchte ich ein bisschen, was die Kellys mittlerweile so machen. Als erstes stolperte ich darüber, dass sie nicht mehr zu neunt auf der Bühne standen.
Ich besorgte mir die verpassten Releases (eBay war dafür sehr hilfreich) und habe dann im April 2002 wieder ein Konzert gesehen, in der Columbiahalle in Berlin. Im Sommer kamen dann noch ein paar Stadtfeste in verschiedenen Städten im Land Brandenburg dazu, außerdem Ende 2002 noch ein Konzert in Hamburg (das gleichzeitig ein Wiedersehen mit verschiedenen Freunden war, sonst wäre ich vermutlich nicht nach Hamburg gefahren).
Das – so glaube ich – letzte Album vor ihrem damals tatsächlichen Ende (oder der sehr langen Pause) hat mir auch nicht mehr wirklich gefallen (tut es auch jetzt noch nicht, ich habe vorhin noch mal in die Hörproben online reingehört). Bis auf ein Song (den ich nachher mit reinpacke) hat die Musik nicht meinen Geschmack getroffen. Was mir heute aufgefallen ist, dass das Album sehr den Weg gezeigt hat, den die einzelnen Geschwister in den folgenden Jahren gegangen sind (worüber ich nicht viel weiß, nur was ich so ein bisschen im Nachhinein mitbekommen habe). Sie haben vieles Neues ausprobiert, was auch gut ist. Nur eben nichts für mich war.

 
Seit sie vor zwei Jahren wieder zurückgekehrt sind – erneut in anderer Besetzung -, habe ich sie noch nicht viel gehört. Ich habe mir die Neuaufnahmen alter Songs vor ungefähr zwei Jahren digital gekauft, weil das alles vertraute Songs waren, aber ich glaube, ich habe das Album einmal gehört, öfter nicht. Das neue Album, eine Art Tribute an ihr erstes großes vor 25 Jahren ist ja erst seit zwei Monaten auf dem Markt. Ich weiß noch nicht, ob ich es kaufen werde, eben auch, weil ich die Kellys insgesamt sehr wenig höre.

 
Warum sind sie dann eigentlich so wichtig für mich?

 
Einerseits, weil sie eben meine Jugend begleitet haben. Von 13,5 bis ungefähr 17 Jahren habe ich überwiegend sie gehört. Neben Radio und Viva, wo natürlich noch so einiges anderes lief. Aber den Rest habe ich so mitgenommen, die Musik der Kellys habe ich gesammelt, Konzerte besucht etc.
Hinzu kommt, dass sie das Image der perfekten Familie hatten. Und die Fans irgendwie auch. Sicher nicht alle, aber die Freunde, die ich damals hatte, waren meine Familie. Vor einiger Zeit hatte ich ja geschrieben, dass ich mich in meiner Familie des Öfteren wie das fünfte Rad am Wagen gefühlt habe und die Kelly Family war meine Zuflucht. Ich habe in der Musik und auch bei den Fans mein Zuhause gehabt. Dort habe ich mich geliebt und beschützt gefühlt. Und ich glaube, das macht einen wichtigen Teil aus, warum diese Band bis heute so tief in meinem Herzen sitzt.

 
Es gab dieses Jahr eine Situation, bei der ich exakt dieses Gefühl meiner Jugend hatte. Jeder andere in meiner Familie geht vor. Zumindest ist es dieses Gefühl, das mir durch Handlungen und Worte immer wieder vermittelt wird.
Und was ist passiert? Ich habe meinen Player mit der Kelly Family gefüttert und das gehört. Es war das, was ich in dem Moment brauchte. Als ich es realisiert habe, habe ich gelacht. Und zugleich geweint.

 
Natürlich hat diese Band mir auch Schmerz beigebracht. Nicht sie selbst, sondern die Reaktionen auf sie.
Es gab in meiner Jugend, in meiner Altersklasse eigentlich nur zwei Extreme: Man hat die Kellys geliebt oder sie gehasst. Alles dazwischen war eher selten. Und wer dem neutral gegenüber stand, hat sich wohlweislich von denen, die sie gehasst haben, ferngehalten, wenn sie Sprüche gerissen haben.
Ich bin wie ich bin, man hat mir damals sehr leicht meine Liebe zu der Band ansehen können. Ich hatte lange Haare (die hatte ich bis kurz vorm Abi überwiegend, außer als Kind und dann in der 6. Klasse, als ich sie habe schulterlang schneiden lassen, doch danach sind sie gewachsen, ohne über viele Jahre eine Schere zu sehen), habe lange, weite Röcke getragen, teils mit Shirt, teils mit Bluse. Und es hagelte nur Sprüche. Kelly war der Name, mit dem ich teils angesprochen wurde. Und zwar abwertend. Ich habe damals teils ähnlich zurückgeantwortet, doch ich denke, auch wenn ich es nach außen nicht gezeigt habe, wenn ich es nicht mal bewusst gemerkt habe, dass das verletzt (auch weil ich in meiner Klasse allein mit dieser Vorliebe war), hat das trotzdem viel mit mir gemacht.
Aber dadurch bin ich auch nur noch mehr zur Musik gekrochen, kaum dass ich zu Haus war.

 
Mit meinen Freunden – die meisten haben leider in anderen Stadtbezirken gewohnt – war es dagegen so anders. Wir haben so viel zusammen gesungen, gespielt und dadurch Spaß gehabt. Ich habe das auch viel allein zu Haus gemacht (ich habe bereits mit 10 gelernt, Noten zu lesen und Gitarre zu spielen, nicht dass ich je über das Akkordspielen hinausgekommen bin, aber für die Kelly-Songs hat das ja völlig ausgereicht). Ich habe mit 16 mit Freunden zusammen Songs im selben Stil geschrieben. Es gab hier in der Nähe regelmäßig sogenannte Kelly-Partys, wo deren Musik gespielt wurde, aber Fans auch deren Songs gespielt haben, aufgetreten sind. Auch ich mit einigen Freunden.

 
Das alles verlor sich nicht nur, weil mein Interesse an der Band abflaute, es ließ irgendwie alles gleichzeitig nach. Die Kelly-Partys fanden nicht mehr statt. Der Kontakt zu einigen der Freunde schlief ein (und damals blieb ja nur das Telefon, Briefe oder persönliche Treffen, die ganzen anderen Kommunikationswege, die wir heute haben, gab es für uns damals noch nicht). Und mein Bild der Band veränderte sich.

 
Mittlerweile ist die Musik für mich immer sehr emotional. Eben wegen all der Dinge, die ich damit verbinde. Meine Jugend an sich, die Zeit des Heranwachsens, des Wandels, in dem ein Mensch in dem Alter ja ohnehin steckt (hormonverseucht ohne Ende). Die Zuflucht von den anderen Dingen, die es damals schon gab und ich doch kein bisschen bewusst erkannt habe. Und eben einfach die Nostalgie der Dinge, die über 20 Jahre zurückliegen. Ich kann keine Dokumentation über sie sehen, vor allem nicht, wenn es um diese Jahre Mitte der 90er geht, ohne mit Gänsehaut und Tränen hier zu sitzen.

 
Um mal ein paar wenige Songs einzuwerfen … Die bekannten Titel kennen vermutlich die meisten.
Eventuell zählt „I can’t help myself“ dazu. Eigentlich ja, meines Wissens ist das eine der meist verkauften Singles von ihnen überhaupt. Trotzdem glaube ich oft, dass „An Angel“ den meisten noch mehr ein Begriff ist.
 
 
 

 
I can’t help myself
 
 
 

 
I wanna be loved

 
Ich habe mich hier für die Album-Version entschieden, weil diese länger ist als die, die auf der Single ist.
Für mich ist dieser Song sehr persönlich, auch wenn ich nicht weiß, ob Maite für sich dasselbe gesehen hat, als sie ihn geschrieben hat, wie ich für mich.
 
 
 

 
Flip a coin

 
Dies ist der oben erwähnte Song des damals letzten Albums, der mir wirklich gut gefallen hat. Er stellt auch eine Veränderung dar, denn er verlässt das klassische Schema, das ich bis dahin von den Kellys kannte. Und die Thematik ist dazu sehr tief, sehr drückend. Die Ton- und Videospur sind leider nicht perfekt identisch, aber bei einem weiteren Video fehlten die letzten zwei Sekunden und in denen steckt noch Text, deswegen gibt es hier lieber etwas geringere Qualität beim Hinschauen. Dies ist vermutlich der Song, den ich heutzutage noch am häufigsten höre.
 
 
 

 
Calling Heaven

 
Als das Album „Almost Heaven“ 1996 rauskam, lief es bei mir hoch und runter. Innerhalb einer Woche hatte ich die Akkorde für alle Titel rausgehört und notiert, spielte das Album nicht nur im CD-Player hoch und runter, sondern auch für mich allein auf der Gitarre. „Calling Heaven“ stach dabei immer auf seine eigene Weise für mich heraus, auch wenn ich bis heute nicht sagen kann, wieso. Er zählt auf jeden Fall zu meinen Favoriten.

