Schreibroutine aufbauen

 
Routinen erleichtern den Alltag.
Diesen Satz hört wohl jeder Autor irgendwann, wenn er sich mit dem Handwerk auseinandersetzt, in Austausch mit anderen Autoren tritt oder oder oder.
Und so einengend das klingen mag, ich stimme dem völlig zu.

 
Von klein auf werden wir darauf getrimmt, unseren Tagesablauf zu strukturieren, routiniert zu leben. Beispielsweise durch das morgendliche Aufstehen, Fertigmachen und dann in-die-Schule-gehen. Nachmittags Hausaufgaben machen. Abendessen. Schlafen. Die Routinen dazwischen variieren. Bei manchen sind es die Gute-Nacht-Geschichten. Bei anderen vielleicht eine Fernsehserie. Wie auch immer, die meisten Kinder werden so erzogen. Sie werden dadurch auf das Leben als Erwachsene vorbereitet. Ob wir es wahrhaben wollen oder nicht, um in der heutigen Gesellschaft zu funktionieren, kommen wir nicht völlig ohne Routine aus (außer wir distanzieren uns von ihr und kreuzen sie nur, wenn es unumgänglich ist, aber das trifft wohl auf die wenigsten von uns zu).

 
Mir persönlich helfen Routinen, Dinge zu erledigen, sie nicht zu vergessen und so auch effektiver zu werden. Etwas, das in meinen Alltag integriert ist, mache ich, ohne darüber nachzudenken. Das funktioniert immerhin sogar bei Dingen, die ich gar nicht machen möchte, die aber nötig sind, wie beispielsweise dem Haushalt. Wenn es dort möglich ist, warum dann nicht bei Dingen, die mich interessieren?

 
Ich möchte euch heute einen Weg vorstellen, sich eine Routine aufzubauen. Es ist sicher nicht der einzige und deswegen auch nicht für jeden passend. Und auch wenn ich ihn hier vor allem am Beispiel der im Titel erwähnten Schreibroutine zeige, so ist er auch für andere anwendbar.

 
Der Auslöser für mich lag in einem Monatsevent eines Forums. Darin ging es darum, täglich eine Stunde zu schreiben. Wie lange es tatsächlich braucht, eine Routine aufzubauen, darüber scheiden sich die Geister. Meine Erfahrung zeigt, nach sechzig Tagen ist es etwas leichter, aber für eine feste Routine habe ich mindestens ein Vierteljahr gebraucht, andere wiederum sprechen von nur 30 Tagen.
Auf dieser Aussage aufbauend, bot das Forum mit dem Event einunddreißig Tage lang Unterstützung in Form gegenseitiger Motivation – ähnlich wie in Schreibmonaten wie dem NaNoWriMo.
Ich wollte damals mehr als nur regelmäßig schreiben (weil ich das auch schon getan habe, für mich galt es eher, Weiteres mit in meinen Alltag zu integrieren, deswegen lässt es sich aber auch vergleichen). Ich habe daher die vorgegebene Stunde auf vier Aktivitäten aufgeteilt: Schreiben, plotten, lesen und das Erlernen japanischer Schriftzeichen.[1] Mir mangelte es nämlich am täglichen Lesen und ich wollte zudem unbedingt ein zweites Projekt in einem anderen Bearbeitungsstatus einbauen. Das bedeutet nicht, dass ihr euch jetzt vier verschiedene Dinge suchen müsst, die ihr in Routinen umwandelt. Das war damals nur mein Weg. Das Projekt in dem Forum hatte eigentlich eine Routine von einer Stunde pro Tag vorgesehen, für mich hat sich aber das Aufteilen mehr angeboten.