 
Und dann habe ich abschließend noch zwei ältere Songs von einem Konzert, die auch auf dem gleichnamigen Live-Album festgehalten worden sind: „Street Life“. Aufgezeichnet im Dezember 1992 auf dem Berliner Alexanderplatz.
 
 
 

 
„Crazy“ berührt vom Text her schon immer mein Herz.

Why am I so, so, so crazy
I think that I’m just an artist

Es sind genau diese Zeilen, die mir aus der Seele sprechen, die Barby dort auf der Bühne auch zeigt.
 
 
 

 
Eine ebenfalls sehr tiefe Bedeutung hat für mich „Break free“.
Was damals nicht bekannt war, aber ich vermute, dass es bereits vorhanden war, ist Barbys psychische Erkrankung. Ich habe keine Ahnung, was genau das ist, ich habe verschiedene Sachen online von Fans gelesen, aber nie etwas offiziell bestätigtes. Allein dass sie bereits 1992 diesen Song gesungen hat, lässt mich das vermuten. Der Erfolg der 90er hat jeden in dieser Familie sehr getroffen, sie haben alle Auszeiten auf die eine oder andere Weise gebraucht, um sich davon zu erholen. Doch ich glaube, Barby hat das alles am schwersten getroffen. Sie kann bis heute nicht auftreten, auch wenn sie gern singt und auch zum neuesten Album diesen Song hier neu aufgenommen hat. Es soll ihr viel besser gehen als früher (dies sind Aussagen ihrer Geschwister), aber eben nicht dafür ausreichend, vollständig mitzumischen. Und wie könnte mich das, in meiner eigenen Situation, nicht berühren.

 
Und das war es dann auch zu einem sehr wichtigen Teil aus meinem Leben, selbst wenn er mehr der Vergangenheit als der Gegenwart angehört. Ganz weg vom Hier und Jetzt wird er wohl nie sein, denn dafür sind zu viele aktuelle Dinge immer noch damit verknüpft.

 
Zu welcher Fraktion gehört ihr? Nicht mögen, egal oder lieben?
Ward ihr in den 90ern auch dabei oder seid es vielleicht jetzt?
Oder sind euch die Kellys (so gut wie) kein Begriff?

 
Bis denne ☆

Depression, keine Buch Berlin und Statusupdate

 
Eigentlich stand in meinem Plan für heute der Bericht zur diesjährigen Buch Berlin. Eigentlich. Denn ich bin Ende November nicht auf der Messe gewesen. Obwohl ich bereits ein Ticket hatte.
Grund ist, dass die Depression wieder hallo gesagt hat. Das war ja letztes Jahr bereits ab Anfang Oktober so. Dieses Jahr hat sie sich zumindest bis Mitte November Zeit gelassen.

 
Nach dem Sommer, nach der Tour im Juni (ja, das ist eine ganze Weile her, aber für mich fühlt es sich nicht so lange an) hatte ich gehofft, diesem monatelangen Tief zu entgehen. Ich habe mich mit allem, das ich aus der Tour mitgenommen hatte, sehr gut durch den Sommer und Herbst gebracht. Ich war kein positiver Mensch, das bin ich noch nie gewesen. Da war kein „jetzt wird alles besser“ in meinem Kopf. Aber ich hatte etwas, von dem ich gezehrt habe. Wo ich mir Energie geholt habe. Und im Grunde glaube ich auch nicht, dass das aufgebraucht ist. Es umgibt mich nicht mehr so sehr wie die ersten Monate nach der Tour, aber es ist noch immer da.

 
Vielleicht ist es die Summe der anderen Ereignisse in diesem Jahr, vielleicht auch nicht.
Und vielleicht hängt es auch mit den derzeitigen zusammen.

 
Ich will darauf jetzt gar nicht detailliert eingehen, das habe ich parallel schon immer so ein bisschen vor allem auf Instagram gemacht.
Meine Katze nimmt seit einem Jahr konstant ab. Wir (meine Tierärztin und ich) haben das auch die ganze Zeit beobachtet, kontrolliert, Theorien überprüft usw. Nun gab es ab Ende November diverse Tests, deren Ergebnisse alle mit einem „negativ“ aus dem Labor zurück kamen. Was insofern nicht hilft, dass weiterhin Anhaltspunkte fehlen. Nach Rücksprache der Ärztin mit dem Labor hat es nun doch noch einen Ansatz gegeben, den wir derzeit testen. Wieder Warten. Wieder Ungewissheit.
Ich kann tatsächlich besser mit negativen Diagnosen umgehen, aber habe etwas in der Hand als mit diesem Nichts, während ich zusehe, wie Shiyuu pro Monat 100 bis 150 g an Gewicht verliert und mittlerweile eindeutig untergewichtig ist.
Da war in den letzten Wochen viel Anspannung dabei, das könnte auch dazu beitragen, dass die Depression sich so richtig einnisten konnte.

 
Nun ist der Winter für mich eh schon schwerer, selbst wenn er sonnig ist (was ich derzeit auch nicht behaupten kann), deswegen gehe ich auch nicht davon aus, dass ich aus dem Loch nennenswert rauskomme, bevor es in den Frühling geht.

 
Depression heißt bei mir nicht zwingend, gar nichts zu tun und nur rumzusitzen.
Einerseits sorgt die Zwangsstörung dafür, dass ich viele Dinge trotzdem tue. Denn das muss ich ja. Weil das alles zwanghaft ist.
Als ich letztes Jahr erkannt hatte, dass es sich um eine Depression handelt (denn das hat eine ganze Weile gedauert), fand ich es spannend zu sehen, ob sie meine Zwänge außer Kraft setzen wird. Hat sie nicht.
Das ist vor vier Wochen tatsächlich passiert. Nicht vollständig, aber im kleinen Rahmen. Das hielt aber auch nur ein paar Tage. Und selbst in denen habe ich nicht dem kompletten Bild depressiver Menschen entsprochen.
Ich war – und das ist sehr sehr untypisch für mich – extrem zurückgezogen. Nicht nur, was den direkten Kontakt mit Menschen vor Ort betrifft. Sondern vor allem online. Ich habe tagelang nicht auf Nachrichten geantwortet, was ich normalerweise nie tue. Das war vermutlich auch das Auffälligste. Darüber hinaus habe ich Unmengen gelesen, an meinen Spaßprojekten und anderen Dingen gearbeitet. Meine täglichen Trackings lagen weit höher als an den meisten Tagen. Alles, was so nicht sehr klassisch Depression ist. Aber auch das hielt nur kurze Zeit, schon allein, weil es dann wieder zu viel Belastung war.

 
Ich bin also so halb wieder in dem Zustand von vor einem Jahr zurück.
Ganz weg war er ja nie gewesen, die Kreativität hat ja bis heute nicht so richtig angeklopft, außer bei meinen Spaßprojekten, die aber eben nur für mich sind. Ich habe das schon vor langer Zeit akzeptiert und für mich ist das immer noch besser als gar nichts zu tun. Ab und zu schweifen meine Gedanken zumindest zu begonnenen Projekten, aber richtig daran arbeite ich trotzdem nicht. Das wird vermutlich auch noch eine ganze Weile dauern.

 
Bis denne ☆

Litcamp Berlin 2019

 
Auch wenn das Litcamp bereits fast fünf Wochen zurückliegt (es hat am 09. und 10.11. stattgefunden), möchte ich meine Eindrücke mit euch teilen.

 
Ich kenne Litcamps namentlich seit ungefähr zwei Jahren. Aber mir fehlte bislang die Möglichkeit an einem teilzunehmen, weil die Fahrten zu den anderen nie drin waren.
Als es dann hieß, dass eines für Berlin organisiert werden soll, war ich froh darüber.

 
Ich hatte nicht viel Ahnung davon, wie das funktioniert, obwohl ich vor allem das Prinzip der Teilgebenden, wie es in Berlin bezeichnet wurde, aus den anderen bereits erkannt hatte (ich war auch sonst nie bei einem Barcamp dabei gewesen).

 
Einige Zeit vor Stattfinden des Litcamps hatte ich den Plan gesehen. Samstag 9:00 Uhr Frühstück zum Kennenlernen. Oje, Socializing auf nüchternen Magen. Das war so ziemlich mein erster Gedanke gewesen. Mir liegt es überhaupt nicht auf andere Menschen zuzugehen. Aber ich wollte dennoch dabei sein. Ich bin für meine Verhältnisse super früh gestartet, habe mich durch das Labyrinth der „Schule für Erwachsene“ begeben (nein, es war sehr gut von den Organisatoren ausgeschildert und deswegen problemlos zu finden) und war sehr pünktlich dort. Wie schon so einige andere.

 
Als erstes bekam ich meinen Ausweis, den Hinweis, wo sich die Toiletten befinden und dann ging es auf in den großen Raum. Dort fand auch das Frühstück statt.
Ich setzte mich irgendwo hin, füllte den Ausweis aus und verbrachte die restliche Zeit für mich. Der Raum wurde nach und nach immer voller und ganz gegen Ende sprach mich eine Person, die sich neben mir niedergelassen hatte, an und es stellte sich heraus, dass sie wie ich im Wortkompass unterwegs ist.
 
 
 

 
Danach ging es mit der Vorstellungsrunde los, bei der erklärt wurde, wie so ein Litcamp aufgebaut ist und im Anschluss auch gleich noch die Sessionvorschläge eingereicht und koordiniert wurden, sodass es pünktlich um 11:00 Uhr mit den ersten Sessions losgehen konnte.

 
Für die Sessions standen drei Räume zur Verfügung, auf die die Sessions aufgeteilt wurden. Das führte dazu, dass der Plan zwei Mal nachkorrigiert wurde. Das war ein wenig verwirrend, aber aus meiner Sicht auch keine zu große Panne.

 
Das Sessionangebot war vielfältig und manchmal hieß es zwischen zwei guten Ideen zu wählen. Ich habe mich dabei hauptsächlich auf die Themengebiete Mental Health und Queerness konzentriert und danach meine Sessions gewählt.
Die Sessions selbst waren sehr angenehm. Kein Lehrer-Schüler-Verhältnis mit einer Person, die referiert und andere hören einfach nur zu, sondern ein großes Miteinander. Dazu wurde auch immer von denen, die ihre Session angeboten hatten, aufgerufen. Nachfragen, Einwürfe, Vorschläge, zu allem waren sie bereit, wir sollten nur nicht damit zögern.

 
Nach den ersten beiden Sessions folgte die Mittagspause von einer Stunde, für die es über einen Caterer Suppe gab. Fragt mich nicht danach, durch meine Angst- wie auch Essstörung hatte ich mein eigenes Essen dabei und kann das Angebot nicht beurteilen. Alles angebotene Essen war vegan, darauf wurde von vornherein viel Wert gelegt.

 
Im Anschluss folgten zwei weitere Sessions von denen ich allerdings die erste ausgesetzt habe, weil mich keines der Themen sehr angesprochen hat und eine kleine ruhige Auszeit angenehm war. In meinem Alltag bin ich überwiegend zu Haus und auch nicht stark ausgelastet und dafür war dieser Tag sehr lang und die Pause willkommen. Die zweite Session drehte sich um die Nutzung der sozialen Medien. Die sind absolut nicht mein Steckenpferd und deswegen wollte ich daran teilnehmen. Es war sehr interessant. Ich habe festgestellt, dass ich einiges intuitiv so mache, wie es dort empfohlen wurde (beispielsweise in der Twitter-Beschreibung in Schlagworten anzugeben, was einen interessiert, als Anknüpfungspunkt für andere), aber eben auch Neues gelernt (seinen Autorennamen bereits frühzeitig als Hashtag nutzen, damit er bereits vergeben und damit quasi gebrandet ist).

 
Es folgte Zeit für Kuchen, von denen alle sehr begeistert waren, ich behaupte also mal, das war ein voller Erfolg.

 
Abschließend gab es eine weitere Session in jedem der drei Räume und danach versammelten wir uns alle für die Feedback-Runde im großen Raum.

 
Für mich endete das Litcamp danach, obwohl es noch weitere Möglichkeiten gab. Einerseits fanden nach dem Abendessen (das jeder außerhalb einnehmen konnte, wo er wollte, auch das wurde durch eine Liste während der Feedback-Runde organisiert, damit – wer wollte – gemeinsam essen gehen konnte) noch Lesungen in den Räumlichkeiten der SfE statt, andererseits gab es eine gemeinsame Schreib-Runde, immerhin war ja NaNo.
Ich habe mich auf den Heimweg gemacht, es war bereits 17:30 Uhr und ich seit achteinhalb Stunden dort, zuzüglich der Reise durch Berlin (Dank Arbeiten an den drei der vier Linien im Osten der Stadt, war das nicht ganz so simpel wie normal und brauchte noch etwas zusätzliche Zeit) war ich im Endeffekt auch elf Stunden unterwegs gewesen und für den Tag komplett fertig mit der Welt.

 
Am Sonntag gab es noch einen weiteren Tag, aber den habe ich zu Haus verbracht. Ich wusste, dem wäre ich nicht gewachsen.
Was ich allerdings online gesehen habe (der Hashtag #LitcampBER hilft weiter), gab es natürlich auch am Sonntag sehr interessante Sessions. Schaut unbedingt mal auf Twitter vorbei.

 
 

Fazit

Das Litcamp war toll. Spannend und ebenfalls aufregend.
Nachteilig war die Kälte in der Location. Das hat so ziemlich jeder angemerkt und das Orga-Team hat auch getan, was es konnte, um aus den Heizungen so viel Wärme wie möglich rauszuholen.
Was ich richtig toll fand, war der Code of Conduct und der Umgang aller Anwesenden untereinander. Jeder war rücksichtsvoll, hat darauf geachtet, bei allen nicht-binären und trans Menschen das richtige Pronomen zu verwenden und einfach inklusiv zu sein. Dieser eine Tag war eine wundervolle Bubble von der ich mir wünschte, dass sie in dieser Hinsicht Alltag würde.

 
Es soll für das nächste Jahr auch ein Litcamp geben und ich hoffe sehr, dass es sich umsetzen lässt.

 
Wart ihr schon mal bei einem Litcamp dabei?
Welche Erfahrungen habt ihr gemacht?
Oder seid ihr neugierig, weil ihr bislang noch nicht die Gelegenheit hattet?

 
Bis denne ☆

Warum wir weniger Binarität brauchen

 
Und warum es mit Gendern allein längst nicht getan ist.

 
Gendern ist wichtig.
Der Differenzierung wegen. Der Diversität wegen. Damit Frauen nicht immer nur mitgemeint sind, wenn das generische Maskulinum verwendet wird.

 
Doch an genau diesem Punkt erschöpft sich das Thema dann auch schon.
Mann und Frau.
Binarität.

 
Nur gibt es eben nicht allein diese beiden Geschlechter, sondern so viele mehr.
Wenn also beim Gendern von Autor_in gesprochen wird, wo sind dann all die nicht-binären Geschlechter?
Sie werden mal wieder nur mitgemeint.

 
Ich kann nicht für alle sprechen, aber zumindest ein Teil von uns fühlt sich eben nicht angesprochen, nicht gemeint, nicht berücksichtigt.
Ich ganz persönlich tue es nicht.

 
Und für mich – und ganz sicher nicht nur für mich – gibt es noch ein ganz anderes Problem.
Ich möchte nicht im binären System von mir sprechen, weil ich nicht in dieses System passe. Ich bin weder Autorin noch Autor. Aber mehr bietet die deutsche Sprache nicht.
Das Gendern ist ein Anfang, doch es ist nach wie vor ausschließend. Nur mitmeinend.

 
Nun ist klar, dass der Wandel weder von jetzt auf gleich noch einfach so passiert.
Doch selbst Ansätze werden im Deutschen ignoriert. Wie dieses Beispiel in einem Twitter-Thread von Alex zeigt. Wobei gerade solche Plattformen und Medien die Reichweite haben, diesen Wandel zu unterstützen.
Stattdessen strotzen sie vor Ignoranz und wir werden wieder ausgegrenzt. Als gäbe es uns nicht.

 
Doch wir sind da.
Wir existieren.
Und wir verdienen denselben Respekt in dieser Sprache wie Mann und Frau auch.

 
Ich will nicht ständig auf Umschreibungen ausweichen müssen, wenn ich über mich spreche. Und ich will nicht umschrieben oder falsch gegendert erwähnt oder angesprochen werden.
Ich will nicht immer nur mitgemeint sein.

 
Dasselbe gilt im Übrigen für die ganzen Bemühungen (die ich nicht falsch, aber eben nicht ausreichend richtig finde) Frauen sichtbar zu machen. Denn erneut fallen alle nicht-binären Geschlechter runter. Sie werden nicht gesehen.
Da werden Listen und Tweets und Instaposts und was auch immer erstellt. Mit Frauen.
Nicht-binäre Personen können nicht eingeschlossen werden. Denn dann werden sie falsch gegendert. Es ist richtig, diese Personen nicht auf diese Listen zu setzen. Aber es macht sie unsichtbar.

 
Warum kann es nicht einfach um Menschen gehen? Und sie mit neutralen Begriffen bezeichnet werden?
Ich weiß, dass es darum gehen soll, weg von der führenden Maskulinität zu kommen. Weg vom generischen Maskulinum. Weg davon, dass Männer an vielerlei Stellen bevorzugt werden, weil wir uns in einem Patriarchat befinden. Und ich stimme diesem Grundgedanken zu.
Doch die Umsetzung sollte nicht schon wieder ausgrenzen und nur eine weitere Gruppe berücksichtigen.