 
Warum fällt es uns nun so schwer, überhaupt eine Routine aufzubauen? Weil uns der Druck fehlt, sie umzusetzen. Den Haushalt müssen wir machen, wenn wir nicht entweder eine Haushaltshilfe bezahlen wollen (oder oftmals vermutlich eher nicht können) oder aber im Dreck versinken wollen. Das ist der Antrieb, den Haushalt zu schmeißen. Beim Schreiben müssen wir uns den Druck selbst schaffen. Das ist ein Grund, warum ich zu kleinen Zielen rate. Eine Stunde am Tag finde ich deswegen auch sehr ambitioniert, wenn es um nur einen Routinepunkt geht. Wobei es rein rechnerisch egal ist, ob es in einer Stunde ein Punkt ist oder vier verschiedene Punkte, die jeweils eine Viertelstunde in Anspruch nehmen. Eine Stunde bleibt eine Stunde. Eigentlich. Denn eine Stunde am Stück steht uns nicht immer zur Verfügung. Deswegen habe ich hier ein paar Tipps für euch.

 
1.
Seid nicht zu ambitioniert. Setzt euch kleine Ziele.
Darunter fällt eben auch eine mögliche Stückelung eines größeren Tagesziels.
Habt ihr eine Stunde zum Ziel und könnt sie nur am Stück ausführen, wird es euch aus der Routine werfen, wenn ihr die Stunde nicht ununterbrochen zur Verfügung habt. Noch bevor die Routine etabliert ist. Habt ihr aber Teilziele, könnt ihr sie in Etappen über den Tag verteilt einfließen lassen, wenn ein großes Zeitfenster nicht möglich ist. Mehr als das kleine Ziel könnt ihr immer noch machen, wenn ihr die Zeit dafür habt. Oder aber die Etappen direkt nacheinander abarbeiten, wenn ihr die Möglichkeit habt.

 
2.
Setzt nicht aus.
Wenn ihr die Routine unterbrecht, müsst ihr wieder von vorn beginnen. Vor allem in der Anfangszeit. Ist die Routine erst einmal in euch verankert, funktioniert es auch, sie mal einen Tag zu unterbrechen (je länger die Pause, desto schwerer wird es für gewöhnlich, wieder reinzukommen).
Wann die Routine aufgebaut ist, fragt ihr euch? Wenn ihr sie einmal aussetzt und euch etwas fehlt. Wenn ihr dabei das Gefühl habt, ihr hättet etwas vergessen und euch erinnern müsst, dass es okay ist, das heute einmal nicht zu tun. Wenn das Nicht-Tun die Ausnahme ist.

 
3.
Setzt euch hin und fangt an.
Die Muse kommt nicht vorbeigeflattert, wenn ihr sie braucht. Und ihr braucht sie eigentlich auch gar nicht. Nicht, wenn ihr eine Routine habt. Denn diese zieht euch in das Projekt. Die Routine ist es, die es euch erleichtert, dort einzusteigen, wo ihr gestern aufgehört habt.

 
4.
Lasst das Überarbeiten während des Schreibens. Auch das Lesen.
Zu lesen verleitet zum Überarbeiten. Das raubt euch wiederum Arbeitszeit fürs Schreiben und lenkt davon ab. Lest den letzten Absatz vom Vortag, um einen Einstieg zu haben, aber lasst den Rest außen vor. Dafür ist die Überarbeitungsphase da.

 
5.
Lasst Fehler Fehler sein.
Egal, ob Rechtschreibfehler, die rot unterkringelt sind, oder andere stilistische Auffälligkeiten im Manuskript sind, sie gehören in die Überarbeitungsphase.
Ihr fühlt euch blockiert, weil ihr schon beim Tippen merkt, dass diese Stelle ganz platt erzählt klingt und mehr Leben braucht? Setzt euch einen Kommentar ins Dokument, dann habt ihr den Hinweis für die Überarbeitung. Die Rohfassung darf Müll sein. Sie ist eure Grundlage, aus der ihr eine grandiose Geschichte erschafft.

 
6.
Blendet das Drumherum aus.
Das gilt in erster Linie für diejenigen, die nicht allein leben, denn Ablenkung durch andere Menschen um euch herum, hilft euch nicht für die Routine. Vermittelt eurem Umfeld, dass ihr jetzt eine Weile für euch braucht. Setzt euch damit durch, diese Zeit für euch zu haben. Sucht euch notfalls eine andere Umgebung, wenn Ruhe zu Haus nicht umsetzbar ist.
Darüber hinaus gilt das aber auch für Ablenkungen wie das Internet in seiner gesamten Breite. Setzt die Recherche vor oder hinter den Schreibprozess. Lasst die Finger von Social Media und Co.. Zieht notfalls den Stecker des Routers oder deaktiviert die Internet-Verbindung (wenn euer Router auch IP-gestützte Telefonie mit sich bringt und ihr damit eurem gesamten Haushalt die Telefonverbindung kappen würdet). Setzt euch die Schreibzeit als feste Arbeitszeit, in der Privatkram nichts zu suchen hat.