 
Sie sollte alle einschließen. Egal welchen Geschlechts. Egal welcher Ethnie. Egal welches Äußeren. Egal welcher sexuellen Orientierung. Egal wessen auch immer. Es sollte einfach nur um Menschen gehen.

 
Bis denne ☆

Neuer Name – neues Ich?

 
Ich hätte den Beitrag auch „Warum ich jetzt einen neuen Namen habe und wieso er eigentlich überhaupt nicht neu ist“ nennen können, aber das war zu lang.

 
Also, hallo, ich bin Kuro. ^^

 
Seit ich im Februar 2017 in den sozialen Medien unter meinem bürgerlichen Namen (naja, in Kurzform beim Vornamen) gestartet bin, kennen mich die meisten mittlerweile darunter.
Kuro gibt es dagegen bereits seit 2007/2008 und für mich ist das seit langem eigentlich mein Name. Ich bin damit schon lange auch online unterwegs und ich rede mich selbst mit diesem Namen an (wenn ich mir sage, was ich gerade falsch gemacht habe oder mich lobe oder über mich lache usw.).

 
Bis 2012 gab es neben noch älteren Online-Namen nur diesen. Dann zerbrach eine Freundschaft, die ebenfalls eine Schreibpartnerschaft war. Als ich 2013 das erste Mal in ein Schreibforum kam, wollte ich unerkannt bleiben und baute mir eine weitere Online-Identität auf. Ursprünglich habe ich mich dort auch nur angemeldet, um entspannt mitlesen zu können, aber dabei ist es nicht geblieben. Aber diese Identität (ursprünglich Drachenschwinge, woraus ich Riyuu bildete) stand für meine schreibende Seite, während ich andere Interessen weiterhin unter Kuro verfolgte. 2017 habe ich Riyuu hinter mir gelassen und bin eben mit meinem bürglichen Namen ins Internet gegangen, zum ersten mal überhaupt.

 
Mit all den Veränderungen in meinem Leben in den letzten eineinhalb Jahren, dem familieninternen Bruch, der einer der Schritte zu meinem eigentlichen Ich war, will ich nicht mehr alles getrennt halten. Irgendwie ist es das immer noch. Aber eben jetzt auch hier zu Kuro zu werden bzw. es zu sein, ist ein Teil davon.

 
Kuro lehnt sich ohnehin an meinen richtigen Namen an.
Ich mochte Melanie nie wirklich. Als Kind war der Name mir egal, später mochte ich ihn einfach nicht. Auch nicht gängige Abkürzungen, weswegen ich mit Mel die sehr kurze Form gewählt hatte. Einzig die Bedeutung – die Schwarze, die Dunkle – ist, was mir an dem Namen gefällt und genau dort besteht die Verbindung zu Kuro. Kuro ist der Wortstamm für schwarz im Japanischen.

 
Twitter und Instagram sind bereits umbenannt.
Auf Facebook ist das nicht möglich. Denn Facebook schreibt zwar in seinen „Regeln“, dass man den Namen wählen soll, unter dem die meisten einen kennen und es sollte idealerweise der Name sein, der im Ausweis steht, nur stimmt beides bei mir eben nicht überein. Und ich habe in der Vergangenheit bereits einen Account verloren. Er wurde gesperrt und um ihn freizuschalten, soll ich mich mittels Personalausweis oder ähnlichem Dokument ausweisen. Was diese „Regel“ völlig lächerlich macht. Ich habe Freunde, die mich im Japanischkurs mit richtigem Namen kennengelernt haben, doch kaum hat sich der private Kontakt ergeben, haben sie angefangen, mich Kuro zu nennen und wann immer sie mit meinem richtigen Namen konfrontiert sind, irritiert er sie kurz, während Kuro für sie mein Name ist. Ich kann Kuro also nur als weiteren Namen hinzufügen (der, der auf dem Profil in Klammern angezeigt wird) und das mache ich sogar schon seit ein paar Monaten. Es fällt nur nicht auf, solange man nicht aufs Profil geht, was den Namen im Alltag doch wieder sehr unsichtbar macht.

 
Für den Blog/die Seite muss ich noch nach einer Lösung schauen. Mein Hostingpaket enthält nur eine Domain und die kann nicht umbenannt werden. Ob die Möglichkeit besteht, anderweitig nur eine Domain zu kaufen und dann umzuleiten, muss ich schauen. Das Paket hochzustufen, wird wahrscheinlich gleich noch viel mehr Features nach sich ziehen, die ich nicht benötige und somit die Kosten ebenfalls steigen lassen, was ich insgesamt vermeiden will. Dementsprechend bleibt die Domain zumindest vorübergehend bei meinem richtigen Namen.

 
Ansonsten erklärt sich jetzt vermutlich ein bisschen, warum ich als Pronomen K gewählt habe.

 
Ich fühle mich noch längst nicht vollständig, das ist mir vor ein paar Tagen bewusst geworden.
Aber mit jedem Schritt werde ich ein bisschen mehr ein Ganzes. Und ein bisschen mehr ich.

 
Bis denne ☆

Missbrauch durch elterlichen Narzissmus

 
TW: Narzissmus, Kindesmissbrauch

 
Ich habe lange mit mir gehadert, ob ich zu diesem Thema jemals öffentlich schreiben werde.
Eigentlich will ich es, wollte es vermutlich genauso lange, wie ich gehadert habe.
Doch zugleich war da immer dieses Zögern. Denn heute geht es nicht nur um mich.
Es betrifft das gesamte Konstrukt, das gesellschaftlich als Familie bezeichnet wird. Nur im engeren Sinn, also Eltern, Geschwister.
Und das Thema elterlicher Narzissmus.

 
Vorweg möchte ich zwei Dinge anmerken.
Ich habe keine Ahnung, ob irgendjemand aus meiner Familie überhaupt von der Existenz dieses Blogs weiß und wenn ja, hier auch liest. Wenn ja, dann werden sich hier wohl Antworten finden, die auf direkterem Wege zu geben ich nicht in der Lage bin. Ich weiß, dass es gewünscht wird. Und dass ich es abgelehnt habe. Mich würde daher nicht wundern, wenn das, was ich hier jetzt tue, mit „schmutzige Wäsche in der Öffentlichkeit waschen“ assoziiert wird. Was nicht meine Intention ist. Aber ich bin auch nicht mehr bereit zu schweigen. Nur um Menschen zu schützen, während ich jahrelang gelitten habe. Kaputtgegangen bin.
Die andere Sache ist, ich weiß nicht, ob es sich bei allem um eine tatsächliche narzisstische Persönlichkeitsstörung handelt oder es „nur“ starke narzisstische Akzentuierungen der Persönlichkeit sind. Ich werde von Narzissmus reden, weil das eine Wort weniger sperrig als ständige Umschreibungen sind. Die Auswirkungen für mich sind ohnehin dieselben. Und darum geht es im Endeffekt.

 
Ich bin unter einer narzisstischen Mutter aufgewachsen.

 
Ich bin mittlerweile Ende 30 und weiß wissentlich von der Narzissmus-Problematik seit ungefähr eineinhalb Jahren Bescheid. Davor wusste ich nur lange Zeit, dass so einiges nicht wirklich ist wie es sein sollte.
Vielleicht habe ich das schon früh gespürt, ich weiß es nicht.
Es gibt definitiv Erinnerungen an die Zeitspanne meiner Jugend. Zumindest betrachte ich „sich wie das fünfte Rad am Wagen fühlen“ nicht als das, wie es in einer Familie sein sollte.
Ganz eindeutig wusste ich es, als ich rausgeworfen wurde, als ich Kritik geäußert habe. Damals war ich 24. Und in all den Jahren danach sah meine Beschreibung so aus: Oberflächlich stehen wir füreinander ein. Aber irgendwo tiefer ist etwas, das nicht stimmt.
Ich habe über die letzten zwölf Jahre verteilt in meinem digitalen Tagebuch Einträge von Situationen, die ich mit dem jetzigen Wissen anders beurteile als damals. Oder vielleicht auch nicht. Damals war irgendwas unfair, stimmte nicht. Jetzt sehe ich da eindeutig narzisstische Aspekte.
Aus meiner gesamten Kindheit und Jugend gibt es nicht einen festgehaltenen Hinweis. Ich habe mit 10 mein erstes Tagebuch bekommen, doch nirgends etwas festgehalten. Gar nichts über Familie. Weder Positives noch Negatives. Über die Zeit, als damals mein Interesse an Jungs begann. Über Musik, vor allem Konzerte. Aber das wars.

 
Aber ich versuche mal einigermaßen der Reihe nach vorzugehen.
Ich bin das älteste von drei Kindern. Geboren in der ehemaligen DDR, bereits in Berlin. Aufgewachsen erst „in der Stadt“, was die Altbaugebiete meint und als ich gerade 5 war, ging es raus in die neu gebauten Randgebiete. Wir waren mittlerweile zu fünft und brauchten dringend eine größere Wohnung. Meine Eltern waren beide berufstätig, ganz typisch „im Osten“. Soweit ich weiß, bin ich bereits mit sechs Monaten in die Kinderkrippe gekommen, mit 3 gabs den Wechsel in den Kindergarten, mit knapp 7 folgte die Einschulung. Die Rollenverteilung bei meinen Eltern war klassisch, mein Vater handwerklich versiert, Mutter für Haushalt und Kinderbetreuung zuständig, Erziehung lief mehr oder weniger gemeinsam. Als ich eineinhalb war, musste mein Vater für eineinhalb Jahre zur NVA, in der Zeit war ich also hauptsächlich mit Mutter allein, hinsichtlich Familie. Verwandtschaft gab es in Berlin keine, meine Eltern stammen beide nicht von hier.

 
Ich kann nicht sagen, ich hatte eine super schlimme Kindheit oder Jugend. Ich bin nicht permanent überwacht worden. Ich durfte Freunde haben. Wurde nicht an Schulleistungen gemessen.
Und da rede ich von Narzissmus?
Ja. Eine sehr subtile Form. Die es sicher auf so mancher Ebene leichter gemacht hat. Ich bin durchaus dankbar, dass ich Privatsphäre erleben durfte. Freunde treffen durfte. In den Arm genommen wurde. Für eine 2 in der Schule nicht als dumm bezeichnet wurde (okay, ich war die einzige Person, die überhaupt auf dem Gymnasium war und das nicht nur in diesem Familienteil, auch was meine Cousinen und Cousins betrifft, bin ich die einzige, aber ich bin sicher, dass das keine Rolle gespielt hätte, wäre alles weniger subtil gewesen). Der Nachteil daran ist allerdings, dass alles viel weniger auffällig ist. Es wird nicht gesehen. Und ich bin sicher, jeder, der meine Familie kennt, wird auch jetzt noch keine Probleme darin sehen. Die schaffe derzeit nur ich, seit ich mich schütze und damit alles an diesem Konstrukt zum Einsturz bringe.

 
Ich kann nicht sagen, wann mir das erste Mal bewusst war, dass etwas falsch ist.
Denn lange Zeit hat sich alles normal angefühlt. So, wie ich es aus Filmen und Büchern, aus Erzählungen anderer kannte. Mutter hat mich als Kind versorgt, wie eine Mutter das zu tun hatte. Füttern, wickeln, baden, spielen/beschäftigen. Ich bekam nicht jeden Wunsch erfüllt, aber ich glaube auch nicht, dass einem Kind das zugute kommt, wenn dem so ist. Ich habe Regeln und Grenzen kennengelernt und laut der Erzählungen war ich von uns drei Kindern in der Hinsicht am folgsamsten, am einfachsten. Ob das nun nur an meiner Persönlichkeit lag, weiß ich natürlich nicht.

 
Vielleicht war es in meiner Jugend.
Denn zumindest spätestens da muss das Gefühl entstanden sein, das fünfte Rad am Wagen zu sein. So habe ich mich damals teilweise gefühlt. Und so fühle ich mich bis heute. Nicht immer, aber es kommt vor.
Meine Eltern haben sich früher viel gestritten. Oft ging es dabei um die Erziehung meines Bruders und sie waren unterschiedlicher Meinung. Anders als heute ist mein Vater früher regelmäßig allein zu meiner Oma gefahren, ich vermute zu einem gewissen Teil aufgrund dieser Auseinandersetzungen, aber vorrangig wird es an unserem Alter gelegen haben – wir waren zu jung, um übers Wochenende allein zu bleiben. Auf jeden Fall sind es diese Wochenenden, die mir in der Hinsicht in Erinnerung geblieben sind. Ich war schon immer zurückgezogen, brachte meine Zeit viel in meinem Zimmer zu (und damals war noch nichts mit PC, geschweige denn mit Internet). Ich habe gelesen, gestrickt, gehäkelt, irgendsowas. Musik gehört. Ganz eindeutig Musik gehört. Tage später saßen wir in der Familie zusammen, sei es beim Essen oder in anderen Situationen und es fielen Aussagen zwischen meinen Geschwistern und Mutter. Ich wusste nicht, worum es geht und habe nachgefragt. Die Antwort von Mutter sah in etwa wie folgt aus: Na, das habe ich doch dann und dann erzählt. Und ich dachte: Ist dir aufgefallen, dass eines deiner Kinder nicht dabei war?
Das war in meiner Jugend.

 
Wie sehen solche Familien eigentlich aus?
Für gewöhnlich gibt es einen, vielleicht sogar zwei narzisstische Elternteile (in letzterem Fall kämpfen beide ständig um die Dominanz, weil Narzissten Macht brauchen). Ist es nur einer und die Beziehung mit der_m Partner_in bleibt bestehen, tut diese_r eines: si_er enabled (ich werde mich hier des Öfteren auf das englischsprachige Vokabular stützen, weil darüber einfach mehr Informationen zu finden sind und ich überwiegend englischsprachige gelesen habe). Wie, das ist vielfältig. Manche Partner_innen nehmen stillschweigend hin und halten sich überwiegend raus. Andere verteidigen sofort, beschuldigen das/die Kind/er vielleicht sogar und unterstützen den narzisstischen Elternteil damit aktiver.
Außerdem gibt es das sogenannte Golden Child und Scapegoat(s). Letztere können sich auf mehrere Kinder (und/oder di_en Partner_in) beziehen, müssen es aber nicht.

 
Was ich mit Sicherheit sagen kann: in dem Konstrukt meiner Familie ist mein Bruder das Golden Child. Besser ist er damit auch nicht dran, auch wenn es erstmal so klingt, eigentlich sogar noch schlimmer. Da sich alles auch nicht so intensiv auf ihn auswirkt, sondern subtil bleibt, wirkt es aus meiner Sicht für ihn nur sehr positiv, bleibt aber ebenso schädlich. Andere Golden Children dagegen sind von ihren narzisstischen Elternteilen ebenso erdrückt, belastet usw. wie die Scapegoats es sind, weil in diesen Familien die Golden Children die perfekten Vorzeigekinder sind (Stichwort: Alanis Morissettes „Perfect“).
Mich als Scapegoat zu bezeichnen, ist richtig, auch wenn es mir durch die Subtilität schwerfällt (genau das ist eines der Probleme daran, es löst immer und immer wieder Zweifel und Schuldgefühle aus).
Es wird immer mit zweierlei Maß gemessen, zumindest was meinen Bruder und mich betrifft (doch auch darüber hinaus), die Rolle meiner Schwester kann ich nicht richtig einstufen.

 
Ich denke am prägendsten war tatsächlich der Rauswurf.
Damals bin ich gerade bei meinen Eltern ausgezogen. Wir hatten am Vortag so ziemlich alles in meine Wohnung gebracht, viel war es nicht. Es lief nicht alles nach Plan – wann tut es das schon – aber die Verzögerungen hielten sich in Grenzen, insgesamt haben wir geschafft, was wir schaffen wollten. Mutter war allerdings komplett angefressen, wie sie es immer ist, wenn etwas nicht so läuft, wie sie es sich vorgestellt hat und ihre Wut dann auch an jedem um sie herum auslässt.
Am nächsten Tag sollte es noch einmal in meine Wohnung gehen und ich hörte, wie sie im Nebenzimmer nach dem Frühstück zu meiner Schwester sagte, dass sie eigentlich gar keine Lust hat, sie hätte noch vieles anderes zu tun. Und das nicht nur als Äußerung, sondern da war weiterhin diese schlechte Laune, schon beim Essen. Ich bin am Abend zuvor vollständig ignoriert worden, ob das für den Morgen auch noch galt, weiß ich nicht mehr.
Und ich hatte die Nase voll. Den gesamten Tag zuvor hatte ich das stillschweigend hingenommen. Ich war 24. Ich war erwachsen. Und ich sagte ihr den Spruch, den ich mein ganzes Leben in solchen Situationen von ihr zu hören bekommen hatte: Wenn du so drauf bist, will ich dich nicht dabei haben.
Womit ich eine Grenze überschritten habe. Ich kann nicht mehr sagen, wie sie sich mir gegenüber geäußert hat. Außer, dass ich undankbar bin. So gut ich konnte, habe ich ihr erklärt, was ich meinte (ich kann in solchen Situationen nicht gut reden, weil sich mein Hals zusammenzieht). Sie tat es ab (auch ein ganz typisches narzisstisches Verhalten). Als ich ins Spiel brachte, dass auch mein Freund das geäußert hätte, waren wir ihrer Ansicht nach beide zu empfindlich. Und als sie merkte, dass ich nicht klein beigebe, sagte sie, ich solle ihre Wohnung verlassen und erst wiederkommen, wenn ich mich entschuldigt habe.
Nun ist das allein schon schlimm genug. In einem Streit, in dem ihr die Argumente ausgingen und sie dennoch ihre Machtposition mir gegenüber verteidigen musste, hat sie mich rausgeworfen.
Aber, da war ja noch diese andere Situation.
Einige Zeit zuvor saß mein Vater mit einem Kumpel in der Wohnung meiner Eltern an einem Vormittag am Wochenende, sie schauten sich ein Formel-1-Rennen an. Wie bei beiden üblich, tranken sie dazu ein Bier und etwas Schnaps. Die Tochter des Kumpels war mit meiner Schwester befreundet und deswegen auch in der Wohnung. Und sie bezeichnete beide – ihren eigenen Vater wie auch meinen – als Alkis. Worauf mein Vater sie der Wohnung verwies. Ich kann nicht sagen, ob der Alkohol mit reingespielt hat, denn wie ich ihn einschätze, hätte er das damals auch im komplett nüchternen Zustand getan. Mutter befand sich zu dem Zeitpunkt nur im Nebenzimmer und kam auf die Aufforderung meines Vaters hinüber und sagte, dass aus ihrer Wohnung niemand herausgeworfen würde.
Und mit dieser Situation wiegt mein eigener Rauswurf noch einmal viel schwerer. Es geht nicht darum, dass niemand rausgeworfen wird. Das passiert nur nicht, solange Mutter nicht das Ziel von Kritik ist. Ist sie es, dann kann sie ihr eigenes Kind rauswerfen. Ist jemand anderes Ziel der Kritik, dann darf selbst eine familienfremde Person nicht der Wohnung verwiesen werden. Womit sich das Messen mit zweierlei Maß ein weiteres Mal zeigt.