 
7.
Erwartet keinen täglichen Schreibspaß.
Immer wieder höre ich das Argument, dass es einfach keinen Spaß macht, sich täglich hinzusetzen. Das ist okay, wenn ihr keine Routine aufbauen wollt. Aber darum geht es hier eben nicht.
Wenn euch ein routinierter (Schreib-)Ablauf wichtig ist, dann stellt euch darauf ein, dass ihr nicht täglich ein Glücksgefühl verspüren werdet, wenn ihr euch ans Dokument setzt. Im Gegenteil. An den meisten Tagen hatte ich gar keine Lust darauf und das hat sich auch nie wirklich geändert. Es gibt in dem Augenblick fast immer Dinge, die ich viel lieber machen würde. Um mich hinterher darüber zu ärgern, wieder nicht geschrieben zu haben. Der Spaß am Schreiben hat nichts mit Jubeln zu tun, nicht mit der Art Spaß, einen tollen Abend mit Freunden zu verbringen. Er liegt eher in der Befriedigung, seine Geschichte zu schreiben, zu überarbeiten und fertigzustellen. Wartet also nicht auf das Gefühl, dass es Spaß machen soll, wenn ihr euch hinsetzt, sondern tut es einfach. Oft genug fühlt es sich hinterher gut an, weil ihr wieder einen kleinen Teil zu dem gigantischen Projekt, das das Schaffen eines Buches ist, hinzugefügt habt.

 
Diese kleine Ansammlung an Tipps ist nichts Neues, aber meiner Meinung nach bewährt sie sich. Keiner von ihnen ist wichtiger als der andere, denn nur in Kombination funktionieren sie, um wirklich effektiv zu arbeiten.

 
Und deswegen bleibt nur eines: Setzt euch hin und fangt an.

 
[1]
Das klingt nach sehr viel für eine Stunde am Tag bzw. erscheint sinnlos für jeweils fünfzehn Minuten überhaupt anzufangen. Anfangs ist dieses Gefühl normal, das ging mir auch so. Kaum hatte ich mich in den aktuellen Stand eingefunden, war die Zeit schon wieder vorbei.
Aber das ändert sich. Ich möchte das anhand von Zahlen verdeutlichen:
Ich habe im Juli 2015 nach langer Pause wieder mit dem eigentlichen Schreiben begonnen (davor lag eine lange Plotphase).
Tag 1: 15 Minuten 210 Wörter
Tag 2: 24 Minuten 327 Wörter
Es folgte eine kurze Pause, weil ich noch eine Lücke im Plot entdeckt hatte, aber im August habe ich endgültig mit dem täglichen Schreiben begonnen und über ein Jahr ohne Unterbrechung durchgehalten.
Im Juli 2016 habe ich beispielsweise durchschnittlich 23,81 Minuten pro Tag geschrieben. Umgerechnet auf fünfzehn Minuten lag ich damit bei 654 Wörtern. Dies liegt ein wenig über meinem Schnitt. Es gab also auch Monate, wo ich etwas darunter lag, aber selbst mit 500 Wörtern in fünfzehn Minuten lag ich weit über dem Anfang des Routineaufbaus.
Mit der Routine konnte ich mich hinsetzen, das Dokument öffnen und ohne Zeitverlust starten. Weil mein Kopf noch vom Vortag wusste, wo ich bin. Ich bin nie richtig ausgestiegen. Aber um dort anzukommen, um wirklich sofort starten zu können, ist es wichtig, die Routine vollends aufzubauen.
Vielleicht helfen die Zahlen, die Worte bei den Tipps zu unterstreichen (mir hilft sowas oft).