 
Zusätzlich kommt dann noch die Zeit um den Beginn des letzten Jahres ins Spiel. Mein Bruder hat seine Wohnung nach einer Trennung renoviert. Seine Zeitverhältnisse zu der Zeit waren nicht anders als meine zu meinem Auszug (unsere Lebenssituationen sehr unterschiedlich, aber die zur Verfügung stehende Zeit eben nicht). Dennoch benötigte er dreieinhalb Monate, bis er fertig war. Ich dagegen hatte gut einen Monat gebraucht, obwohl ich damals meine Wohnung komplett renovieren musste (bedeutet alle Wände tapezieren und streichen, das hatte ich mit der Vermietung so ausgehandelt, weil ich dadurch knapp einen Monat mietfrei rein konnte und ohnehin keine einfach weißen Wände haben wollte, dafür würden sie eben nicht renovieren). Also auch hier hat sich der Aufwand nicht nennenswert unterschieden. Bei mir war Mutter damals nach der Zeit schon der Meinung, das dauert alles ganz schön lange. Bei meinem Bruder letztes Jahr sagte sie nur: „Er ist halt gründlich“.

 
Wenn sich je jemand fragt, weswegen ich ein extrem hohes Bedürfnis nach Gleichbehandlung, Fairness und all dem habe, da ist die Antwort. Warum ich schwer und nie vollständig vertrauen kann, auch da spielt das mit hinein. Warum ich ebenfalls ein sehr hohes Bedürfnis nach Ehrlichkeit habe, auch das findet sich über all diese Situationen. Warum ich extrem auf Ignoranz reagiere? Deswegen (wobei ich durchaus auch zu Ignoranz neigen kann, aber dann existiert auch keine Freundschaft (mehr) oder sie hat nie bestanden).

 
Diese ganze Rauswurf-Situation fand damals im November statt (ja, ich kenne auch noch das genaue Datum, aber ich verschone euch damit).
Ich bin direkt aus der Wohnung raus, weil Mutter keinerlei Argumentationsversuche mehr zuließ, sondern nur wiederholte, dass ich gehen soll und erst wiederkommen dürfe, wenn ich mich entschuldigt habe. Draußen habe ich meinen Freund angerufen und er kam, ging in die Wohnung und holte erstmal noch meine restlichen Sachen, die ich zum Übernachten dabei gehabt hatte. Ich war so schnell draußen gewesen, eine Weile später rief mein Vater mich an, weil er komplett verwirrt war, was da eigentlich geschehen war.

 
Bis Weihnachten habe ich die Wohnung nicht mehr betreten. Ich durfte mittlerweile zwar theoretisch wieder, glaube ich, aber das weiß ich nicht mehr sicher. Ich weiß aber, dass ich Weihnachten kommen durfte, so als wäre etwas anderes ohnehin nicht denkbar gewesen (obwohl ich mich bis heute nicht entschuldigt habe, ich fand ihre Forderung danach schon damals unangemessen, im Zusammenhang mit ihrem Verhalten am Vortag). Der nächste typische Punkt für Narzissten: Sie reagieren drastisch, aber sie brauchen auch ihre Opfer, um sie auszusaugen, Narzissten werden immerhin auch als Energievampire bezeichnet. Es wächst also meist recht schnell Gras über die Sache, solange die Gegenseite das mitmacht. Und das habe ich getan. Über sehr viele Jahre. In denen ich keine Kritik mehr geübt habe. Manchmal gab es den Ansatz, aber nie so weitreichend wie damals.

 
Beispielhaft ist hier mal eine der Situationen, die ich in meinem digitalen Tagebuch festgehalten habe, besser spät als nie, denke ich jetzt, denn bis ich sie im letzten Jahr dort wiederentdeckt habe, hatte ich sie aus meiner Erinnerung gestrichen: Einmal gab es eine Situation, da habe ich mit Mutter telefoniert und sie war mit einer Reaktion von mir nicht zufrieden und hat einfach aufgelegt. Das hätte ich mir mal erlauben sollen, wären unsere Rollen vertauscht gewesen. Da war ich übrigens bereits Mitte 30. Da damals der Akku des Telefons meiner Eltern auch immer nur sehr kurzlebig war, habe ich erst gewartet, weil bei so einem Zusammenbruch der Leitung meine Eltern sich normalerweise wieder gemeldet haben, aber als nichts kam, habe ich wieder angerufen. Ich sagte ihr, dass sie plötzlich weg gewesen war und sie antwortete mir ganz direkt, dass sie aufgelegt habe. Weil ihr mein Ton nicht gepasst habe. Und danach plauderte sie munter weiter, obwohl ich ganz still geworden war. Selbst auflegen konnte ich nicht. Denn dann könnte es ja passieren, dass sie mich quasi wieder rauswirft.

 
Das ist damit nämlich passiert: Ich hatte Angst. Ich hatte über viele Jahre beständig Angst davor, was ich zu Mutter sagen darf und was nicht.
Denn ich war abhängig von ihr. Was ja bei den toxischen Beziehungen, die narzisstische Menschen mit sich bringen, sehr typisch ist.
Eigentlich war ich alt genug und hätte mich jederzeit lösen können müssen, aber dem war eben nicht so. Einerseits weil es schon schwer ist, vor allem, wenn man nicht erkennt, was genau schiefläuft. Andererseits weil es sich eben um die Mutterperson handelt. Da spielt weit mehr als die theoretische Bindung zwischen Mutter und Kind mit rein, da kommt die ganze Gesellschaft hinzu, die Medien. Ich wusste, dass da was nicht stimmt. Es hat mich über Jahre immer wieder geärgert, dass ich nicht ich sein darf, ohne zu riskieren, wieder so behandelt zu werden. Und für mich war das die schlimmere Vorstellung. Also habe ich geschwiegen. Während Mutter immer erzählt hat, dass man ehrlich sagen können solle, wenn etwas nicht passt. Sobald es um andere Menschen ging. Ging es um sie, war es eben nicht möglich.

 
Als ich 2014 mit der Dysthymie konfrontiert wurde und das Beispiel von Frau A gelesen habe, habe ich natürlich auch in Gedanken gesucht, wo bei mir der Auslöser liegen könnte. Eine alleinerziehende Mutter hatte ich nicht gehabt. Aufmerksamkeit und Beachtung als Belohnung für Unterstützung ist bei mir auch nicht gerade ein Zugpunkt. Aber ich entwickelte die Überlegung, ob mein Status als erstgeborenes Kind reinspielen könnte. Dass ich quasi eifersüchtig auf die Geburten meiner Geschwister reagiert habe. Damit wäre Mutter auch irgendwo der Grund gewesen, nämlich weil sie mir weniger Aufmerksamkeit geschenkt hat als zuvor. Weil ich sie teilen musste. Schuld wäre aber ich gewesen, denn was kann sie dafür, wenn ich mit dem Teilen nicht umgehen kann. Ich habe mich unzählige Nächte in den Schlaf geweint, weil ich dachte, ich kann doch die Person, die meine Mutter ist, nicht verantwortlich machen, so etwas geht doch nicht. Sie ist doch eine Mutter.
Das entsteht vor allem aus dem Gesellschaftsdruck heraus.

 
Dann kam dieser Tag in meiner ehemaligen Therapie.
Ich hatte zu dem Zeitpunkt einige Nachrichten mit einem Menschen ausgetauscht, die mich und mein familiäres Umfeld betrafen und dort stand noch eine Antwort aus, wozu die Person zu dem Zeitpunkt nicht in der Lage war. Ich hatte eine andere Vermutung als es tatsächlich war, was dem zugrunde liegt, aber egal, was die Ursache war, es war okay.
Bis eben zu diesem Mittwoch.
Meine Therapeutin und ich sprachen ein paar Situationen genauer durch. Und auf eine sagte sie: Das ist aber ein ganz schön stark narzisstisches Verhalten [seitens Mutter].
Und in meinem Kopf machte es klick. Die ausstehende Antwort dieser einen Person stand plötzlich in einem ganz anderen Licht und fügte sich perfekt ins Bild.
Noch am selben Abend habe ich sie gefragt, ob das was mit dem Thema Narzissmus zu tun hat und die Person bestätigte mir dies.

 
Ich wusste damals nicht viel über Narzissmus. Nur, dass er toxisch ist und ein Loslösen absolut notwendig. Und genau das tat ich, von einem auf den anderen Tag. Diese Erkenntnis war der Antrieb, der mir all die Jahre gefehlt hatte.

 
Es vergingen Tage, Wochen, Monate, in denen ich immer wieder gelesen und mich ausgetauscht habe. Nicht ununterbrochen, dafür ist das Thema viel zu emotional für mich (ich schreibe diesen Beitrag hier auch in teils sehr kurzen Etappen, um nicht zu tief darin zu versinken). Tage, Wochen, Monate, in denen ich den Abstand aufrechterhielt. In denen meine Therapeutin mich nicht verstehen konnte, warum ich das Mutter gegenüber nicht kommuniziere. In denen meine Therapeutin mich bedrängte, Mutter zu sagen, warum ich distanziert bin, denn es fühle sich echt bescheiden an, wenn plötzlich der Kontakt weg ist und man nicht weiß, wieso. Ja, das glaube ich, es ist dennoch meine Entscheidung und Druck von außen hilft nicht. Es hat dazu geführt, dass ich die wenigen letzten Sitzungen jedes Mal auch davor Angst hatte, dass es wieder dazu kommen würde, dass besagte Therapeutin mich bedrängt (und ja dann endgültig in dem Tränentelefonat endete, das ich schon einmal erwähnt hatte und bei dem ich die narzisstischen Muster erkennen konnte, weil ich die Monate zuvor viel gelesen hatte).

 
Ich wusste sogar ziemlich schnell, dass ich den kompletten Kontaktabbruch möchte, dass ich ihn brauche. Aber ich wusste nicht, wie ich das vermitteln soll. Ich habe insgesamt wenigstens ein Jahr gebraucht, ihn umzusetzen, aber mittlerweile liegt dieser Schritt hinter mir. Durch einen sehr kurzen Brief, ohne ausführliche Erklärungen. Weil ich das eben nicht konnte. Es ist etwas anderes, das direkt zu adressieren oder hier allgemein über meine Erfahrungen zu erzählen. Für mich zumindest.
Ob andere Menschen das verstehen, weiß ich nicht. Aber das spielt keine Rolle. Es muss hier gerade nur um mich gehen. Nicht um andere zu verletzen, sondern weil ich kaputt bin und auf mich achten muss. Mich schützen muss.

 
Wenn man sich die meisten Informationen zu Narzissmus anschaut (ob nun elterlich oder auch auf anderer Beziehungsebene), sind die Anzeichen weit auffälliger. Das habe ich auch auf der Seite Daughters of Narcissistic Mothers festgestellt. Auf dieser Seite habe ich wohl am meisten gelesen. Allein die ausführliche Auflistung der Charaktereigenschaften war für mich erschlagend. Und doch habe ich anfangs bei den meisten von ihnen gezögert, weil kaum etwas so plakativ auf mich zutraf (außer Punkt 23). Doch je öfter ich die Texte gelesen habe (und das war bei der Menge nötig), habe ich doch Situationen erkannt, oft eben nur viel subtiler. Mal wieder. Insgesamt bin ich bei 16 der 24 Punkte, zu denen ich Beispiele finde. Manchmal sehr klein und für sich allein wären sie längst kein Anzeichen für Narzissmus oder eine starke narzisstische Persönlichkeitsakzentuierung. Aber die Summe hat den Schaden verursacht.

 
Und auch wenn ich mir sehr sicher bin, dass so ziemlich jeder im Umfeld mir nicht zustimmen würde, Erklärungen, Entschuldigungen und was auch immer finden würde, kann ich das nicht länger ertragen. Ich habe das viel zu lange getan. Deswegen bin ich gegangen. Und ich wünsche mir, dass dem ganzen mehr Beachtung geschenkt wird. Im realen Leben wie auch in den Medien. Narzissmus ist nicht immer klar offensichtlich und kommt mit Pauken und Trompeten daher, er kann auch sehr unterschwellig auftreten. Gerade diese Repräsentation in Medien halte ich für wichtig, damit Menschen dafür sensibilisiert werden können.
Hinzu kommt, dass in meinem Fall nicht der Vater der narzisstische Elternteil war, sondern die Mutter. Eine Mutter, die ihren Kindern schadet, die sie misshandelt, sowas ist in unserer Gesellschaft noch immer ein Tabuthema. Und sollte gerade deswegen viel stärker repräsentiert werden. Dabei rede ich nicht von vorsätzlichem Missbrauch, der tritt bei Narzissten wenig auf. Es geht selten um das Vorhaben, den anderen zu schaden. Und ich weiß ebenfalls, dass Mutter eine schwierige Kindheit und Jugend hatte. Aber so schlimm das ist, ändert es nichts daran, dass mich ihr Verhalten kaputtgemacht hat. Und wie gesagt, es muss hierbei um mich gehen.
Ein weiterer Grund für die immer wiederkehrenden Zweifel ist also der gesellschaftliche Druck, eine Mutter immer zu lieben, sie zu ehren. Sie hat es ja nicht absichtlich getan. Genau das ist eine dieser Entschuldigungen/Rechtfertigungen, die alles, was Opfern von elterlichem Narzissmus angetan wurde, relativiert, den Missbrauch abspricht. Der aber stattgefunden hat. Und im schlimmsten Fall sehen Menschen wie ich sich damit konfrontiert, dass sie alles zerstören, indem sie aus diesem toxischen Konstrukt ausbrechen. Ich musste mir diesen Vorwurf bislang nicht direkt anhören. Ich habe keine Ahnung, ob er in irgendwelchen Köpfen gedacht wird. Ich habe bislang nur endlose Rechtfertigungen und Entschuldigungen erzählt bekommen, warum diese oder jene Situation so gewesen sein wird. Und abstruse und teils an den Haaren herbeigezogene Vergleiche, wie sich das für Mutter anfühlen muss. Aus Sicht einer Mutter.
Noch mal, es geht hier um mich. Warum wird Opfern immer noch erzählt, sie sollen doch Verständnis für die Täter haben? Nein! Das ist die einzig richtige Antwort. Und dementsprechend handele ich. Das muss niemand anderes tun, das erwarte ich von niemandem. Was ich erwarte, ist Akzeptanz, Toleranz und Respekt hinsichtlich meiner Entscheidungen.

 
Nela hat hat die Aktion [Writing] About Us ins Leben gerufen und ich möchte diesen Beitrag dazu beisteuern.
Zu ähnlicher Thematik wie meine Erfahrungen gibt es einen Beitrag von Nela selbst „Kindesmissbrauch durch die Mutter“ und einen von Serenity „Kindesmissbrauch durch die Eltern“. Beiträge zu anderen Themen finden sich ebenfalls auf [Writing] About Us.

 
Bis denne ☆

Sensitivity Reading

 
Der Begriff Sensitivity Reading sorgt seit einiger Zeit für Aufregung in der Autorenszene.
Und ich verstehe nicht, wieso.

 

Doch was ist das überhaupt?

Sensitivity Reading ist im Grunde ein möglicher Schritt im Lektoratsvorgang, bei dem eine Geschichte auf bestimmte sensible Themen von Menschen, die sich damit auskennen (in der Regel sind es sogenannte Own-Voices, also Menschen, die auf Basis ihrer eigenen Erfahrungen reden), geprüft wird. Hierbei geht es darum, vorurteilbehaftete oder fehlerhafte Darstellungen, die sich in den Köpfen eingenistet haben, zu vermeiden. Noch mehr Infos dazu findet ihr auf der Seite Sensitivity Reading.

 

Warum ist das so wichtig?

Wie schon erwähnt, es gibt eine Menge klischeebehafteter Vorstellungen oder sogar welche, die nicht der Realität entsprechen, die immer wieder in Büchern auftauchen und damit nur noch mehr Vorurteile und Klischees erschaffen. Die ein Bild erschaffen, dass etwas nur so und so sein kann, aber nicht anders. Obwohl die Realität weit vielfältiger ist.
Und auf genau solche Umstände weisen Sensitivity Reader hin.

 
Wie bei einem Lektorat geht es nicht darum, die schreibende Person zu bevormunden, sondern sie darauf hinzuweisen, was in ihrer Geschichte problematisch ist. Welche Hinweise sie annimmt, liegt ebenfalls in ihrer Entscheidung.

 

Aber gibt es denn überhaupt den einen richtigen Weg?

Über diese Frage habe ich selbst sehr lange nachgedacht.
Nein, es gibt nicht diese eine korrekte Darstellung.
Viel eher gibt es aber Szenarien, die für Betroffene verletzend sind und dennoch in Büchern auftauchen, die deswegen durchaus generell vermieden werden sollten. Während es für andere durchaus eine Vielfalt an Möglichkeiten gibt. Hier wird es vom Sensitivity Reader und ihren_seinen eigenen Erfahrungen abhängen, was si_er empfiehlt. Und wie viel Austausch mit anderen Betroffenen si_er hat.
Beispielsweise habe ich in einem anderen Beitrag über mich erwähnt, dass ich weder ein klassisches Outing hatte noch dass ich bisher Anfeindungen ertragen musste. Dennoch existieren diese natürlich wie auch je nach persönlichem Umfeld die Angst vor dem Outing. Was nun zur Geschichte passt, muss letztlich die schreibende Person entscheiden. Aber allein durch Hinweise von Sensitivity Readern, kann sie Anregungen bekommen, wohin sich alles entwickeln kann, nach Möglichkeit ohne den gesamten Plot zu sprengen (ich glaube, das passiert auch nur, wenn die Geschichte bislang weitab der Realität erdacht ist).

 
Die Möglichkeit mit Sensitivity Readern zusammenzuarbeiten, bietet einfach Raum zur Entwicklung, nicht nur der Geschichte, sondern auch für die schreibende Person selbst. Und wäre sie nicht an bestimmten sensiblen Themen interessiert, würde sie vermutlich nicht über sie schreiben.

 
Habt ihr schon Erfahrungen mit Sensitivity Reading gemacht?
Wie war sie für euch?
Oder ist das Konzept für euch neu?

 
Bis denne ☆

Warum Triggerwarnungen wichtig sind

 
Triggerwarnungen sind Zensur.
Das ist die Aussage schlechthin, die von Gegnern erfolgt.

 
Dabei ist das überhaupt nicht der Fall.

 
Denn niemand verbietet Autoren, über etwas zu schreiben. Und Triggerwarnungen tun das auch nicht. Sie helfen aufgrund ihres Vorhandenseins lediglich Menschen, sich zu entscheiden, ob sie sich bestimmten Themen in Geschichten aussetzen möchten oder nicht. Gehen diese Inhalte sicher aus dem Klappentext hervor, ist die Angabe von Triggerwarnungen nicht zwingend nötig, kann aber unterstütztend eingesetzt werden.

 

Wozu brauchen manche Menschen denn überhaupt Triggerwarnungen?

Menschen sind unterschiedlich. Das ist die wichtigste gedankliche Grundvoraussetzung, wie ich finde. Denn nur weil di_er eine gut und sicher im Leben steht, entweder keine negativen Erfahrungen machen musste oder aber sehr gut mit ihnen umgehen kann, bedeutet das nicht, dass das auf di_en andere_n zutrifft. Und um rücksichtsvoll miteinander umzugehen, sollte hier immer gelten, dass diejenigen, denen es gut geht, auf die anderen Menschen aufpassen sollten. Was in diesem Fall nichts anderes bedeutet, als Betroffenen die Möglichkeit zu geben, im Vorfeld zu sortieren, ob sie sich dem/n behandelten Thema/en gewachsen fühlen oder nicht. Das tut niemandem weh, kann aber Betroffenen helfen, nicht getriggert zu werden.

 

Welche Trigger gibt es?

Unzählige.
Im Grunde kann alles ein Trigger sein.
„Aber dann kann ich doch gar keine Triggerwarnung drauf setzen.“

 
Doch, denn:

 

Vor welchen Triggern sollte gewarnt werden?

Auch hierfür gibt es keine pauschale Antwort.
Aber es gibt eine Liste auf Alpakawolken mit den gängigsten Triggern.
Natürlich gibt es endlose weitere, da spreche ich aus eigener Erfahrung. Aber ich verstehe eben auch, dass es schwierig wird, je weniger Menschen von denselben Triggern betroffen sind, je alltäglicher die Trigger sind (und jetzt kommt mir bitte keiner mit „Tod“ ist alltäglich, ja, natürlich sterben täglich Menschen, aber das ist kein Grund dafür).
Weitere Themen können immer auch gelistet werden, diese Liste dient nur zur Orientierung über die bekanntesten und häufigsten Trigger.
Und es ist natürlich auch ein bisschen vom Genre abhängig, welche Triggerwarnungen sinnvoll sind. In Krimis ist das Thema Tod sicher nicht so überraschend wie in einem Liebesroman.

 

Wo sollten Triggerwarnungen in Bücher positioniert sein?

Manche Autor_innen setzen sie vorn ins Buch, damit sie nicht übersehen werden können.
Andere platzieren vorn nur einen Hinweis, wo im Buch (für gewöhnlich hinten) die Triggerwarnungen stehen. Damit können diejenigen, die keinerlei Triggerwarnungen brauchen und lesen wollen völlig unbedarft in die Geschichte einsteigen, diejenigen, die sich absichern wollen, finden die Triggerwarnungen dann an der entsprechenden Stelle.

 

Aber wird die Geschichte damit dann nicht gespoilert?

Nein, denn Triggerwarnungen sind allgemein. Wenn ihr euch die verlinkte Liste anschaut, seht ihr, dass dort lediglich Themen stehen, keine expliziten Darstellungen. Wie das jeweilige Thema umgesetzt ist, wird also überhaupt nicht verraten. Wenn der Plottwist daraus besteht, dass die schockierende Wirkung nur aufgrund der Unvorhersehbarkeit eines solchen Themas besteht, dann sollte der schreibende Mensch vielleicht noch an seinen handwerklichen Fähigkeiten feilen, damit die Geschichte auch noch spannend ist, obwohl das Thema erwähnt wird.

 
Ich denke übrigens, dass das nicht nur für Bücher gilt, sondern für den allgemeinen Umgang miteinander. Wenn ihr etwas in den sozialen Medien postet, verseht doch bitte eure Posts mit Triggerwarnungen bzw. gewöhnt es euch an. Ich weiß, dass das manchmal noch etwas überflüssig erscheinen kann, so geht es mir zumindest auf Twitter, dennoch finde ich die Entwicklung wichtig.

 

Warum ich das auf Twitter teilweise überflüssig finde?

Ich weiß ja nicht, wie das bei euch so ist.
Aber wenn gepostete Bilder mit Triggerwarnungen (bzw. Content Notes) versehen sind, bringen sie mir gar nichts. Bevor mein Hirn den Inhalt des Textes erfasst hat, hat es das Bild schon gesehen. Hierfür fehlt bei Twitter meiner Ansicht nach eine Spoilerfunktion, die man für jeden einzelnen Beitrag aktivieren kann, um eben die Bilder in den Spoiler zu packen.
Vielleicht ist das bei anderen Menschen anders, für mich gilt aber genau das.
Dennoch ist das eine Sache, die in Zukunft angepasst werden könnte (ich erinnere mich an Zeiten vor ungefähr fünf Jahren, als Twitter alle Bilder erstmal versteckt hatte und man sie anklicken musste, die generelle technische Möglichkeit für das Verstecken ist also gegeben, die selektive Option müsste aber natürlich angeboten werden). Und ja, ich weiß, jeder kann einstellen, dass sensible Inhalte nicht angezeigt werden. Aber ums mal sehr klar zu sagen, diese Funktion ist absolut lächerlich. Da werden simple Portraitbilder von Menschen versteckt, auf denen absolut nichts sensibles gezeigt wird. Und es fehlt immer noch die Option der Person, die postet, zu entscheiden, das Bild sicher zu verstecken, sondern jede betroffene Person muss hoffen, dass der maschinelle Filter von Twitter jegliche mit für diese Person behafteten Triggern auch wirklich aussortiert und damit versteckt. Und nein, soweit sind die Algorithmen einfach nicht, sie sind nun mal keine Menschen.
Dass Twitter technisch da noch hinterherhinkt, macht aber den grundsätzlichen Sinn von Triggerwarnungen auf Twitter nicht überflüssig. Nur die momentane Umsetzung ist schwierig.

 
Also ja, es braucht unbedingt Triggerwarnungen. Aber sie zensieren nicht, denn sie verbieten keinen Inhalt. Sie helfen nur für den sensiblen Umgang. Um Menschen zu schützen. Und das sollte es jedem Menschen wert sein, ob es nun um die eigenen Geschichten geht, bei der die Leserschaft nicht getriggert wird oder um Freunde und Follower.

 
Nutzt ihr Triggerwarnungen schon?
Seid ihr selbst von Triggern betroffen?
Wenn ihr schon Bücher veröffentlicht habt, wo positioniert ihr die Triggerwarnungen?

 
Bis denne ☆